Hessenland, Familie

[436] Hessenland. Die bekannte Stettiner Druck-Offizin Hessenland, Verlegerin der 1835 begründeten »Ostsee-Zeitung«, kann ihren Stammbaum bis in die Uranfänge des Buchdruckgewerbes der Hauptstadt Pommerns hinauf führen.

Zwar wird als erster Stettiner Buchdrucker Andreas Kellner,[436] Eidam des Buchdruckers Johann Eichhorn in Frankfurt a. O., dem Besitzer des ersten aus dem Jahre 1569 stammenden Stettiner Drucker-Privilegiums, genannt; doch tauchte ziemlich um dieselbe Zeit als Kellner, nämlich um 1577, ein zweiter Buchdrucker in Stettin auf, Georg Rhete, der erste Name im Stammbaum der Hessenlandschen Druckerei.

Georg Rhete, anfänglich Subdiakonus und Küster zu St. Marien, von 1581 an Pastor an St. Petri, hatte in Frankfurt a. O. studiert und soll ein guter Astronom gewesen sein. Er beschäftigte sich in Stettin mit der Anfertigung von Kalendern, Wetterankündigungen etc. und schickte jeweilig seine Kalendermanuskripte zum Druck nach Wittenberg. Der Druck wurde aber oft so fehlerhaft und schlecht ausgeführt, daß Rhete sich selbst Lettern und Kalenderzeichen kommen ließ, die fehlenden Charaktere aus Holz schnitzte, eine hölzerne Presse sich einrichtete und so als Autodidakt seine Kunst ausübte. Das notwendige Privilegium hatte er vom Herzog Johann Friedrich erhalten. Rhete starb schon am 15. 2. 1586; die nunmehr schon ansehnliche Offizin erbte sein Sohn Joachim Rhete.

Joachim Rhete erhielt von seinem Landesherrn 1592 die Erlaubnis zur Einrichtung einer förmlichen Druckerei und wurde zum fürstlichen Typographen ernannt. Er ist auch als der erste Stettiner Buchhändler anzusehen. Bei ihm erschien 1603 die erste Ausgabe von D. Daniel Cramers Pommerscher Kirchenchronik. J. Rhete starb am 9. 4. 1611. Die Offizin wurde anfänglich unter der Firma Seligen Joachim Rhetes Erben fortgesetzt und bei diesen ist 1613 Paul Friedeborns »Historische Beschreibung der Stadt Alten Stettin« gedruckt und verlegt worden.

Wenn auch nach des ersten Rhete Tod der Druck der Kalender für Pommern der Rheteschen Offizin verblieb, so war doch die Anfertigung derselben in die Hände des Dr. David Herlicius in Stargard übergegangen. Herlicius und die Rhetesche Druckerei hatten über den Kalendervertrieb, der sich nach und nach über ganz Deutschland verbreitete, einen Vertrag geschlossen, der die Hauptanteilsrechte der Stettiner Offizin sicher stellte. Um 1615 wurde dem Herausgeber des Pommersch Historischen Kalenders sogar ein Universalprivilegium für das ganze römische Reich verliehen.

Die Witwe des Joachim Rhete heiratete den Formschneider Johann Christoph Landtrachtinger, welcher nun Geschäftsteilhaber wurde. Jedoch übernahm 1624 dessen Stiefsohn David Rhete (gestorben 1638 an der Pest) das ganze Geschäft und vererbte[437] es auf seinen Bruder Georg Rhete (II), der seit 1619 als Rats- und Gymnasialbuchdrucker zu Danzig angestellt war.

Georg Rhete behielt zwar die Danziger Offizin bei, widmete sich aber vorzugsweise dem Buchhandel in Stettin, wozu der dortige Senat ihm 1639 ein eigenes Privilegium erteilte. Durch ihn wurde 1640 eine wichtige Quellenschrift des Johann Micrälius »Altes Pommerland« gedruckt und verlegt. Er starb 1647; seine Witwe setzte beide Druckereien fort bis 1667, unter der Firma Seligen Georg Rhetes Erben, zusammen mit ihrem Sohn Johann Valentin Rhete. Dieser hat 1661 die zweite Stettiner Ausgabe der pommerschen Kirchenordnung gedruckt. Er starb 1675, und überkam die Stettiner Offizin an seinen dritten Bruder Friedrich Ludwig Rhete, Kgl. Schwedischer Regierungsbuchdrucker, der sie bis zu seinem Tode, 1700, besessen hat. Mit ihm hat die Familie der Rhete, welche 130 Jahre lang in der Geschichte der pommerschen Typographie eine der rühmlichsten Stellen einnimmt, aufgehört. Das Rhetische Druckerzeichen stellt ein Herz vor, aus welchem ein Merkurstab hervorragt, ihm gegenüber findet sich bei späteren Werken der die Harfe schlagende König David. Bei David Rhete finden sich in dem Herz die Buchstaben D R.

Die Rhetesche Druckerei, auch zuweilen nach ihrer Lage die »Druckerei vor dem Mühlenthor« genannt, ging nunmehr an Gabriel Dahlen (gest. 1716), der Friedrich Ludwig Rhetes Witwe geheiratet hatte, über.

Als Dahlens Nachfolger in der alten Retheschen Offizin scheint Johann Friedrich Spiegel, der Sohn eines Predigers zu Stolzenhagen in der Mark betrachtet werden zu müssen. Er führte neben dem schon erwähnten schwedischen Titel den eines Kgl. Preuß. Pommerschen Regierungsbuchdruckers und erhielt 1736 das Privilegium zum Druck einer Handbibel, des Stettiner Gesangbuchs von D. L. D. Bollhagen, sowie einer von Hornejus bearbeiteten Ausgabe von Arnds Wahrem Christentum. Spiegel starb am 22. 4. 1755. Die Druckerei, die von seiner Witwe fortgesetzt wurde, kaufte 1763 sein ehemaliger Faktor Johann Heinrich Leich, aus Erfurt gebürtig. Leich starb 1772, und kam die Druckerei nach einer zwischenzeitlichen Verwaltung durch den zweiten Mann seiner Frau, Johann Franz Struck, 1791 an seinen Sohn Johann Samuel Leich, gest. 1809.

Nach seinem Tode ging sie an Leichs Halbbruder Georg Karl Wilhelm Struck über, der sie bis 1829 inne hatte. Im gleichen[438] Jahre erwarb sie dessen Neffe Johann Franz Valentin Hessenland, dessen Familiennamen die Offizin heute noch trägt.

Hessenland war am 5. 11. 1798 in Magdeburg geboren, besuchte das Stettiner Gymnasium und erlernte dann die Handlung bei G. Grönland ebenda. Schon während seines Schulbesuchs mußte er auf Wunsch seiner Mutter sich der Buchdruckerkunst widmen; nach Beendigung der Handlungslehrzeit, 1817, wurde er losgesprochen, nachdem er 1812 als Lehrling bei seinem Onkel Struck eingeschrieben worden war.

Das bekannteste Produkt des Geschäfts war die »Ostseezeitung«, die erstmals am 14. 8. 1835 unter dem Namen »Börsen-Nachrichten der Ostsee« Allgem. Journal für Schiffahrt, Handel und Industrie jeder Art, erschien, und seit 1848 den Titel »Ostsee-Zeitung« trägt. 1841 errichtete Hessenland die erste Stereotypie-Anstalt in Pommern. 1853 trat Hessenlands späterer Schwiegersohn Karl August Redies (geb. 7. 12. 1823), nachmals von Kaiser Wilhelm I. geadelt zur Führung des alten ungarisch-polnischen Adels von Redei, in das Geschäft ein und betrieb es seit dem am 21. 4. 1866 erfolgten Tode Hessenlands in Gemeinschaft mit dessen Witwe. Seit dem Jahre 1868 wurde es für gemeinschaftliche Rechnung der Erben fortgeführt unter alleiniger Leitung von Redies als Mitinhaber, sowie für seinen, aus seiner Ehe mit Franziska Louise Auguste geb. Hessenland entsprossenen Sohn Richard Franz Redies (von Redei) geb. 27. März 1859, später Rittergutsbesitzer auf Vercsavag bei Mezö-Telegel in Ungarn und Anna Sophie Auguste Marie Meyer geb. Hessenland, welche als Gesellschafter gerichtlich eingetragen wurde.

Nach dem Tode der letzteren, 15. Oktober 1894, ging deren Geschäftsanteil auf ihren Ehemann Wilhelm Otto Heinrich Meyer, geb. 11. Mai 1834, Kaufmann und Stadtrat in Stettin über, welcher am 29. Juni 1896 verstarb. Sein Sohn Franz Joachim Meyer, geb. am 24. August 1880, ist an seiner Stelle als Gesellschafter in die Firma eingetreten. Zur Vertretung der Gesellschaft bleibt ausschließlich Karl August von Redei berechtigt, unter dessen langjähriger, segensreicher Leitung das Geschäft beträchtliche Ausdehnung und Ansehen erlangt hat.

Karl August von Redei hatte am 13. Oktober 1852 sein staatliches Buchdrucker-Examen bei der Königlichen Regierung in Coeslin bestanden. Bei seinem Eintritt als Associé in die Hessenlandsche Buchdruckerei und Verlagshandlung beschäftigte diese 25 Personen und bediente sich eines Pferdetretwerkes als treibende Kraft für[439] 2 Schnellpressen. Heute beträgt die Zahl der in der Accidenz- und Zeitungs-Druckerei sowie Buchbinderei und Verlagshandlung beschäftigten Werkführer, Gehilfen, Lehrlinge und Mädchen circa 200, während eine große Anzahl von Maschinen durch Dampfkraft und Gasmotore getrieben werden. Das Verlagsrecht der »Ostsee-Zeitung« ging 1896 in andere Hände über, während in der Hessenlandschen Offizin nur noch der Druck derselben hergestellt wird. –

Quellen: W. H. Meyer, Geschichte der Buchdruckerei u. Verlagshdlg. von F. H. in St. 1877; D. G. Mohnike, Geschichte der Buchdruckerkunst in Pommern, Stettin 1840 (vergl. auch Levezow, Buchdruckerkunst in Pommern 1777, 1779); Danziger Zeitung 1877, Nr. 10 u. 21; Allgem. Deutsche Biographie Bd. 15 (über Kellner) und Bd. 20 (Rhete).

Quelle:
Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 3. Berlin/Eberswalde 1905, S. 436-440.
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