Reclam, Familie

[793] Reclam. »Veillez, sans peur«, »seid wachsam und furchtlos«, das ist der Wappenspruch des aus Savoyen stammenden alten Geschlechts der Reclam, dessen Spuren bis über das Jahr 1532 hinaus zurückführen.

Aber so zahlreich die Glieder der Familie Reclam sind, so gering war verhältnismäßig die Zahl der Berufsarten, die sie ergriffen;[793] denn es gibt ganze Generationsfolgen, die dem gleichen Beruf angehörten. Ob sie Juwelenhändler, Goldschmiede, Kaufleute, Buchhändler, Prediger, Gelehrte oder Soldaten, ob sie bürgerlich oder adelig waren, allen ist eins gemeinsam: das ernste Streben, mehr als Durchschnittliches zu erreichen.

Carl Heinrich Reclam (1776-1844), der Sohn des Juweliers Friedrichs des Großen, kam nach Leipzig und eröffnete mit seiner, ursprünglich französischer Literatur dienenden Buchhandlung die Reihe der Buchhändler unter den Reclams. Er ist der Begründer dieser Buchhändler-Dynastie und de Firma C. H. Reclam sen., die er später an seinen Schwiegersohn Jul. Altendorf abtrat, und die schließlich in die Firma Philipp Reclam jun. aufging.

Carl Heinrich ältester Sohn war Anton Philipp Reclam. Er wurde am 28. 6. 1807 in Leipzig geboren. Er erlebte als sechsjähriger Knabe die Völkerschlacht, er sah schaudernd, wie aus den zum Lazarett dienenden Kirchen Leichen in Massen auf Leiterwagen geladen wurden. Er sah aus der am Markt gelegenen Wohnung die Franzosen ihre Gewehre von sich werfen, als die Kosaken und Baschkiren in die Stadt sprengten, und warf letztern in Ermangelung anderer Nahrungsmittel Äpfel aus dem Fenster zu, die jene freudig auffingen. Eine Szene war ihm besonders in Erinnerung geblieben: Als einer der Reiter den erbettelten Apfel in seiner Mütze aufgegangen hatte, teilte er diesen mit dem gleich ihm hungernden Pferd. Hinter den Kosaken rückten andere Truppen in Leipzig ein und mit ihm die verbündeten Monarchen.

Nach Absolvierung der Schule trat Philipp, vom Vater zum Buchhändler bestimmt, 1823 als Lehrling in die Schulbuchhandlung von Friedrich Vieweg & Sohn in Braunschweig, mit deren Besitzern er durch seine Mutter, eine geborene Campe, verwandt war. Hier war er als Lehrling vier Jahre tätig, sowohl in der Buchhandlung als auch in der Buchdruckerei.

Nach Leipzig zurückgekehrt, streckte ihm sein Vater ein Kapital von 3000 Talern vor, das er ihm zu verzinsen hatte, und dafür erwarb er am 1. April 1828 das mit einer Leihbibliothek verbundene »Literarische Museum«, Verlags-Buchhandlung, Lesebibliothek und Journalistikum, das sich in der Grimmaischen Straße gegenüber dem Naschmarkt befand.

Da das Museum der Sammelpunkt der Gelehrten und Literaten wurde, verdankte der damals 22-jährige Buchhändler dem Verkehr mit ihnen viel Anregung. Bald regte sich die Lust zum Verlegen in ihm, und mit den ersten ersparten 30 Talern erwarb er das erste Manuskript, eine Übersetzung aus dem Französischen, dem bald[794] andere Verlagswerke folgten, unter anderen: Julius Mosen, Novellen; Heinrich der Finkler Gedichte; Heinrich Laubes historisch-politische Skizzen »Das neue Jahrhundert«.

1837 verkaufte er das »Literarische Museum« wieder, um sich ganz dem Verlag zu widmen; er firmierte jetzt »Philipp Reclam jun.«. 1839 erwarb er, von Freunden unterstützt, die gut eingerichtete Haacksche Buchdruckerei, eine Akzidenzdruckerei, in der er zunächst für fremde Auftraggeber druckte. Schlechte Erfahrungen und größere Verluste ließen ihn daran denken, sich von fremden Aufträgen zu emanzipieren und einen eigenen Verlag zu schaffen. Die Druckerei befand sich Königsstraße 4, im Gartengebäude. Jetzt beginnt die eigentliche Verlagstätigkeit Philipp Reclams. Es entstehen die Bibel-Ausgaben, das Schmidtsche französische Handwörterbuch, sowie »Das singende Deutschland«, Unternehmungen, die sehr gut einschlugen.

Es seien aus dieser Zeit noch erwähnt: Brennglas, Eckensteher, Miß Pardoe, Ungarn und seine Bewohner. In den nächsten Jahren von 1842-49 erschienen neben »Oettingers Charivari« von demselben Verfasser: Helene, Ein Fehdebrief an die Gesellschaft. – Joujoux, – Narrenalmanach, – Potsdam und Sanssouci, – Spontini. Eine kleine Broschüre: »Mola Lontez« erzielte großen Erfolg. Vor allen Dingen aber fallen in diese Zeit die zahlreichen Schriften politischen Inhalts, die nach der Revolution von 1848 zu dem famosen Metternichschen Dekret Veranlassung gaben, durch das die Reclamschen und Otto Wigandschen Publikationen den österreichischen Buchhändlern verboten wurde.

Durch Fürst Metternichs Dekret wurden Reclam viel Schaden und große Verluste zugefügt, und jene Zeit war für ihn eine recht sorgenvolle. Er mußte nun bestrebt sein, durch Unternehmungen, deren Vertrieb ein dauernder war, dem Geschäft eine gesicherte Grundlage zu schaffen.

So erschienen nun die stereotypierten Ausgaben der griechischen und lateinischen Klassiker von Koch; Mühlmanns lateinisches, Koehlers englisches Wörterbuch und das von diesem neu bearbeitete Schmidtsche französische Lexikon; ferner die Opernbibliothek (Klavierauszüge mit deutschem Text), Härtels deutsches Lieder-Lexikon, sowie als Vorläufer der billigen Klassiker-Ausgaben Shakespeares Werke, übersetzt von A. Böttger u.a., und zwar zu dem damals unerhört billigen Preise von 11/2 Talern.

1862 erbaute Reclam ein neues Geschäftshaus Dörrienstr. 4 und zog hier ein mit der Hoffnung, daß der bis dahin beispiellose Erfolg der immer neue Auflagen nötig machenden Shakespeare-Ausgaben auch bei andern billigen Klassiker-Ausgaben sich einstellen[795] werde. Da trat mit dem November 1867 das neue Gesetz in Kraft, das die Werke aller seit 30 Jahren und länger verstorbenen Autoren zum Gemeingut der Nation machte, und nun bereitete Reclam für diesen Termin eine Gesamtausgabe von Schillers Werken vor, denen sich später die von Lessing, Goethe, Körner, Hauff, Börne, Molière und Byron anschlossen.

Neben diesen wohlfeilen Klassiker-Ausgaben, vermehrt durch die Werke Grabbes, Heines, Herders, Kleists, Lenaus, Longfellows, Miltons, begann er gleichzeitig das Unternehmen, das seinen Namen zu einem der geachtetsten machen und den Weltruf der Firma begründen sollte, – die Universalbibliothek.

Infolge des von Anbeginn an steigenden Absatzes dieser mit dem Goetheschen Faust (seinem Lieblingswerk) begonnenen Universalbibliothek und der Klassiker war eine Vergrößerung des Geschäftshauses nötig geworden. Es wurde daher das Nachbargrundstück angekauft, und nachdem bald beide Häuser bis zum Giebel mit Vorräten von gebundenen und gehefteten Büchern gefüllt waren, so daß sich für die neu anzuschaffenden Schnellpressen kein Raum mehr fand, wurde zu einem Neubau Kreuzstraße 7 geschritten, der 1887 bezogen wurde.

Den Segen seines Werkes für die Menschheit und den Aufschwung seines aus kleinen Anfängen entstandenen, zu einem Welthause sich entwickelnden Unternehmens hat er noch selbst erlebt, und als er am 5. Januar 1896 die Augen schloß, da schied er aus einem langen, 89-jährigen, an Erfolgen reichen Leben.

Über die Bedeutung von Anton Philipp Reclams Werk, der Universalbibliothek, für die Volksbildung und Aufklärung ein Wort zu verlieren ist überflüssig; dafür spricht die beispiellose Verbreitung und der heute, vierzig Jahre nach dem Beginn – es sind weit über 5000 Nummern erschienen – ins Ungeahnte steigende Absatz. Wenn man bedenkt, wie genau Anton Philipp Reclam bei der Herstellung der Bändchen kalkulieren mußte, und daß sein Nutzen nur nach Pfennigen und Pfennigteilen berechnet werden konnte; wenn man bedenkt, daß die Summe dieser verdienten Pfennige ihren Ausdruck nicht nur in dem Weltruhm der Firma findet, sondern in sichtbarer Weise in dem Monumentalbau des Geschäftshauses mit seinem weitverzweigten Betriebe, dann begreift man erst, welchen kolossalen Nutzen das Unternehmen auch für den Buchhandel gehabt hat, der doch an diesem Gewinn in hervorragender Weise teilnahm.

Seit 1863 stand Anton Philipp Reclam sein einziger Sohn Hans Heinrich Reclam, der jetzige Seniorchef des Hauses, zur Seite, der zunächst im väterlichen Hause (1856-57) die Buchdruckerei erlernte, dann als Lehrling in die J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung[796] eintrat, in der er nach beendeter dreijähriger Lehrzeit noch bis Michaelis 1860 als Gehilfe arbeitete. 1860-62 war er bei Orell Füßli & Co. in Zürich, dann bei Muquardt in Brüssel und in der Filiale in Genf tätig. 1863 trat er in die väterliche Buchhandlung ein und wurde 1868 Teilhaber der Firma.

Die bildende Kunst hat er dadurch in sichtbare Beziehungen zu seinem Verlage gebracht, daß er im Jahre 1896 die illustrierte Zeitschrift »Universum« von Alfred Hauschild in Dresden erwarb. Reclams Universum hat sich unter seiner Leitung zu einer textlich wie illustrativ bedeutenden Zeitschrift entwickelt.

Wie sein Vater ihn schon in jungen Jahren zum Teilhaber seines Geschäftes machte, so hat auch er 1906 seine beiden Söhne, Dr. Ernst und Hans Emil Reclam zu Teilhabern aufgenommen.

Quellen: »Geschichte der Familie Reclam, zusammengestellt von Carl von Reclam«, Leipzig, April 1895 (nicht im Handel); Börsenblatt für den deutsch. Buchhandel 1907 (H. Franke): Die Familie Reclam, Leipzig 1906.

Quelle:
Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 5. Berlin/Eberswalde 1908, S. 793-797.
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