Türkische Sprache

[66] Türkische Sprache, ein Zweig des Finnischtatarischen Sprachstammes; 1) im weiteren Sinne gehört hierher außer dem Osmanischen noch das Tatarische von Kasan, Orenburg, Tobolsk etc., das Uigurische (s.d.), das Turkomanische, das Dschagatai, die Sprache der Usbeken, Nogayer, Kisilbaschen, Barabinzen, Baschkiren, Bassianen, Kumücken, Chasaren, Komanen, Teleuten, Jakuten, Metschtscherjäken, Kirgisen u. Tschuwaschen (s.d.), indem diese sämmtlich nur mehr od. weniger abweichende Dialekte Einer Sprache sind. Im engern Sinne 2) die Sprache der Osmanen, welcher Dialekt durch den Verkehr mit Arabern, Persern u. Europäern zwar vorzüglich ausgebildet, dabei aber auch nicht eben zu seinem Vortheil abgeschliffen u. mit fremdartigen, bes. dem Arabischen u. Persischen entlehnten Wörtern untermischt worden ist. Die Osmanen[66] haben schon lange das ihnen ursprünglich eigenthümliche uigurische Alphabet mit dem arabischen vertauscht, welches sie durch Annahme von vier, dem Persischen angehörige Zeichen u. Hinzufügung eines neuen Buchstabens ihrer Sprache angepaßt haben. Sie zählen demnach folgende 33 Buchstaben:

Türkische Sprache

Die Türken schreiben von der Rechten zur Linken. Die T. S. kennt weder Artikel noch grammatische Genus. Die Declination ist sehr einfach. Der Plural wird durch Anhängung der Sylbe lar od. ler gebildet, z.B. er, Mann, erler, kul, Sklav, kullar. Die Grammatiker zählen sechs Casus: Nominativ, Genitiv, Dativ, Accusativ, Vocativ, Ablativ. Der Genitiv wird durch die angehängte Sylbe üng od. nüng, der Dativ durch eh od. ïeh, der Accusativ durch ï, der Ablativ durch den gebildet; der Vocativ ist wie Nominativ, z.B. er, erüng, ereh, eri, ja er, erden. Die Declination des Plurals ist dieselbe: erlerüng, erlereh etc. Die Adjectiva werden nicht flectirt; der Comparativ wird durch Vorsetzung von dakhi (mehr), tschok (viel), pek (sehr), rak od. rek gebildet, noch öfter aber nur durch den Ablativ der verglichenen Sache bezeichnet, z.B. bujuk, groß, dakhi bujuk, größer, anaden bujuk, größer als dieser. Der Superlativ wird auf ähnliche Weise bezeichnet. Außerdem bildet die T. S. auch noch Diminutive durch das Suffix dschek od. dschak:bujudschek, ein wenig groß. Die Zahlen heißen: 1 bir, 2 iki, 3 ütsch, 4 durt, 5 besch, 6 alty, 7 jedi, 8 sekis, 9 togus, 10 on. Die Ordinalzahlen werden durch die Endung indschi gebildet: birindschi, der erste, ikindschi, der zweite, ütschindschi, der dritte etc. Distributiva erhalten die Endung er od. scher: birer, ikischer, ütscher etc. Die persönlichen Pronomina sind ben, ich, sen, du, ol, o, er, bis, wir, sis, ihr, anlar, sie; die Deklination derselben ist nur wenig von der der Substantiva abweichend. Die Possessiva werden suffigirt, z.B. von baba, der Vater: babam, mein Vater, babang, dein Vater, babasi, sein Vater, babamuz, unser Vater etc. Des Nachdrucks wegen kann noch der Genitiv des Personalpronomens vorgesetzt werden. Demonstrativa sind bu, schu, ischbu, Relativa keh u. kim; Interrogativa kim, neh, kanghi. Von Zeitwörtern gibt es, außer dem Hülfswort, sieben verschiedene Arten: Activum, Passivum, Negativum, Impossibile, Causale, Reciprocum, Reflexivum. Das Activum zeigt im Imperativ die reine Wurzel: bak, sieh, dog, schlag; davon bildet man den Infinitiv durch die Sylbe mak, mek: bakmak, dogmek. Das Passiv entsteht aus dem Activ, indem il od. in zur Wurzel hinzutritt: bakilmak od. bakinmak, gesehen werden. Die Bildungssylbe des Negativ ist ma, me: bakmamak, nicht sehn; die des Impossibile ama, ehme, ime: bakamamak, nicht sehen können; die des Causale dur: bakdurmak, sehen lassen; die des Reciprocum isch: bakischmak, einander ansehen; die des Reflexivum in, en, un: bakinmak, sich selbst ansehen. Jede Art des Zeitwortes kann aber wieder mit der andern combinirt werden, z.B. bakdurmamak, nicht sehen lassen, bakischamamak, einander nicht sehen können etc. Die Conjugation scheint ursprünglich durch das später mit der Wurzel zusammengeschmolzene Hülfswort olmak, seyn, gebildet, welches seiner Seits mit den persönlichen Fürwörtern nahe zusammenhängt. Der Indicativ des Präsens ist: im, sen, dur, is, sis, durler, das Imperfectum idum, idung, idi, iduk, idengis, idiler, der Conjunctiv des Präsens: issam, issang, issah, issek, issengis, issaler; nach dem Indicativ des Präsens richtet sich das zweite Imperfect imischem, das Futurum olurum, der Optativ des Futurum alam, nach dem Imperfect wird flectirt der Suppositiv olurdum, der Optativ des Präsens olaidum, der Conjunctiv des Präteritum olsaidum. Die Gerundia sind: iken, olup, olidschak, olundscheh; Part. Präs. olan, Part. Prät. olmisch, imisch, olduk, Part. Futur. oladschak, olmalu. Diese dienen auch zu Bildung zusammengesetzter Zeiten, z.B. olmisch idum, ich war gewesen. Außerdem wird der Optativ durch keschkeh, wenn doch, der Conjunctiv durch eger, wenn, näher bezeichnet. Ähnlich ist die Conjugation der übrigen Zeitwörter: bakarum, ich sehe, bakaridum, bakarimischen, ich sah etc. Die T. S. kann auch vielfältige Substantiva u. Adjectiva ableiten, z.B. sevidschi Liebhaber von sevmek, itschum Trank von itschmek, bilmeh Wissenschaft von bilmek, bakisch Blick von bakmak, gürmeklik das Sehen von gürmek, katschkun flüchtig von katschmak etc. Adverbia werden durch die Endung ileh, üsreh, aneh, dscheh, tscheh, gebildet. Anstatt der Präpositionen hat die T. S. Postpositionen. Die Construction zeichnet sich durch Regelmäßigkeit u. logische Konsequenz aus, indem Alles, was früher gedacht wird, auch im Satze vorangeht. Darum steht der Genitiv vor seinem Substantiv, das Adjectiv vor dem Substantiv, das Subject vor dem Verbum, ebenso jeder bedingende, einschränkende, causale etc. Satz vor dem Hauptsatz, wozu die Gerundia u. Participia mehr dienen, als einfache Conjunctionen u. Partikeln (und, hierauf, deshalb u. dgl.). Der Anfang des Vaterunsers lautet: ei göklerdeh olan babamuz, ismüng mokaddas, oslun, d.h. o Himmeln-in seiend Vater-unser, Name-dein geheiligt sei. Grammatiken: von Maggi, Rom 1670; Meninski, Wien 1680; Holdermann, Constantinopel 1730; Dimitrios Alexandriou, Wien[67] 1811; Hindoglu, Wien 1829; Davids, Lond. 1832; Jaubert, Par. 1833; v. d. Berswordt, Berl. 1839; Barker, Lond. 1854; Dubeux, Par. 1856. Wörterbücher: von Meninski, n. A. Wien 1780–1803; Clodius, Lpz. 1730; Viguier, Constantinopel 1790; Rhases, Petersb. 1829; Bianchi, Par. 1831; Hindoglu, Wien 1838; Pfizmaier, Wien 1847; Redhouse, Lond. 1856 f.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 18. Altenburg 1864, S. 66-68.
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