Didot, Familie

[175] Didot, Familie. Der erste Buchdrucker und Buchhändler dieser berühmten Familie war François Didot, geb. 1689 als Sohn des Pariser Kaufmanns Denis Didot. 1754 ließ er sich in die Buchdruckerinnung aufnehmen. François Didot war ein tüchtiger Fachmann und führte große und ehrenvolle Unternehmungen glücklich durch, so die Sammlung der Reisen des Abbé Prévost, 20 Bde. in Quart. Seine Buchhandlung und Buchdruckerei war am Quai des Grands-Augustins unter dem Schild zur Goldenen Bibel; der später so berühmt gewordene Abbé de Bernis war nach seinem Austritt aus dem Seminare eine zeitlang sein Hauskorrektor.

Er starb am 2. November 1757, als Vater von elf Kindern, von denen François Ambroise und Pierre François Didot die Laufbahn des Vaters einschlugen. Zwei Schwiegersöhne François Didots, Guillaume Debure und Jaques Barrois waren berühmte Buchhändler.

François Ambroise Didot, geb. 1730, gest. 1804, war der erste, welcher den Lettern genaue und feste Proportionen gab, indem er[175] das System der typographischen Punkte erfand. Zum Nachfolger seines Vaters bestimmt, bot er alle Kraft auf, nicht nur um sich die nötigen Fachkenntnisse, sondern auch eine höhere wissenschaftliche Bildung anzueignen.

1753 trat er in die Buchdruckerinnung ein und wurde 1788 zum Buchdrucker der Geistlichkeit ernannt. Seine herrlichen Artois-, Dauphin- und Monsieur-Ausgaben, die wegen ihrer Ausführung und Korrektheit mit Recht eine hohe Berühmtheit genießen, sind den Bücherfreunden bestens bekannt. Die zu diesen Ausgaben verwandten Typen waren bei weitem die elegantesten aller damals vorhandenen Schriften und wurden durch seinen Sohn Firmin Didot geschnitten. Er hat sich nicht allein um die Form der Typen verdient gemacht, sondern man verdankt ihm auch die Erfindung der Handpresse (presse à un seul coup), deren Gebrauch bald allgemein wurde.

Pierre François Didot, geb. 1732, gest. 1795, trat 1753 in den Buchhandel und wurde 1765 zum Buchhändler von Monsieur (später Ludwig XVIII.) ernannt. Er ist der Gründer der Papierfabrik zu Essonne, in welcher er große Verbesserungen anbrachte. Wie seine Vorgänger, so veröffentlichte auch er prachtvolle Ausgaben, unter andern die Imitation de Jésus-Christ in Folio 1780, den Télémaque in Quart und das Tableau de l'Empire ottoman in Folio.

Pierre François Didots Sohn, Henri Didot, geb. 1775, war ein berühmter Graveur, Schriftgießer und Mechaniker. Fast unglaublich ist es, daß Henri Didot im Alter von 66 Jahren die sogenannten mikroskopischen Lettern schnitt, mit welchen die Maximes de Larochefoucauld und eine Horazausgabe gedruckt wurden. Die dazu von Henri Didot unter dem Namen Polyamatype 1819 eingeführte neue Gießform, in welcher hundert Lettern auf einmal gegossen wurden, brachte ihm als Anerkennung die goldene Medaille.

Didot Saint-Léger, zweiter Sohn von Pierre François, leitete die Papierfabrik zu Essonne, woselbst bereits seit dem Jahre 1300 Papierfabriken bestanden. Ihm verdankt man das sogenannte endlose Papier, dessen Erfindung erst nach 10 Jahren unablässiger Arbeit, wiederholten Reisen und großen Unkosten auf die Stufe einer brauchbaren Vollkommenheit gelangte.

Edouard Didot, Sohn von Didot Saint-Léger, gest. 1825 im Alter von 28 Jahren, hat eine sehr geschätzte Uebersetzung von[176] Johnsons »Lebensbeschreibungen der englischen Dichter« hinterlassen, welche Jules Didot herausgab. Dieser letztere hat sich viel mit dem Guß und Gravieren von Typen beschäftigt, eine Serie von Initialen ist nach ihm benannt.

Pierre Didot, der älteste Sohn von François Ambroise, welcher ihm seine Buchdruckerei im Jahre 1789 abtrat, war 1760 geboren und starb 1853. Bei der Pariser Industrieausstellung im Jahre 1798 brachte ihm eine Ausgabe des Virgil, wie auch seinem Bruder, Firmin Didot, der die Typen dazu gegossen und graviert hatte, die große goldene Medaille ein.

Infolge der Sorgfalt, womit er seiner Kunst oblag, erhielt er die schönste aller Belohnungen, welche je der französischen Buchdruckerkunst zuerkannt ward. Die Regierung ließ nämlich seine Pressen im Louvre aufstellen, wo sie vom Konsulat bis zum Anfang des Kaiserreichs verblieben. Hier war es, wo die herrlichen Louvre-Ausgaben von Virgil, Horaz, Racine und Lafontaine gedruckt wurden. Die Preisrichter der Pariser Ausstellung von 1806 erklärten den Racine für die vollkommenste Leistung der Buchdruckerkunst aller Länder und Zeitalter. Außer den bereits erwähnten Prachtausgaben seien noch erwähnt die Voyages de Denon, die griechische und römische Ikonographie von Visconti, und hauptsächlich die Sammlung der französischen Meisterwerke in Oktav, welche in würdigen Ausgaben von hoher technischer Vollendung die klassischen Dichtungen des französischen Parnasses darboten.

Auch als Schriftsteller hat sich Pierre Didot ausgezeichnet. Für die durchaus edle Auffassung seines Berufs möge folgendes Citat dienen:

»Ah! puissé-je, à mon tour, étendre les progrès

D'un art qui, de mon père, exerça la constance,

Et qui sut me charmer dès ma plus tendre enfance!«

(Ach, könnte auch ich den Fortschritt einer Kunst herbeiführen, welche die volle Kraft meines Vaters in Anspruch nahm und mich von meiner zartesten Kindheit an ergötzte.)

Und nach Aufzählung der nötigen Kenntnisse eines tüchtigen Buchdruckers fügt er hinzu:

»Ich fühle, wie weit diese Forderungen über mein Alter und meine Erfahrungen hinausgehen; ich sehe dies an meinem Vater, welcher sich noch immer täglich abmüht, um sie zu erfüllen.«

Firmin Didot, Mitglied der Deputiertenkammer, geb. zu Paris 1764, gest. 24. April 1836, hat sich an der Seite seines[177] Vaters, François Ambroise Didot, und seines Bruders, Pierre Didot, einen berühmten Namen erworben. Er war zu gleicher Zeit Schriftsteller, Buchdrucker, Graveur, Schriftgießer und Papierfabrikant. In der Gießerei folgte er seinem Vater im Jahre 1789 und bereicherte dieselbe seinerseits mit den elegantesten Typen.

Vergebens hatte man in England versucht, mit Haarstrichen zu gravieren. Ihm gelang es, eine Schreibdruckschrift zu erfinden, mit der er die sogenannten Anglaise- und Ronde-Vorschriften für Kinder aufs wohlfeilste herstellen konnte.

1811 wurde er zum Drucker des Institut de France, 1814 zum Königlichen Hofbuchdrucker ernannt.

Firmin Didot ist der Erfinder der Stereotypie, die er 1794 zuerst beim Druck von Logarithmen-Tafeln angewandt hat. Die vorzüglichsten Werke, die aus seinen Pressen hervorgingen sind: die Henriade, in Quart; eine Camoënsausgabe, portugiesisch, in Quart; ein Sallust, in Folio. Außerdem hat er im Verein mit seinen Söhnen die Ruines de Pompéi, die Antiquités de la Nubie, das Panthéon Egyptien von Champollion-Figeac, die Contes du Gai-Savoir und das Historial du Jongleur in gotischer Schrift, mit Vignetten und Schlußverzierungen in der Weise des 15. Jahrhunderts herausgegeben.

Wir besitzen von ihm als Schriftsteller zwei Tragödien: »la Reine de Portugal« und »la Mort d'Annibal«; ferner eine Uebersetzung der Bucolica, der Lieder des Tyrtäus und der Idyllen des Theokrit, eine Skizze über die berühmten Buchdrucker Robert und Henri Estienne u.s.w.

In der Widmung seiner Uebersetzung der Bucolica, seinem Erstlingswerke, welches er seinem Bruder Pierre Didot zueignete, ist zu lesen: »Möchten doch unsere Kinder durch ihren Geschmack an den Wissenschaften und durch eine ebenso solide als tiefe Gelehrsamkeit befähigt werden, den Fußstapfen der alten Pariser Buchdrucker zu folgen. Möchten sie eines Tages, und dies ist das Ziel all meiner Sorgen, all meiner Wünsche, dies ist die höchste Stufe meines Ehrgeizes, dem gleichen, welcher unbestreitbar an der Spitze der Buchdrucker aller Zeitalter steht, dem berühmten Henri Estienne.«

Wenige Tage vor seinem eigenen Tode wurde Firmin Didot schwer heimgesucht durch den Verlust seines dritten Sohnes Frédéric Firmin, welcher seinen älteren Brüdern würdig zur Seite stand als Leiter der Papierfabrik in Mesnil. Derselbe starb 1836 im Alter von 37 Jahren.[178]

Ambroise Firmin-Didot, ältester Sohn Firmin-Didots, Typograph, Graveur, Schriftgießer, Mitglied des Munizipalrates von Paris, früheres Mitglied der Handelskammer, ist 1790 zu Paris geboren und leitete das Haus Didot in Gemeinschaft mit seinem Bruder Hyacinthe Didot, geb. 1794, nach dem Tode seines Vaters.

Nach Vollendung seiner Studien, welche vorzüglich auf das Griechische gerichtet waren, war Ambroise Firmin-Didot einige Zeit Attaché bei der Gesandtschaft zu Konstantinopel. Als er diese Stellung verließ, um nach Frankreich zurückzukehren und die Leitung des Hauses seines Vaters zu übernehmen, bereiste er zur Erweiterung seiner Kenntnisse vorher noch die klassischen Länder des Morgenlandes. Diese Reise ist für die Wissenschaft von Nutzen gewesen, denn Ambroise Didot verdanken wir die Bestimmung der Lage von Pergamon (der klassischen Festung Troja).

Ferner verdankt man ihm eine gelehrte Ausgabe des Thucydides, dessen neben dem Texte befindliche Uebersetzung sich durch große Treue auszeichnet. Sein »essai sur la typographie« ist das Ergebnis einer langen Erfahrung und reicher Familienüberlieferungen.

Die Schriftgießerei verdankt A. F.-Didot eine neue Schrift, anglaise cursive, und neue Stempel zu griechischen, französischen, russischen etc. Typen; allein die von Ambroise und Hyacinthe Didot unternommenen babylonischen Arbeiten haben dieselben veranlaßt, ihre berühmte Gießerei dem neuen, unter dem Namen Fonderie générale begründeten Etablissement abzutreten.

Ein weiteres großartiges Unternehmen ist die Bibliothèque des auteurs grecs, bereichert mit bis dahin noch ungedruckten Dokumenten, und in ihren Texten von den ausgezeichnetsten Gelehrten aller Länder von neuem mit den Handschriften verglichen. Dieselbe bildet die Fortsetzung der Bibliothèque des auteurs latins de Nisard und der Bibliothèque française, welcher ebenfalls Noten und Kommentare der ausgezeichnetsten Kritiker beigegeben sind.

Hyacinthe Didot, geb. 1794, gest. 1881, hinterließ das großartige Geschäft unter der Firma Firmin-Didot & Co., Alfred Firmin-Didot, geb. 1828, dem sich inzwischen als Inhaber noch Maurice Firmin-Didot, und Henri Ramin, zugesellt haben.

Quellen: Piton, die Familie F.-D., Paris 1856; Börsenblatt für den deutschen Buchhandel.

Quelle:
Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 1. Berlin/Eberswalde 1902, S. 175-179.
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