Schreibmaschine

[34] Schreibmaschine (hierzu Tafel »Schreibmaschinen« mit Text), Vorrichtung, mittels der mechanisch bewegbare Typen nacheinander in beabsichtigter[34] Reihenfolge auf das Papier derart zur Wirkung gebracht werden, daß eine druckähnliche Schrift entsteht. Die S. wurde 1714 von Mill in England erfunden. Über die Bauart dieser Maschine hat der Erfinder in seinem Patent keine Angaben gemacht, und sie fand daher keinerlei Beachtung. Erst 1829 wurde von A. Burt in Amerika der der S. zugrunde liegende Gedanke wieder aufgenommen, dem sich weitere Versuche in Frankreich von Progrin 1833, Foucault 1843, in Amerika von Thurber 1843, Beach 1856 anreihten. Diese Schreibmaschinen waren hauptsächlich für Blinde bestimmt, und namentlich die S. von Foucault fand in Blindenanstalten tatsächliche Anwendung. Dem Dänen Malling Hansen gelang es, unter Benutzung des von Progrin und Foucault vorgeschlagenen Typenstangenprinzips eine brauchbare S., die sogen. Schreibkugel, herzustellen; sie hatte die Gestalt einer Halbkugel mit verschiebbaren, nach dem Mittelpunkt der Kugel gerichteten, mit je einer Taste versehenen Stangen, deren jede beim Niederdrücken die an ihrem untern Ende angebrachte Metalltype im Mittelpunkte der Kugel gegen eine vorüberbewegte Papierfläche anschlug und mit Hilfe von Blaupapier einen Abdruck der Type erzeugte. Da diese Maschine nur große Buchstaben schrieb und auch nur für kleine Papierformate sich eignete, fand sie für den geschäftlichen Verkehr keine allgemeine Verwendung. Eine größere Bedeutung erlangte die S., welche die amerikanischen Buchdrucker Sholes und Soulé mit dem Mechaniker Glidden 1867 erfanden. Ihre Maschine wurde 1873 von der Waffenfabrik Remington and Sons in Ilion (New York) übernommen, und damit wurde der Grund zur Entwickelung einer Schreibmaschinenindustrie gelegt, die in Amerika, später auch in Europa bis auf den heutigen Tag an Ausdehnung gewann. Die Vorteile, welche die S. bietet (schnelle, saubere Schrift, die völlig unabhängig von der Handschrift ist), haben allgemein Anerkennung gefunden.

Jede S. weist im wesentlichen folgende Bestandteile auf: die Anschlagvorrichtung besteht entweder aus Tasten, die, mit Typenbezeichnungen versehen, in mehreren Reihen hintereinander angeordnet sind, oder aus einem Taster (Zeiger), der über einem verschieden gestalteten, sämtliche Typenbezeichnungen der in der Maschine vorgesehenen Typen aufweisenden Index eingestellt werden kann. Typenträger sind diejenigen Teile, welche die Typen unmittelbar tragen. Es kann für jede der Typen oder für je eine Gruppe der Typen ein gesonderter Träger vorgesehen sein, der hebel-, stangen- oder stabförmig ausgebildet sein kann, oder die Typen sind sämtlich auf einem gemeinsamen zylinder-, scheiben-, platten-, lineal-, kugel- oder bandförmigen Träger angeordnet. Die Zwischenverbindung dient zur Übertragung der Bewegung von der Taste oder dem Taster auf den Typenträger. Die Zwischenverbindung fällt fort, sobald Taste oder Taster und Typenträger aus einem Stück bestehen. Der Papierträger ist gegebenenfalls walzen-, platten-, rahmen- oder trommelförmig gestaltet und wird von dem sogen. Papierschlitten oder -Wagen getragen. Die Schallvorrichtung des Papierschlittens oder -Wagens bewirkt dessen schrittweise Bewegung und somit des Papierträgers in der Zeilenrichtung nach jedem Tastenanschlag mit und ohne Typenabdruck auf das Papier, so daß dadurch die Zeile entsteht. Am Ende jeder geschriebenen Zeile wird der Papierschlitten in seine Ausgangsstellung zurückgeführt, dabei wird das Papier senkrecht zur Bewegungsrichtung des Schlittens um die Entfernung zweier Zeilen bewegt (Zeilenstellvorrichtung). Die Farbvorrichtung besteht aus farbgetränkten Bändern, Rollen oder Kissen.

Als weitere, jedoch nebensächliche Bestandteile einer S. sind zu erwähnen: die Randbegrenzungsvorrichtung mit Signalglocke, die das herannahende Zeilenende anzeigt, die Papierschlittenskala mit Zeiger, durch deren Relativbewegung der jeweilige Stand des Schlittens beim Schreiben angezeigt wird, und die Papierskala, mittels der das Papier in die richtige Lage zum Papierträger gebracht werden kann.

Es gibt ungefähr 100 verschiedene Arten Schreibmaschinen, die nach ihrer Anschlagvorrichtung in zwei Hauptgruppen geschieden werden, nämlich in Tasten oder Klaviaturmaschinen und in tastenlose Schreibmaschinen, d. h. solche mit Taster oder Zeiger. Bei der erstern Gruppe wird der Abdruck der einzelnen Typen sowie die schrittweise Bewegung des Papierschlittens durch Niederdrücken der Tasten veranlaßt. Bei den Volltastaturmaschinen sind so viel Tasten wie Typen vorhanden, bei Umschaltemaschinen beherrscht jede Taste zwei oder drei Typen. Die letztern Maschinen weisen daher außer den Umschaltetasten auch nur die Hälfte oder ein Drittel der Tasten, bez. der Anzahl der vorhandenen Typen auf. Man unterscheidet ferner Maschinen mit Universal- und Idealtastatur. Bei den erstern sind die Tasten und die Typenbezeichnungen auf den Tasten einer 1888 auf dem Maschinenschreiberkongreß zu Toronto (Amerika) getroffenen Vereinbarung gemäß angeordnet. Alle Tastaturen, die von dieser Vereinbarung abweichen, heißen Idealtastaturen. Bei den Tastenmaschinen wird mit beiden Händen auf der Klaviatur gespielt, sie sind die besten und praktischsten, aber auch die teuersten und kompliziertesten Maschinen. Man kann mit diesen Maschinen das Drei- bis Vierfache des Handschreibers erreichen.

Die zweite Hauptgruppe Schreibmaschinen umfaßt jene Arten, bei denen für sämtliche Typen ein zur Einstellung derselben dienendes Glied (Taster oder Zeiger) angeordnet ist, das mit einem die Typen oder deren Träger tragenden Körper, z. B. einem Typenzylinder, einer sämtliche Typenhebel tragenden Scheibe u dgl., in Antriebverbindung steht, und über einem feststehenden, die Typenbezeichnungen sämtlicher Typen tragenden Teile (Index) bewegt werden kann, so daß durch Einstellung dieses Gliedes auf eine der Typenbezeichnungen die entsprechende Type in die Druckstellung gelangt und durch Niederdrücken des Gliedes (Tasters) oder einer besondern Taste (bei Zeigermaschinen) zum Abdruck gebracht wird. Diese Schreibmaschinen sind in ihrer Bauart einfacher als die Tastenmaschinen und daher auch billiger, sie arbeiten aber viel langsamer, weil das Schreiben zufolge der verschiedenartigen Tätigkeit der einen Hand (bei Tasterschreibmaschinen) oder der beiden Hände (bei Zeigerschreibmaschinen) weit schwerfälliger ist und weil die Augen durch das schnelle Ablesen der auf dem Index enthaltenen Zeichen etwas angestrengt werden. Immerhin liefern diese Maschinen deutliche Schrift, und sie können daher, sofern es auf schnelles Schreiben nicht ankommt, von Personen mit schlechter Handschrift oder die mit Schreibkrampf behaftet sind, vorteilhaft benutzt werden. Je nach der Ausbildung der Typenträger unterscheidet man Typenhebel-, Typenstangen-, Typenstab-, Typenrad(sektor)-, Typenzylinder(sektor)-, Typenscheiben(sektor)-, Typenplatten-, Typenlineal-, Typenkugel- und Typenbandschreibmaschinen. Über die Konstruktion einzelner Schreibmaschinen s. die Tafel.[35]

Nach der besondern Art, wie die Bewegung der Tasten auf die übrigen Teile der S. übertragen wird, unterscheidet man elektrische, pneumatische und hydraulische Schreibmaschinen. Bei den elektrischen Schreibmaschinen wird durch Tastendruck ein Strom geschlossen, durch den die der Taste entsprechende Type zum Abdruck gebracht wird. Der Typenabdruck ist in diesem Fall ein stets gleichmäßiger, da er von dem Tastendruck unabhängig ist. Werden mehrere stationär angeordnete elektrische Schreibmaschinen leitend miteinander verbunden, so können sie von einer Stelle aus gleichzeitig in Betrieb gesetzt werden. Auch sind elektrische Schreibmaschinen als Ferndrucker in Anwendung (vgl. Börsendrucker). Bei den pneumatischen und hydraulischen Schreibmaschinen wird in ähnlicher Weise an Stelle des Stromes der pneumatische oder hydraulische Druck zur Wirkung gebracht. Ferner sind Schreibmaschinen mit selbsttätigem Antriebe zum Vervielfältigen von Schriftstücken in Vorschlag gebracht. Auf diesen Maschinen wird gleichzeitig mit der Herstellung des Originalschriftstückes eine Schablone (gelochter Streifen) hergestellt, die dann zum selbsttätigen Antriebe der Maschine für die beliebig oft zu wiederholende Herstellung des Originalschriftstückes dient. Je nach dem Sonderzweck unterscheidet man Buchschreibmaschinen (Fig. 6 der Tafel), Kurzschrift- (Stenographie-) Schreibmaschinen (s. Stenographiermaschine), Blindenschrift-, Geheimschrift- (Chiffrier- und Dechiffrier-), Notenschreibmaschinen.

Schreibmaschinen eignen sich vorteilhaft zur Herstellung einer größern Anzahl von Kopien eines Schriftstückes. Unter Anwendung von sehr dünnem Papier und Kohlepapier kann man 15–20 lesbare Kopien auf einmal herstellen, auch kann man zum Schreiben Hektographenfarbe benutzen, die Schrift auf einen Hektographen übertragen und von diesem 40–50 Kopien nehmen. Bei Anwendung von Fettfarbe läßt sich die Schrift auf Stein oder Zink umdrucken, so daß man mittels Druckpresse eine unbegrenzte Anzahl Kopien erzeugen kann. Bei Edisons Mimeograph legt man Wachspapier auf eine Unterlage von Seidengaze in die S. und stellt eine perforierte Schablone her, mit der über 1000 Durchdrucke hergestellt werden können. Als Drucksache können mit der S. hergestellte Schriftstücke (Prospekte, Rundschreiben etc.) nur bei gleichzeitiger Aufgabe von mindestens 20 Exemplaren verschickt werden. Unter gewissen Umständen dürfen Urkunden mit der S. hergestellt werden. Vgl. Drouin, Les machines à écrire (Par. 1890); Hoffmann und Wentscher, Schreibmaschinen (Berl. 1893); Burghagen, Die S. (Hamb. 1898) und Lehrbuch des Maschinenschreibens (3. Aufl., das. 1904); Borchert, Lehrbuch für das Schreiben mit der S. (Berl. 1899); Fr. Müller, Schreibmaschinen (das. 1900); Seegers, Illustriertes Lehrbuch des Maschinenschreibens (Götting. 1901); Dupont und Ca net, Les machines à écrire (Par. 1901); Federle, Der Maschinenschreiber (Leipz. 1903); Dankers, Leitfaden für den Unterricht im Maschinenschreiben (Hamb. 1906); »Schreibmaschinen-Revue und Stenographische Nachrichten« (Berl. – Schöneberg, seit 1904); »Schreibmaschinen-Zeitung« (Hamb. 1898 ff.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 34-36.
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