Metapher

[690] Metapher (griech. metaphorá, lat. translatio, »Übertragung«) ist das Erzeugnis einer der wichtigsten ästhetischen Apperzeptionsformen (s. Apperzeption) und entsteht dadurch, daß der Redende den ihm gegebenen Schatz seiner Vorstellungen durch Übergriffe in ein andres, dem gegebenen vergleichbares oder mit ihm in Beziehung stehendes Vorstellungsbereich erweitert. Am nächsten steht die M. dem Gleichnis, denn beide Ausdrucksformen kommen dadurch zustande, daß zu dem unmittelbaren, eigentlichen Inhalt der Rede uneigentliche, aber innerlich verwandte Vorstellungen zur Belebung und Steigerung hinzugefügt werden. Aber die Funktion der Vergleichung, die in dem Gleichnis zu reinem und vollendetem Ausdruck gelangt, befindet sich bei der metaphorischen Rede gleichsam erst in einem vorbereitenden Entwickelungsstadium: bei Anwendung der M. schweift der Sprechende in eine andre, der gegebenen parallel laufende Vorstellungsreihe hinüber, sei es, um dort nur eine oder wenige Vorstellungen, die seinen Zwecken dienen, aufzugreifen, sei es, um dort längere Zeit hindurch, etwa während der Äußerung mehrerer Sätze, zu verweilen; die Funktion der Vergleichung ist noch nicht so weit gediehen, daß er das Eigentliche und Uneigentliche miteinander konfrontiert, daß er also beides zu gleicher Zeit denkt und aneinander abmißt. Die uneigentliche Vorstellung oder Vorstellungsreihe wird bei der M. unmittelbar an die Stelle der eigentlichen gesetzt, und die eigentliche gelangt überhaupt nicht mehr zu klarer Apperzeption; der Redende wie der Hörende begnügt sich mit der Erfassung der gefälligen Ersatzvorstellung. Bei dem Gleichnis hingegen werden eigentliche und uneigentliche Vorstellung mit gleicher Deutlichkeit zum Bewußtsein gebracht. Es ist daher, wenn man die psychologische Entstehung beider Ausdrucksformen ins Auge faßt, ganz verkehrt, zu sagen, daß die M. ein abgekürztes Gleichnis sei (was zumeist geschieht): viel eher kann man das Gleichnis als eine erweiterte M. bezeichnen. Nicht richtig ist es auch, anzunehmen, daß die M. auf einen engern Vorstellungskreis, etwa auf ein oder wenige uneigentliche Worte, die in den Satz eingestreut würden, begrenzt sei, und daß nur das Gleichnis über ganze Sätze fortgeführt werden könne: es gibt vielmehr ebensowohl kurze wie breit ausgeführte Gleichnisse und Metaphern. So ist es z. B. ein Gleichnis, wenn Goethe vom Heidenröslein sagt, es sei »morgenschön«, denn hier ist die neben der zum Vergleich herangezogenen Vorstellung des Morgens auch die eigentliche Vorstellung »schön« ausgedrückt; dagegen liegt eine M. vor, wenn Lenau schreibt: »Für ernste Wandrer ließ die Urwelt liegen In diesem Tal versteinert ihre Träume«, denn die Vorstellung der versteinerten Träume tritt unmittelbar als Ersatz für die eigentliche Vorstellung »erratische Blöcke« ein. Da nun aber nicht selten in der ästhetisch gehobenen Rede neben der metaphorischen Ersatzvorstellung noch Bruchstücke der eigentlichen Vorstellung eingestreut werden, so ist es leicht zu verstehen, daß es Übergangsformen zwischen M. und Gleichnis gibt, und daß die Interpretation der einzelnen konkreten Erscheinungen zweifelhaft sein kann. Meist ist dies jedoch nicht der Fall, und da zeigt sich denn, daß der M. unbedenklich der höhere ästhetische Wert zuerkannt werden muß: indem sie die Gedankenparallelen nur andeutet, nicht aber ausführt, wirkt sie belebend und anspornend auf unsre Phantasie, was das Gleichnis nicht in ebenso vollkommener Weise vermag. Im einzelnen hängt der Wert der Metaphern davon ab, wie bedeutsam der Inhalt ist, den sie zu der gegebenen Vorstellung hinzufügen: auch die M. ist den Normen der Neuheit, Kontraststeigerung, Harmonie, Abtönung, Lebenswahrheit etc. unterworfen (vgl. Ästhetik, S. 898). Besonders wichtig ist es aber auch, daß die M., ebenso wie das Gleichnis, aus dem innersten Vorstellungsbezirk des Redenden hervorwachse und nicht als äußerlicher Flitter aufgetragen sei. Bei naturgemäßer innerlicher Entstehung ist der metaphorische Ausdruck für den ganzen geistigen Gesichtskreis, ja für die Weltanschauung des Redenden bezeichnend (vgl. dazu z. B. Jülicher, Die Gleichnisreden Jesu, 2. Aufl., Freiburg 1899, 2 Bde.; Weinel, Die Bildersprache Jesu in ihrer Bedeutung für die Erforschung seines innern Lebens, Gießen 1900). Leichter zu unterscheiden ist die M. von andern Erzeugnissen der ästhetischen Apperzeption. So ist es charakteristisch für die symbolische Apperzeption, daß bei ihr nicht eine der eigentlichen adäquate Vorstellung als Ersatz auftritt, sondern eine solche, die dem eigentlich auszu drückenden Inhalt gegenüber unendlich klein erscheint; sie gibt das zu Sagende im verjüngten Maßstab wieder. Auch die metonymische Apperzeption ist der metaphorischen verwandt, doch sie entsteht immer nur durch äußere, innere oder logische Beziehungen zwischen dem eigentlichen und uneigentlichen Ausdruck, nicht durch ihre Vergleichbarkeit, und außerdem erstreckt sie sich nur auf einzelne Worte und kleinere Bestandteile des Satzes (s. Metonymie). Eine etwas engere Verbindung besteht zwischen der metaphorischen und der beseelenden oder personifizierenden Apperzeption; diese liegt dort vor, wo den nichtmenschlichen Erscheinungen der Welt, welcher Art sie seien, menschliches Denken und Fühlen beigelegt wird; so werden Tiere und Pflanzen, die Gebilde der anorganischen Natur, Erzeugnisse der Menschenhand und abstrakte Begriffe als beseelt vorgestellt. Insofern auch hier der Denkende und Redende in ein von der eigentlichen Gedankensphäre, in der er sich bewegt, abliegendes Gebiet hinübergreift, verhält sich seine Auffassung ähnlich wie die metaphorische Apperzeption. Aber erstens offenbart sich solche Beseelung immer nur in den Eigenschafts-, Zustands- und Tätigkeitsbegriffen des Satzes, die Gegenstände selbst (für welche die M. gerade sehr häufig einen Ersatz bietet) bleiben unverändert die eigentlichen; zweitens macht sich die Beseelung immer nur in der einen Richtung der Vermenschlichung des Nichtmenschlichen geltend, während die M. sich in unabsehbarer Mannigfaltigkeit bekundet; drittens aber und vor allem bietet die Beseelung überhaupt gar keinen Ersatz für eine Vorstellung, die innerhalb der den Sprechenden beschäftigenden realen Gedankensphäre läge, sondern sie besteht in der freien Einflechtung rein imaginärer Gedankengebilde; die M. ist dagegen stets ein Ersatz für Vorstellungen, die auch ohne Bild ausgedrückt werden könnten. In demselben Sinn unterscheidet sich die M. auch von der Allegorie, die nichts andres ist als die Beseelung abstrakter Begriffe, die sich dann wie menschliche Wesen in Gedanken und Worten höchst mannigfaltig manifestieren können. Auch solche Allegorie bietet wie jede andre Beseelung niemals Ersatz für eigentliche Wirklichkeitsvorstellungen, sondern besteht in freier, dichterischer Ausschmückung des Gegebenen. So ist die M., die sich von den andern Formen der ästhetischen Apperzeption deutlich unterscheidet, keineswegs, wie es die alte und auch die neue Rhetorik meist tat, als ein äußerlicher Schmuck der Rede aufzufassen, sondern als ein Mittel zur Belebung, Bereicherung und[690] Erleichterung des Abflusses der Gedanken, insbes. aber auch, ähnlich wie das Symbol, wenn auch nicht in demselben Grade wie dieses, als ein Mittel zur Verkörperung solcher Vorstellungen, für welche die dürre Logik der Vernunft keinen hinreichenden Ausdruck besitzt, daher in erster Linie für alles das, wodurch der Gedanke eine subjektive Färbung, eine persönliche Note gewinnt. Vgl. Brinkmann, Die Metaphern (Bonn 1878); Biese, Die Philosophie des Metaphorischen (Hamb. 1893); Elster, Prinzipien der Literaturwissenschaft, Bd. 1 (Halle 1897); Wundt, Völkerpsychologie, Bd. 1 u. 2 (2. Aufl., Leipz. 1904); Gertrude Buck, The metaphor (Ann Arbor 1898).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 690-691.
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