Teppiche

[522] Teppiche [1] (tapis, carpets), gemusterte Gewebe zum Belegen der Fußböden (Fußteppiche) und zum Behängen der Wände (Wandteppiche, Tapeten).

Die Fußteppiche sind entweder abgepaßt oder werden in langen Stücken verfertigt, woraus man nachher die Bedeckung eines Fußbodens zusammensetzt. Während zur Ausschmückung der Wände gewünschtenfalls jede Gewebeart benutzt werden kann, wird von den Fußteppichen eine besondere Dicke verlangt, damit für den darüberschreitenden Fuß die Empfindung der Weichheit, womöglich des angenehm Schwellenden vermittelt werde. Wegen Herstellung der gewöhnlichen, aus nur einem Schuß- und einem Kettenfadensystem bestehenden Gewebearten s. Weberei.

Weitere eigenartige Herstellungsweisen beziehen sich auf die Gobelins und eine besondere Art Wollmosaik; Gobelins, Gobelinstapeten oder Niederländertapeten werden wohl auch geflochtene Teppiche, im Orient Kilims (Kis-kilims, Kelims, Ghilims) genannt [2]. Das Gewebe derselben ist leinwandartig; die mit großer Kunst ausgeführten bildlichen Darstellungen (Landschaften, Porträts, historische Szenen u.s.w.) entstehen durch die Farbenwechslungen im Eintrage, welcher teils aus gezwirntem seinem Kammwollgarn, teils aus Seide gebildet und so dicht angeschlagen ist, daß er die aus Leinen oder Kammwollzwirn bestehende Kette gänzlich verdeckt. Das Weben dieser Tapeten geschieht auf einem sehr einfachen, aber breiten Stuhle, an welchem mehrere (z.B. vier) Personen zugleich arbeiten. Keine künstliche Maschinerie, nicht einmal eine Lade, ist an diesem Stuhle vorhanden; das Einziehen der Schußfäden geschieht mittels kleiner Spulen aus freier Hand, das Anschlagen mittels eines Kammes, der ebenfalls in der Hand gehalten wird. Eine vollständig ausgemalte papierene Patrone, welche zur Richtschnur bei Auswahl und Anordnung der Farben dient, befindet sich unter der Kette, etwa 25 mm weit von derselben entfernt, und ist also dem Weber beständig vor Augen.[522] Die rechte Seite ist beim Weben unten. Jeder Weber hat für den von ihm zu bearbeitenden Teil der Kette eigne Schäfte und Tritte, um sie in Ober- und Unterfach zu teilen; aber der Einschlag erstreckt sich gewöhnlich auf einmal nur über eine kleine Anzahl von Kettenfäden, welche mit dem Finger aus dem Oberfach genommen werden, um die Schußspule darunter durchstecken zu können. Die Vereinigung der Randleisten benachbarter, auf diese Weise gebildeter Gewebestücke von verschiedener Farbe erfolgt durch zeitweises Umfassen des äußersten Kettenfadens des Nachbarstückes mit dem Schußfaden des eben in der Herstellung begriffenen Gewebeteiles oder durch Einschlingen eines besonderen Nähfadens. Hiernach ist ein Gobelin als ein hohe Kunstfertigkeit erforderndes Mosaikgewebe zu betrachten, bei welchem einzelne einfarbige Gewebeteile dadurch zusammengehalten werden, daß die aneinander stoßenden Stücke gemeinsame Kettenfäden haben und der Schußfaden jeden Teiles den äußersten Kettenfaden des Nachbarteiles zeitweise umschlingt. Wenn, wie bisher angenommen, die Kette wagerecht ausgespannt, also der Stuhl im ganzen einem gewöhnlichen Webstuhle ähnlich ist, so nennt man ihn Basselissestuhl; ist die Kette senkrecht ausgespannt, was der vorzugsweise benutzte Fall ist, so heißt er Hautelissestuhl. Auf den Hautelissestühlen werden (namentlich in Persien) auch die Sumakhteppiche nach Art der broschierten Gewebe erzeugt; die Schußenden werden entweder auf der Rückseite kurz abgeschnitten oder hängen lose auf ihr herab; auf die Schauseite werden die Musterfäden vielfach unter gegenseitiger Umzwirnung eingebunden, so daß sie dort in der Schußrichtung ähnlich wie Sutasch aufliegen. Durchbrechungen in der Kettenrichtung (à jour-Streifen) sind bei ihnen nicht vorhanden.

Ein andrer Mosaikteppich, welcher sich zufolge seiner Herstellung nur als Wandteppich eignet, ist die Crossley-Wollmosaik (Mosaig Rugs) [3]. Buntfarbige Wollfäden werden in einem Rahmen parallel nebeneinander liegend so angeordnet, daß ein Fadenbündel (bis zu 800000 Fäden enthaltend) entsteht, dessen Querschnitt der Rahmengröße entspricht und das beabsichtigte Farbenmuster zeigt. Nach Ebnung der oberen Querschnittsfläche wird diese mit Kautschuklösung bestrichen und ein starkes Gewebe aufgeklebt. Die Florbildung erfolgt durch Ausschieben des Fadenbündels aus dem Rahmen um die beabsichtigte Florlänge und Durchschneiden des Bündels dicht an der Rahmenkante mittels eines rasch umlaufenden Kreismessers. Mehrfache Wiederholung des gleichen Verfahrens führt zur Gewinnung einer größeren Anzahl völlig gleichartig gemusterter Teppiche.

Die besondere Dicke der Fußteppiche (s. oben) kann entweder unter Benutzung des Verfilzens von Tierhaaren oder unter Festhaltung an dem einfachen, aus zwei Fadensystemen (Kette und Schuß) bestehenden Gewebe durch Verwendung besonders dicker Gespinste oder Gezwirne erreicht werden (einfache Teppiche, Tiroler Teppiche, britische Teppiche, Nachbildungen der venezianischen Teppiche), oder durch geeignete Verbindung (z.B. gegenseitige Durchdringung) zweier oder dreier Gewebe, von denen jedes ein besonderes Kettenfadensystem und ein besonderes Schußfadensystem enthält (doppelte oder Kidderminsterteppiche, dreifache oder wohl auch schottische Teppiche), oder endlich durch Verbindung eines einfachen Grundgewebes mit einem besonderen System dicker Schußfäden (Schußflorteppiche), beziehentlich mit einem besonderen System dicker Kettenfäden (Kettflorteppiche) in solcher Art, daß die Fäden eines solchen dritten Systems über das Grundgewebe sich erhebende Schlingen oder Noppen bilden; diese Noppen, welche nach Befinden am äußeren Ende aufgeschnitten werden können, führen zu dem Erfolge, daß die Teppichdicke auf Kosten der dazu verwendeten Fadenlänge beliebig vergrößert werden kann, und gewähren auch die Möglichkeit, daß man auf der Schauseite ein mosaikartig erscheinendes, durch die Querschnittsfläche verschiedenfarbiger Fäden gebildetes Farbenmuster entstehen lassen kann.

Eine eigenartige Art von orientalischen Teppichen sind die Filzteppiche. Bei ihrer Herstellung wird ein der beabsichtigten Dicke entsprechend hoher Rahmen oder ein im Fußboden ausgesparter Raum mit Wollgemenge ausgefüllt und dort so lange entsprechend gefeuchtet, mit Schlägeln bearbeitet, bis eine Verfilzung eintritt. Hiernach wird das Muster aus farbigen Fäden auf die Oberfläche aufgebracht und dort befestigt.

A. Schußflorteppiche.

Das einfachste Gewebe, bei welchem der Flor (Pole) mittels des Schußfadens erzeugt wird und welches als Teppich Verwendung finden könnte, ist der Manchester oder der unechte oder Baumwollsamt, sofern er farbig bedruckt wird. Der aus der Ebene des Gewebes herausstehende Flor, sofern er aus Schuß besteht, wird jedoch fast ausnahmslos dadurch gebildet, daß entweder ein besonderer Schußfaden eingetragen wird, welcher den Flor an sich fix und fertig enthält (Chenilleteppiche), oder dadurch, daß in die Kette eine große Anzahl von einzelnen Schußfadenstückchen eingeknüpft werden (Knüpfteppiche).

Chenilleteppiche. Hier wird zunächst ein glattes Gewebe hergestellt, dessen Kette aus einzelnen sehr flüchtig verteilten Fadengruppen (Leinen oder Baumwolle) besteht (vgl. Fig. 1) und dessen Schuß (Kammgarn, Seide, Baumwolle) in verschiedenen, durch das Muster angezeigten Farben dicht eingeschlagen wird. Schneidet man nach Vollendung dieses Gewebes dasselbe in der Mitte zwischen je zwei Kettenfädengruppen (bei t) nach der Länge durch und dreht die so erlangten Streifen zusammen, so erhält man raupenförmige Fäden, deren seine Kette, durch den stärkeren dichten Einschlag verdeckt, demselben nur zum Halte dient und welche in ihrer Färbung das vorgeschriebene Muster repräsentieren. Diese Fäden, welche sonach auf ihrer ganzen Umfläche bereits den Flor tragen, werden nun in das eigentliche Teppichgewebe, dessen Kette aus Leinen-, Jute- oder Baumwollgarn, seltener aus Wolle besteht, eingeschossen, nach Maßgabe des Musters sauber aneinandergepaßt, worauf durch Aufbürsten der seinen Chenillefäden sich auf[523] beiden Seiten ein regelmäßiger Flor erzeugt. Durch dazwischen eingetragene Grundschüsse (aus Leinen-, Baumwollen- oder Jutegarn) wird dem Gewebe Konsistenz und Fertigkeit gegeben. Die sämtlichen bei der Vorarbeit gleichzeitig erhaltenen Chenillefäden haben selbstverständlich die gleiche Musterung, und es muß zu deren vollständiger Verarbeitung die gleiche Anzahl Teppiche von einerlei Muster hergestellt werden, wenn sich nicht im Rapporte des Musters derselbe Faden mehrfach wiederholt. Der Nuancierung des Musters ist bei diesem Herstellungsverfahren ein solcher Spielraum gegeben, wie es bei der Arbeit mit dem Jacquard und selbst durch das Druckverfahren nicht möglich ist, da ohne Verteuerung die Farbenzahl fast bis ins Unendliche vermehrt und der Zeichnung jede beliebige Feinheit gegeben werden kann. Die Höhe des Flores hängt von der gegenseitigen Entfernung der Kettfädengruppen bei der Vorarbeit ab, wodurch die Länge der Chenillefäden bestimmt wird. Das auf vorgehend erläuterte Weise hergestellte Gewebe enthält natürlich den Flor auf beiden Seiten, und beide Seiten sind vollständig gleichwertig. Derartige Gewebe werden deshalb seltener als Fußteppiche, mehr als Türvorhänge, Tischdecken u.s.w. gebraucht.

Bei den sogenannten Axminsterteppichen werden die Chenillestreifen nicht zusammengedreht, sondern so vorbereitet, daß die Chenilleschußfäden, welche ja den Flor bilden, nur nach einer Seite gerichtet sind. Zu diesem Zwecke werden die Chenillestreifen nach dem Schneiden gedämpft, um sie bildsam zu machen, über mit ∨ förmigen Rillen versehene geheizte Walzen geleitet und getrocknet, worauf die Chenille im getrockneten Zustande eine Form annimmt, wie sie Fig. 2 im Querschnitt erkennen läßt [4]. Dieser Faden wird nun auf Rollen oder auf große (je nach der Breite der Teppiche bis zu mehreren Metern lange) Steckschützen aufgewickelt und auf dem Webstuhl verwebt, derart, daß sie an das Grundgewebe mit besonderen Kettenfäden angeheftet werden. Fig. 3, welche den eingebundenen Chenilleschußfäden c im Querschnitt wiedergibt, dürfte die Bindung vollständig erkennen lassen; c ist der farbige Chenilleschußfäden, s der Grundschußfaden, welcher gewünschtenfalls durch ein Bündel von Fäden ersetzt werden kann, k ist der Grundkettenfaden und k1 die Bindekette für den Chenillefäden. Um den Teppich dicker zu gestalten, kann man außerdem noch eine besondere Füllkette k2 anwenden. In der Farbenwahl hat man bei den Axminsterteppichen ebenso große Freiheit wie bei den Knüpfteppichen, und es kann auch die Florhöhe beliebig hoch gemacht werden.

Knüpfteppiche. Die schönste, aber durch ihre mühsame und langwierige Verfertigung kostspieligste Art der Fußteppiche sind die Knüpfteppiche (Smyrna-, türkische oder Savonnerieteppiche). Sie werden auf einem Stuhle mit aufrecht gespannter Kette (Hautelissestuhl) ohne Hilfe einer künstlichen mechanischen Einrichtung angefertigt und sind ziemlich der Perlenstickerei oder Mosaik zu vergleichen, indem die einzelnen Florschußfäden (Noppen) nach Anweisung der Patrone einzeln an die Kettenfäden angeknüpft werden, wie es Fig. 4 und 5 wohl hinreichend klar erkennen lassen. Fig. 4 ist ein Aufriß, worin die Knüpfung der farbigen Schußfadenstückchen S gezeigt ist, bevor die fertigen Schlingen fest an die Grundschußfäden s angeschlagen sind, k sind die Kettenfäden; Fig. 5 zeigt die Verschlingung im Grundriß. Dies ist die gewöhnliche Knüpfmethode; doch kommt auch die in Fig. 6 dargestellte Knüpfung bei orientalischen Teppichen vor. Die Bildung der Fadenschleifen (Noppen), welche den Flor erzeugen, geschieht dadurch, daß der Weber ein meist stählernes, etwa 220 mm langes Stäbchen (Nadel n) quer über die Kette k legt, den Florschußfäden S in der gezeichneten Weise um dasselbe herumschlingt und ihn an die Kettenfäden anknüpft. Nachdem eine Reihe Noppen über die ganze Breite des Teppichs gebildet ist, werden zwei Schußfäden (s) eingetragen, welche die Kette leinwandartig verbinden; dann schreitet man zur Anfertigung der nächsten Noppenreihe u.s.w. Das Stäbchen, mit dessen Hilfe die Noppen gemacht werden, wird nachher herausgezogen. Sollen die Noppen nicht aufgeschnitten erscheinen, so ist einfach ein an beiden Enden stumpfes Stäbchen (Nadel n) vorhanden; sollen die Noppen aber aufgeschnitten sein, so trägt das Stäbchen an dem einen Ende eine scharfe, krumme Messerklinge, welche die Noppen beim Herausziehen des Stäbchens aufschneidet. Der vorgehende Flor wird schließlich mit der Schere bezw. Schermaschine auf die richtige Länge niedergeschoren, wodurch alle zu langen Fadenendchen weggeschafft werden und das gemäldeartige Bild erst seine volle Schönheit erlangt. Die Kette besteht aus gezwirntem Wollen-, Hanf-, Leinen- oder Jutegarn, der Grundschuß aus den gleichen Faserstoffen, der Florschuß aus Wolle oder Seide. Die Zahl der Noppen, welche eine Knüpferin täglich nach der durch Fig. 5 gekennzeichneten Methode knüpfen kann, beträgt etwa 7000. – Hinsichtlich der Zeichnung, der Farbenabwechslung, der Höhe und Dichte des Flors und auch der Umrisse und Größe des Knüpfteppichs ist unbedingte Freiheit vorhanden; gewünschtenfalls könnte man sogar den Stoff des Flores beliebig wechseln. Da die Fäden zudem sehr fest verknüpft sind, so ist der Knüpfteppich jedenfalls als der edelste unter allen Teppichen zu bezeichnen. Es hat deshalb nicht an Versuchen gefehlt, ihn entsprechend nachzuahmen [5] bezw. hat man versucht, ihn auf mechanischem Wege herzustellen [6]. Es verdient ferner angeführt zu werden, daß in England ein Verfahren und eine Stuhleinrichtung erfunden worden ist [7], um die Noppen der Samtteppiche aus Einschußfäden in ähnlicher Weise zu erzeugen, wie die Schleifen bei der Wirkerei durch das sogenannte Kulieren gebildet werden.[524] Der Florschuß wird nämlich gleich dem Grundschusse schlicht liegend, d.h. ausgestreckt, eingeschossen; dann aber greifen kleine emporgehende Haken unter diesen Faden und ziehen ihn zwischen den Kettenfäden heraus in die Höhe, um ihm die Schleifengestalt zu geben. Diese Haken aber folgen in ihrer Wirkung der Reihe nach aufeinander, weil einer gleichzeitigen Hebung aller der Faden nicht nachgeben könnte. Weitere Knüpfmethoden vgl. [8].

Die Kokosabstreicher werden entweder nach Art der Knüpfteppiche geknüpft oder es wird folgendes Verfahren angewendet: Der Florschuß S (Fig. 7) wird über das ganze Fach gestreckt eingelegt, sodann wird über das ganze Gewebe eine gespaltene Nadel oder ein Schwert N von der Seite her allmählich vorwärts geschoben, von welcher der Florschuß eingetragen wurde und dabei zwischen den Kettenfaden hindurch mit den Fingern der nachgezogene Florschuß um das Schwert gewickelt, so, wie es die Figur zeigt, bis an das jenseitige Ende; hierauf werden wieder ein paar Grundschußfaden eingelegt, kräftig angeschlagen und der Florschuß durchschnitten. Gewünschtenfalls kann der Florschuß auch durch mehrere Kettenfäden gebunden werden.

B. Kettenflorteppiche.

Wird für die Bildung der Noppen oder des Flores eine besondere Kette – Polkette, Ober- oder Samtkette benutzt, so kann diese entweder seitlich aus der Gewebefläche in Schlingenform ausgebogen werden (vgl. Fig. 8), oder es werden zwei Gewebe übereinander erzeugt (Doppelsamt), welche in der doppelten Florfläche voneinander abstehen und welche durch die Polkettenfäden in der durch Fig. 9 angedeuteten Weise miteinander verbunden sind; schneidet man die Polkettenfäden an den mit t bezeichneten Stellen durch, so erhält man zwei Stücke Samt gleichzeitig [9]. Zur Erläuterung der folgenden Figuren mag noch hervorgehoben sein, daß bezeichnet sind die Grundkette immer mit g, die Polketten mit p bezw. p1, p2, die Füllkette, welche vielfach zur Verdickung der Gewebe angewendet wird, mit f, der Schußfaden mit s und die Nadeln mit n, Trennungsstellen mit t.

Der Typus der Kettenflorteppiche ist der echte Samt (Velours), dessen Hauptbindungsart Fig. 8 zeigt; die Höhe der Maschen (Schlingen oder Noppen) der Polkette wird durch das Eintragen besonderer Nadeln n (Ruten, Samtnadeln) bestimmt. Werden die Nadeln wieder herausgezogen, indem man die Samtmaschen unverändert läßt, so bezeichnet man den Samt als gezogenen Samt, ungeschnittenen oder ungerissenen Samt, Halbsamt oder Ritzer; werden die Schlingen bei t aufgeschnitten, so erhält man den geschnittenen oder gerissenen Samt (vgl. linken Teil in Fig. 8). Von dem Samt im gewöhnlichen engeren Sinne des Wortes unterscheidet sich der Felper (Felpel, Velpel, Pelzsamt) und der Plüsch wesentlich nur durch die Länge des Haares, welche beim Plüsch größer als beim Samt und beim Felpel am größten ist. Sofern bei diesen zwei Stoffen das Haar eine gewisse Länge erreicht, kann es nicht mehr aufrecht stehen, sondern wird durch Bürsten nach dem Striche niedergelegt; die kurzhaarigen Plüsche, deren Haar steht wie jenes des Samts, nennt man wohl Plüschsamt. Für den Fall, daß Dicke und Farbenmuster des Teppichs mit Hilfe eines besonderen, nach Länge und Arbeitsrichtung verlaufenden Kettenfadensystems (Polkette) erzielt werden, verfügt die Technik über eine gewisse Mannigfaltigkeit von Möglichkeiten der Herstellung, welche zu vier Hauptarten solcher Teppiche und deren Unterscheidung mittels besonderer Namen genötigt hat. Es kann nämlich zunächst das Farbenmuster auf zweierlei Art zustande gebracht sein. Setzen wir voraus, es solle das auf der Schauseite hervorzurufende Muster fünf verschiedene Farben erfordern, so kann man die Polkette aus entsprechend gefärbten Fäden in solcher Art zusammensetzen, daß an jeder Stelle der Gewebebreite, an welcher überhaupt beim Einweben einer Nadel die Bildung einer Noppe erfolgen soll, ein ganzes Bündel von Polfäden sich vorfindet, in welchem jede der fünf Farben durch einen Faden vertreten ist; von diesem Fadenbündel wird nach Maßgabe des Musters mittels eines Jacquardgetriebes für jedes Nadelfach derjenige Faden ausgehoben, »ins Oberfach gezogen«, dessen Farbe an dieser Stelle gerade erforderlich ist, während die übrigen vier Fäden im Grundgewebe ausgestreckt verbleiben, also an der Verwirklichung des Musters sich nicht beteiligen, so wie es Fig. 10 für drei Farben zeigt; beim nächsten Nadelfach wird die Auswahl der Farben eine andre sein. Bei dieser, den »Brüsseler Teppichen« eigentümlichen Verwirklichungsart des Farbenmusters hat also jeder einzelne der Polkettenfäden p1, p2, p3 nach seiner[525] ganzen Länge einerlei Farbe, kann also durch den einfachen Prozeß des Färbens hergestellt werden. Die zweite technisch mögliche Art der Musterung kommt darauf hinaus, daß an Stelle der vorher erwähnten Fadenbündel nur je ein einziger Wollfaden eingeschert ist, der aber alle erforderlichen Farben zugleich darbietet, nämlich durch Bedrucken nach einem aus dem Muster und aus dem Grade des Einwebens hergeleiteten Gesetz mit den verschiedenen der Länge nach aneinander grenzenden Farben versorgt ist; hier ist kein Jacquardgetriebe erforderlich; jeder Polfaden p wird für jedes Nadelfach mittels eines allen gemeinsamen Schaftes ins Oberfach geführt, wie es Fig. 11 erkennen läßt; was also an Einfachheit in der Vorbereitung der Polkette verloren geht, wird an Einfachheit des Teppichstuhls gewonnen. Die Umrisse werden aber bei dieser Teppichgattung nie so rein und scharf ausfallen können wie bei dem Brüsseler Teppich, sie haben immer ein mehr oder weniger verschwommenes Aussehen. Es kann ferner die Schauseite des Teppichs dadurch einen verschiedenartigen Charakter erhalten, daß man die mittels vorübergehenden Einwebens von Nadeln gebildeten Noppen am äußersten Ende entweder aufschneidet oder nicht.

Auf Grund der entwickelten Herstellungsweisen kann man als Kriterien für die Einteilung zugrunde legen: 1. ob der Flor durch »Schuß« oder »Kette« entsteht; 2. ob die Noppen sämtlich aufgeschnitten sind oder sämtlich nicht aufgeschnitten oder teilweise aufgeschnitten, teilweise nicht aufgeschnitten sind; 3. ob die Farbenmusterung dadurch stattfindet, daß die Polfäden a) vor dem Weben bedruckt beziehentlich aus verschiedenen farbigen Stücken hergestellt sind, oder die Farbenmusterung b) während und durch das Weben selbst (infolge der Auswahl unter den verschiedenen einfarbig gefärbten Polfäden) zustande kommt oder ob sie c) nach dem Weben durch Aufdrucken vorgenommen wird. Ein hierfür geltendes logisches Diagramm zeigt Fig. 12. Das gesamte Feld läßt sich durch die eine Scheidung (z.B. senkrechte Linie x) teilen in Schuß- und in Kettenflorteppiche. Der Minuskreis soll diejenigen Teppiche umfassen, deren Noppen nicht aufgeschnitten sind, der Pluskreis diejenigen, deren Noppen aufgeschnitten sind; mithin wird das Bogenzweieck diejenigen Arten kennzeichnen, welche mit zum Teil aufgeschnittenen, zum Teil nicht aufgeschnittenen Noppen behaftet sind. Es läßt sich ferner das gesamte Feld teilen durch die Linien yy, zz in drei Regionen, von welchen die obere diejenigen Teppiche umfassen soll, bei denen die Farbenmusterung dadurch stattfindet, daß die Polfäden der Länge nach aus verschiedenartig gefärbten Stücken zusammengesetzt sind. Die mittlere Region soll diejenigen Arten umfassen, bei welchen die Farbenmusterung während des Webens durch die dem Muster entsprechende Auswahl der einfarbig gefärbten Florfäden gebildet wird, und endlich die untere Region würde diejenigen Florteppiche zu umfassen haben, bei welchen die Farbenmusterung erst nach dem fertigen Weben durch Aufdrucken von Farbe stattfindet. Hiernach würde es neun verschiedene Arten von Kettenflorteppichen geben, deren begriffliche Feststellung sich aus dem Diagramm ohne weiteres ablesen läßt [10].

Tapestryteppich ist jeder farbig gemusterte Kettenflorteppich, bei welchem die Noppen nicht aufgeschnitten sind und bei welchem zur Farbenmusterung bedruckte Polfäden verwendet werden (Feld k).

Tapestryveloursteppiche sind alle farbig gemusterte Kettenflorteppiche, bei denen bedruckte Polfäden verwendet und die Noppen aufgeschnitten sind (Feld m). Die dem Bogendreieck l entsprechende Art, bei welcher die Noppen also zum Teil aufgeschnitten, zum Teil nicht aufgeschnitten sind, sind gleichfalls schon zur Ausführung gelangt, für sie ist der Name »Axminstertapestry« seitens einer ausführenden Fabrik gewählt worden.

Das Feld n entspricht den Brüsseler Teppichen. Brüsseler Teppiche sind alle farbig gemusterte Kettenflorteppiche, bei denen die Noppen nicht aufgeschnitten sind und bei denen die Farbenmusterung während des Webens durch nur gefärbte (also nicht bedruckte) Polfäden zustande kommt. Erscheinen hierbei die Noppen aufgeschnitten, so ergibt sich der Tournayveloursteppich (echter Samtteppich, Moquette u.s.w.) (Feld p).

Die dem Felde o entsprechende Teppichgattung wird von den Fabriken als Axminster-Brüssel bezeichnet.

Die unteren Felder q, r, s stellen die nach dem Weben bedruckten Kettenflorteppiche dar, wobei das Feld q den bedruckten Frisésamten, das Feld s den bedruckten Samtteppichen entspricht. Genau dasselbe logische Diagramm läßt sich auch für die Schußflorteppiche aufstellen. Die Definitionen lauen sich wiederum aus dem Diagramm ablesen. Bedeutung haben hauptsächlich gewonnen die dem Felde a entsprechenden Axminsterteppiche (Chenilleteppiche) [11] und die dem Felde d entsprechende Gattung, die Smyrnaknüpfteppiche, während die untere Region bedruckte Manchester darstellen würde. Die Felder b und c gelangen bei Kokosläufern u.s.w., gewissermaßen als Kulierschußteppiche zur Ausführung. Smyrnateppiche mit zum Teil aufgeschnittenen, zum Teil nicht aufgeschnittenen Noppen (Feld e) sind gleichfalls zur Ausführung gekommen [12].


Literatur: [1] Müller, Ernst, Handbuch der Weberei, Leipzig 1896, S. 770; Lord-Lieb, Handbuch für Musterzeichner der Textilkunstindustrie, Leipzig, Pest, Wien 1900; Bradbury, Carpet Manufacture, Manchester 1904; Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde, Stuttgart 1904; S. 558; Bosheck, Die Florgewebe, Teppiche u.s.w., Wien, Leipzig 1905; Zeitschr. f. die Textilindustrie, Berlin 1908, S. 23 ff. – [2] Karmarsch, Handbuch der Technologie, 5. Aufl., Hannover 1876, Bd. 2, S. 1332; Trautmann, Kunst und Kunstgewerbe, Nördlingen 1869, S. 152; Drival, van,[526] Les Tapisseries d'Arras; Lacordaire, Notice historique sur les manufactures impériales de tapisseries de Gobelins et de tapis de la Savonnerie, Paris 1859; Reiser, Handbuch der Weberei (1905) Bd. 2, S. 964. – [3] Ures' Dictionary of arts, Manufactures and Mines, London 1860–61, Bd. 3, S. 205; engl. Patent Nr. 668 vom Jahr 1855; Civiling. 1887, Heft 4. – [4] Chenilleschneid- und Brennmaschinen baut u.a. G. Stein in Berlin O. – [5] D.R.P. Nr. 45059, 92001. – [6] Dinglers Polyt. Journ. 1888, Bd. 270, S. 337, 433; 1891, Bd. 279, S. 295; Leipziger Monatsschr. s. Textilindustrie 1890, S. 7, 116, 168; 1896, S. 636; 1897, S. 201; 1903, S. 817. – [7] Polyt. Zentr. 1849, S. 1229; D.R.P. Nr. 67918; Zeitschr. d. Ver. deutsch. Ing. 1893, S. 546. – [8] Leipziger Monatsschr. s. Textilindustrie 1891, S. 235; Kinzer und Fiedler, Technologie der Handweberei, Wien 1893, Bd. 1, S. 85; D.R.P. Nr. 90682. – [9] Verhandl. des Gewerbfleißvereins 1856, S. 110; Polyt. Zentr. 1863, S. 1422; D.R.P. Nr. 33432, 52 213. – [10] Hartig, Studien in der Praxis des Kaiserl. Patentamtes, Berlin 1890, S. 92. – [11] Sitzungsber. d. Ver. z. Beförder. d. Gewerbefl. in Preußen 1902, S. 161. – [12] Müller, E., Handbuch der Weberei, Leipzig 1896, S. 778.

E. Müller.

Fig. 1.
Fig. 1.
Fig. 2.
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Fig. 3.
Fig. 3.
Fig. 4., Fig. 5.
Fig. 4., Fig. 5.
Fig. 6.
Fig. 6.
Fig. 7.
Fig. 7.
Fig. 8., Fig. 9.
Fig. 8., Fig. 9.
Fig. 10., Fig. 11.
Fig. 10., Fig. 11.
Fig. 12.
Fig. 12.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 8 Stuttgart, Leipzig 1910., S. 522-527.
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