Rothes Meer

[390] Rothes Meer (Arabischer Meerbusen, bei den Arabern Bahr el Ahmar, in er Bibel Jam-Suph, d.i. Schilfmeer), 1) (a. Geogr.), hieß im Alterthum Sinus arabicus od. Mare rubrum, auch Erythräisches Meer od. war eigentlich nur der westliche Theil desselben, indem Erythräisches Meer der gemeinschaftliche Name des R-n M-es u. des Persischen Meerbusens war; der nördliche Theil wurde durch die aus Arabien vortretenden Schwarzen Berge in zwei Busen getheilt, von denen der östliche, nur Arabien berührende von der Stadt Elana (Älana) Elaniticus (Aelani ticus) sinus, der westliche zwischen Arabien u. Ägypten von der ägyptischen Stadt Heroopolis, Heroopolites (Heroopoliticus) sinus hieß; die Länge des ganzen Busens wird von den verschiedenen Schriftstellern zwischen 13,000–16,000 Stadien angegeben, die Breite an der breitesten Stelle 3800 Stadien. Über die Benennung des Meeres sind von jeher die Meinungen sehr geschieden gewesen; nach Herodot wurde es von einem Beherrscher jener Küsten, Erythras, genannt; nach Agatharchides, weil die Sonne dort immer feuchte Wolken bilde, welche, wenn die Sonnenstrahlen darauf fielen, eine Farbe annähmen, wie in anderen Gegenden der Horizont beim Auf- u. Niedergang der Sonne; spiegelten sich nun diese in dem fortwährend dort ruhigen, von seinen Winden bewegten Meer, so erhielte es eine rothe Farbe; nach And. lagen an der Küste Berge, welche einen rothen Schein ins Meer warfen; nach And. gab es rothen Sand dort; Andere wollten rothe Flecken in dem Meer entdeckt haben, wovon jedoch nichts sichtbar wurde, sobald man das Wasser herausgeschöpft hatte; Taucher sollten auch vom Meeresgrunde eine korallenähnliche Substanz herausgebracht haben; noch And. lassen es von Edom (Esau), d.h. eigentlich Roth, benannt sein, weil dieser bis an die Küsten jenes Meeres seine Unternehmungen ausgedehnt hätte. Zuerst befuhren die Phönicier das R. M.; in der Geschichte ist dasselbe berühmt durch den Durchzug der Israeliten unter Moses, s.u. Hebräer (Gesch.). Im Alterthum gab es eine besondere Schrift von Agatharchides über das R. M. (Περὶ τῆς ἐρυϑρᾶς ϑαλάσσης) u. eine Ἐπιτομὴ τῶν περὶτῆς ἐρυϑρᾶς ϑαλάσσης, wovon ein Auszug bei Photios, herausgeg. von Rob. Brett, Oxf. 1597, im 1. Bande von Hudsons Geographi graeci minores u. in K. Müllers Geographi gr. min. (Par. 1655); 2) (n. Geogr.), der nordwestlichste Theil des Indischen Oceans, beginnt im Süden mit der Meerenge des Bab-el-Mendeb u. zieht sich durch 17 Breitengrade hindurch (13° bis 30° nördl. Breite), zwischen Arabien im Osten u. der afrikanischen Küste im Westen, mit einer durchschnittlichen Breite von 30 Meilen, in nordnordwestlicher Richtung hin u. endigt im Norden mit den beiden schmalen u. langen Meerbusen von Suez (im Westen) u. Akaba (im Osten), welche die sogenannte Sinaitische Halbinsel einschließen. Das R. M. ist von der Natur in manchen Beziehungen sehr vernachlässigt, in andern wieder begünstigt worden. Es empfängt keinen einzigen schiffbaren Fluß, welcher den Zugang in das innere Land eröffnen könnte; die Küsten sind wüst, wasserarm u. von räuberischen Nationen bevölkert; an das meist schmale u. niedrige Uferland schließen sich Hochebenen, welche vom Meere aus sehr schwer zugänglich sind; die Winde sind regellos u. erlauben außer durch Anwendung des Dampfes keine regelmäßige Schifffahrt; außerdem ist das Meer voll Klippen, die nicht sehr zahlreich vorhandenen Häfen bieten fast sämmtlich nicht Schutz gegen alle Winde u. der Eingang, das Bab-el-Mendeb (Thor der Bedrängniß), ist oft schwer zu passiren u. 6 Monate im Jahr durch den conträren Munsun für Segelschiffe fast ganz verschlossen. Dagegen kommt dem Handel auf dem R. M. der Reichthum der Nachbarländer zu Statten: Abessinien führt ihm seine Schätze zu, Jemen liefert ihm seinen Kaffee, es steht in directer Verbindung mit Ägypten u. bildet, was das Wichtigste ist, für den indischen Transithandel den natürlichen Kanal. Dabei bringen auch die wüsten Küsten Gummi, Myrrhen u. Weihrauch, u. das Meer selbst birgt unerschöpfliche Schätze an Perlen, Perlmutter- u. Schildkrotschalen. Eine erhöhte Wichtigkeit hat das R. M. noch erhalten, seitdem man beabsichtigt durch die Kanalisirung der Landenge von Suez (s.d.) die Wasserverbindung des R-n M-es mit dem Mittelländischen Meere herzustellen, während auch bisher schon seit der Herstellung der Eisenbahn zwischen Alexandrien u. Kairo, so wie dem Bau der Eisenbahn von Kairo nach Suez u. der Errichtung regelmäßiger Dampfschifffahrten auf dem R. M., welche die Punkte Suez, Kosseir, Dschambo, Dschidda, Sauakin, Massaua, Hodeida u. Mekka berühren, sich ein sehr lebhafter Verkehr hier entwickelt hat. In Folge dieser hohen Bedeutung des R-en M-es haben sich die Engländer u. Franzosen daselbst festzusetzen gesucht; die Engländer haben die Insel Perim (s.d.), mitten im Bab-el-Mendeb gelegen u. die Straße in zwei Theile (Bab-el-Menheli im Osten, u. Bab-el-Majun im Westen) theilend, befestigt u. die Insel Kamaran (15°20' nördl. Breite) besetzt, während die Franzosen sich in der Bucht von Ed (unter 14° nördlicher Breite an der afrikanischen Küste) u. seit November 1859 auch auf der Insel Dessi, südöstlich von Massaua am Eingange der großen Bai von Adulis gelegen, niedergelassen haben. Die frühere Meinung, daß das Niveau des R-n M-es von dem des Mittelländischen sehr verschieden sei, hat sich durch neuere Untersuchungen als falsch erwiesen, beide Meere haben nahezu das gleiche Niveau, die Ebbe bei Suez ist nur um 3 Centimeter niedriger als die bei Tineh am Mittelmeer; die gewöhnliche Fluth ist dagegen bei Suez um 80 Centimeter höher als bei Tineh. Die Höhe der Äquinoctialspringfluth ist zu Suez 2,33 Meter über dem Niveau des Mittelmeeres u. die niedrigste Ebbe[390] im Äquinoctium ist zu Suez 0,45 Meter unter dem tiefsten Ebbeniveau des Mittelmeers Die Küsten des R-n M-es sind meist steil, Korallenfels od. plutonisches Gestein, mit zahlreichen vorgelagerten Inseln, welche oft in den schroffsten vulkanischen Formen steil aus dem Meer emporsteigen; stellenweise ist ein niedriger, zuweilen sogar sumpfiger Küstensaum vorgelagert; fast überall begleiten Korallenbänke die Küsten. Die Gliederung der Küste durch Buchten u. Vorgebirge ist verhältnißmäßig gering. Außer den beiden Busen von Suez u. Akaba sind nur noch die Buchten von Raua u. vor Adulis von Bedeutung; die hauptsächlichsten Vorgebirge sind: Ras Abu Sámr, Benaß (24° nördl. Breite), Elba (22° nördl. Breite), Rauaï u. Sejan (am Bab-el-Mendeb) auf der afrikanischen Seite; Ras Muhammed, Lemlau, Barid, Hatibah u. Menheli (am Bab-el-Mendeb) an der Küste Arabiens. Von den Häfen sind zu nennen an afrikanischer Seite der von Suez, der bei der Insel Safadjeh (26°50'), bei Kosseir, Om-el-Ketef (Golf von Berenice), Mirsa Derur (19°50'), Sauakin, die Bucht von Akik (18°15'), Massua, bei der Insel Dessi u. die Bucht von Ed, dann auf arabischer Seite die Häfen von Dschidda, hinter der Insel Kamaran, Hodeida u. Mekka; endlich der Hafen der Insel Perim. Von den zahlreichen Inseln im R-n M. sind außer den schon genannten noch Djubal u. Scheduan (am Eingange zum Busen von Suez), dann die Dahlakgruppe (die eigentliche Perlenregion), die Harnisch- u. die Farsaninseln, die Insel Tiran am Eingange zum Busen von Akaba. Was die Tiefe des Fahrwassers anlangt, so ist wohl wegen der vielen Korallenbänke u. Untiefen die Schifffahrt an vielen Stellen sehr gefährlich, gleichwohl aber ist von Suez bis zum Bab-el-Mendeb fast in gerader Linie vollkommen gutes Fahrwasser vorhanden. Regelmäßige Strömungen hat das R. M. nicht, außer im Bab-el-Mendeb, u. zwar an der afrikanischen Küste nordwärts, an der arabischen südwärts, doch hat die Richtung des Windes großen Einfluß auf diese Strömungen. Der Wind weht im R-n M. in den Monaten Juni bis September ausschließlich von Norden; in den übrigen Monaten weht er im südlichsten Theile (bis 151/2°) fast beständig von Süden, mit Ausnahme zur Zeit des Voll- u. Neumondes, wo er bisweilen nach Norden umschlägt. Von 151/2° bis 20° nördl. Br. ist in derselben Zeit der Wind veränderlich, von 21° bis 27° herrscht auch in diesen Monaten der Nordwind vor, nur beim Mondeswechsel mit Südwind wechselnd, u. vom 27° nördl. Breite bis Suez gibt es nur vom December bis Februar Südwinde, sonst herrscht immer Nordwind.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 14. Altenburg 1862, S. 390-391.
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