Gleichnis

[481] Gleichnis. (Redende Künste)

Es ist schon anderswo1 angemerkt worden, daß das Gleichnis ein ausgezeichnetes Bild der Rede sey, dem das Gegenbild zur Seite gesetzt wird, damit dieses durch jenes mit ästhetischer Kraft gefaßt werde. Demnach kann alles, was dort von den Bildern der Rede, ihrem Nutzen und ihrer Erfindung gesagt worden ist, auch auf das Gleichnis angewendet werden. Gegen die bloße Vergleichung, verhält es sich wie die Allegorie gegen die Metapher. Die Vergleichung nennet das Bild, oder bezeichnet es sehr flüchtig, und setzet in demselben Redesatz das Gegenbild gleich daneben. Wenn man von einem Verwundeten sagte: das Blut floß über seinen weissen Schenkel, wie Purpur, womit Elfenbein gefärbet ist; so ist dieses eine bloße Vergleichung. Auf die Art aber, wie Homer2 dieses Bild ausmahlet, wird es zum Gleichnis. »Wie wenn eine Frau aus Phrygien oder Carien das Elfenbein mit Purpur gefärbet hat, um ein zierliches Pferdegebiß daraus zu verfertigen; sie verwahret es in ihrem innersten Zimmer, und obgleich mancher Ritter [481] es zu besitzen wünschet, so wird es als ein Juweel für einen König aufbehalten, dem Pferde zum Schmuk und dem Reuter zur Ehre. So floß, o Menelaus, das Blut von deinem wol gebildeten Schenkel über die Waden bis auf die schönen Knöchel herunter.« Hier wird das Bild umständlicher ausgezeichnet, damit die Aufmerksamkeit sich darauf verweile und der Leser dasselbe völlig ins Gesicht fasse, hernach aber die Beschaffenheit des Gegenbildes darin, als in einem Spiegel, mit Lebhaftigkeit erkenne. Der Grieche, der dieses las, mußte sich dabey ein Gebiß vorstellen, das durch die Feinheit der Form, und durch die Schönheit der Farben, in seiner Art für ein Kleinod zu halten war, dergleichen nur Könige hatten. Mit diesem Bilde wird nun der wol gestaltete, aber nun mit Blut umflossene Schenkel und Fuß des Helden vergliechen; dadurch bekam der Leser die lebhafteste Vorstellung der Sache, die der Dichter unmittelbar zu mahlen sich nicht getrauet hatte.

Damit wir hier nicht in unnöthige Weitläuftigkeit gerathen, wollen wir alles das voraussetzen, was von der Beschaffenheit und Erfindung der Bilder, und von der Absicht und der Würkung der Vergleichungen, in andern Artikeln angemerkt worden ist3. Also wird hier die Betrachtung blos auf die Ausführung der Vergleichung eingeschränkt.

Vergleichungen werden so wol in der gemeinen Rede, als in allen Gattungen des kunstmäßigen Vortrages derselben vielfältig, und mit großem Nutzen gebraucht. Der Hang seine Vorstellungen durch Aufsuchung ähnlicher Fälle deutlicher oder lebhafter zu machen, ist dem menschlichen Genie angebohren. So ofte wir in einem ruhigen Gemüthszustand uns bestreben, einen Gegenstand recht deutlich oder sehr lebhaft zu erkennen, bedienen wir uns des Hülfsmittels der Vergleichung. Was hierüber anzumerken ist, wird als bekannt angenommen. Für diesen besondern Artikel entstehet also die Frage, wenn und in was für Fällen wir die Vergleichung auszuführen und dadurch zum Gleichnis zu erheben geneigt seyn, und wie die Ausführung der Vergleichung geschehen könne.

Da das Gleichnis eine ausgeführte Vergleichung ist, so setzet es einen solchen Zustand des Gemüths voraus, der uns erlaubet, bey Betrachtung eines Gegenstandes zu verweilen, und einen Gegenstand, den wir nicht nur überhaupt, sondern auch in seinen besondern Theilen genau und deutlich, oder doch sehr lebhaft zu fassen wünschen. Aber da, wo man mit seinen Vorstellungen forteilet, wo mehr zu thun, als zu betrachten ist, wo man mehr zu fühlen, als zu sehen hat, da pflegt man selten seine Begriffe durch Vergleichungen klarer und lebhafter zu machen, vielweniger, sich bey denselben aufzuhalten Wer am Ufer des Meeres die vom Sturm aufgebrachten und über einander rollenden Wellen ruhig ansieht, der kann Betrachtungen darüber anstellen; wer sich aber alsdann auf dem Meer selbst befindet, ist blos damit beschäftiget, wie er sicher durch diese Wellen hindurch fahren könne; ihm bleibt keine Zeit zur Betrachtung übrig.

Hieraus läßt sich abnehmen, in was für Fällen das Gleichnis so wol von dem Redner, als von dem Dichter natürlicher Weise angebracht werde. Die redende Person muß in einem Gemüthszustand seyn, in welchem das Bestreben, die vorkommenden Gegenstände ausführlich mit Deutlichkeit oder Lebhaftigkeit zu fassen, natürlich ist; und der Gegenstand selbst muß intressant oder wichtig seyn. Da in keinem andern Fall die Lust zu Vergleichungen entsteht, so würden auch in Werken redender Künste die angebrachten Gleichnisse außer den bemeldten Fällen unnatürlich und wiedrig seyn.

Das Bestreben einer Vorstellung durch Vergleichung aufzuhelfen, kann einen doppelten Grund haben; entweder entsteht es blos aus der Begierde den Gegenstand vermittelst eines leicht zu übersehenden Bildes faßlicher zu machen, dem abstrakten Gedanken eine körperliche Gestalt zu geben, an welcher man sie anschauend erkenne; oder man will ihn gern lebhafter empfinden, um den Eindruk, den es auf uns macht, zu verstärken, und ihn völlig zu genießen. Im erstern Fall entstehen die unterrichtenden Gleichnisse, derer sich die Redner in dem lehrenden Vortrag bedienen; sie haben die Würkung der ausführlichen Beyspiele, erleichtern die deutliche Vorstellung der Sachen; oder helfen uns, daß wir uns in den rechten Gesichtspunkt stellen, aus welchem die Sachen, die wir genau zu betrachten haben, müssen angesehen werden; legen das, was blos im Verstande lag, und demselben leicht wieder entwischen könnte, in die Einbildungskraft, die es dann durch Hülfe der sinnlichen Bilder, deren man sich leicht erinnert, unvergeßlich besitzt. Von dieser Art ist folgendes Gleichnis, wodurch ein römischer Philosoph [482] seine Gedanken von der Fürtrefflichkeit der philosophischen Schriften des Panätius erläutert. »Gleichwie sich kein Mahler gefunden, der sich getrauet hätte, die vom Apelles angefangene Venus fertig zu machen, indem die Schönheit des Gesichts jedem die Hofnung benahm, die übrigen Theile des Leibes auf eine ähnliche Art zu vollenden; so hat auch Niemand das, was Panätius in seinen Schriften unausgeführt gelassen, wegen der Fürtrefflichkeit dessen, was schon vorhanden war, auszuführen unternommen.«4

Der zweyte Fall hat da statt, wenn uns ein Gegenstand vorkömmt, der uns lebhaft rühret, es sey daß er eine vergnügte oder beunruhigende Empfindung erweket; denn da entstehet allemal die Begierde, solchen Gegenstand mit völliger Lebhaftigkeit zu empfinden, und sich bey dieser Empfindung zu verweilen. Beydes kömmt so wol in der epischen, als in der lyrischen Dichtkunst, auch in einigen Reden gar ofte vor. Man empfindet sehr klar, wie das vorher aus der Ilias angeführte Gleichnis entstanden ist. Der Dichter sah in seiner Phantasie, wie dem verwundeten Menelaus das Blut über den entblößten Schenkel bis auf die Ferse herunter floß. So wol die schöne Gestalt des Helden, als das herunterfließende Blut wird ein Gegenstand, auf dem er sich zu verweilen wünschet, weil sie ihn in eine sanfte Empfindung setzten. Indem er sich auf diesem Gegenstande verweilet, erwekt so wol die schöne Bildung des verwundeten Gliedes, als das herabrinnende Blut, das Bild, welches er zur Vergleichung anwendet. So entsteht das Gleichnis, so ofte wir den Eindruk, den die besondere Beschaffenheit eines Gegenstandes auf uns macht, gerne durch eine noch lebhaftere Vorstellung desselben zu unterhalten und zu vermehren wünschen.

Man gebe nur Achtung, wie die Phantasie, so ofte man uns etwas Intressantes erzählt, beschäftiget ist, sich jeden Umstand auf das lebhafteste vorzumahlen, und wie sie zu dem Ende überall die hellesten Bilder aufsucht, vermittelst welcher sie sich diese Vorstellung erleichtert. Man thut es nicht blos bey Gegenständen, die vergnügte Empfindungen erweken, sondern auch bey traurigen, so gar bisweilen bey schmerzhaften. Denn wir lieben uns in die lebhaften Empfindungen andrer zu setzen, auch alsdann, wenn sie unangenehm sind.

So wünschen wir die intressanten Situationen, darin wir andre sehen, uns recht lebhaft vorstellen zu können, und suchen alles hervor, was uns dieses erleichtert. So fand Bodmer den Zustand der Brüder Josephs, in dem Augenblik, da Josephs Becher in Benjamins Kornsak entdekt wurd, so sehr intressant, daß er sich bey diesem Gegenstande nicht nur verweilet, sondern das Bestreben äussert sich die lebhafteste Vorstellung davon zu machen, wie der betäubende Schreken alle Brüder auf einmal befallen; hieraus entstuhnd denn dieses schöne Gleichnis:


Wie der Blitz des elektrischen Drats den Körper der Menschen

Plötzlich durchfährt und die Sinnen betäubt; wie er schnell von dem ersten

Zu dem folgenden fortgeht, und alle durchfährt und betäubet:

Also durchfuhr der Schlag von Zophnats gefundenem Becher

Benjamins Busen, bey dem er sich fand und auf einmal die Herzen

Seiner Brüder: er schlug auf ihr aller inwendigste Sinnen5


So fand auch Homer die Scene, da Ulysses mit einem glühenden Pfahl dem Cyclopen das Aug ausbrennt, so intressant, daß er sich jeden Umstand derselben auf das Lebhafteste vorzustellen bestrebte. Wie ein äusserst neugieriger Zuschauer nähert er sich derselben, so weit er kann, damit ihm gar nichts davon entgehe. Nun sieht er, wie die Männer die glühende Spitze des Pfahls auf das Aug des Riesen setzen und schnell, wie einen Bohrer herum drähen; dieses mahlt er durch ein Gleichnis. Dann höret er das Zischen, das die Gluth in dem feuchten Auge verursachet. Dieser Umstand rührt ihn wieder besonders und bringt ihm das Zischen zu Sinne, welches ein in kaltem Wasser abgelöschtes glühendes Eisen verursachet; daher entsteht das zweyte Gleichnis. »Wie eine Axt oder Schaufel, die der Schmidt zum Härtnen ins kalte Wasser tauchet (denn davon bekömmt das Eisen seine Stärke) so zischete und brausete das Aug des Cyklopen, als es von der Spitze des Oliven Pfahles berührt wurd.«6

Auch in der lyrischen Dichtkunst liebet der Dichter bisweilen sich auf dem Gegenstande zu verweilen. Wo die Begeisterung sehr lebhaft ist, da geht das Gleichnis leicht in die Allegorie über; aber bey etwas gemäßigter Empfindung erscheinet es in seiner eigenen Gestalt. Wenn der Dichter den Gegenstand seiner Empfindung schildert, so wird es ihm natürlich; denn nirgend verweilet man sich lieber, als auf einem Gegenstande zärtlicher Empfindungen. Das hohe Lied Salomons zeiget einen großen Reichthum desselben. Auch da, wo die Empfindung selbst, [483] oder der Zustand des empfindenden Herzens geschildert wird, geräth man sehr natürlich auf ausgeführte Vergleichungen. Wenn der Dichter des 133 Psalms das Vergnügen besinget, das die brüderliche Eintracht in seinem Gemüth erwekt, bedienet er sich der angenehmsten Bilder, um seine Empfindung recht lebhaft zu schildern. Diese, zur Lebhaftigkeit der Vorstellung dienenden, Gleichnisse setzen allemal eine etwas erhitzte Phantasie voraus, die von dem Gegenstande stark gerührt, so gleich ähnliche Bilder entdeket, die ihr das Verweilen auf dem Gegenstand erleichtern.

Aus dieser Lust sich auf dem Gegenstande zu verweilen und ihn recht völlig zu genießen, entsteht eben die Ausführlichkeit der Vergleichung, wodurch sie zum Gleichnis wird. Dieses setzt also allemal, wie schon oben angemerkt worden, einen etwas ruhigen Zustand des Gemüthes voraus, darin man das, was man sieht, recht genießen will. Wenn aber der Mensch in Umständen ist, wo er nicht Zeit hat zu betrachten, sondern würksam und handelnd seyn muß, wo er Entschließungen zu fassen und sie auszuführen hat, wo sein Geist in Geschäffte verwikelt ist, da hat keine Betrachtung, kein Genuß der angenehmen oder unangenehmen Gegenstände statt. Wer bey auszuführenden Geschäfften, da er sich würksam zu zeigen hat, sich bey vorkommenden Gegenständen der Betrachtung aufhalten wollte, der würde so wie der, welcher moralisirt, wo er handeln soll, sich als einen schwachen Kopf und als einen Thoren zeigen.

Daher kömmt es also, daß der epische Dichter, wenn er die handelnden Personen redend einführt, ihnen da, wo sie in Ausführung der Geschäffte begriffen sind, weder Gleichnisse, noch irgend andre den Fortgang der Handlung unterbrechende Reden in den Mund legen kann; und daß im Drama das Gleichnis nicht vorkommen kann, es sey denn in ruhigern Scenen, da die Handlung stille steht und die Personen die Lage der Sachen mit einiger Ruhe übersehen; wo das Herz ruhig, und die Phantasie erhitzt ist. Ueberhaupt hemmet jeder unruhiger Gemüthszustand die Betrachtung.

Wer diese, in der Natur selbst gegründete, Anmerkung wol überlegt, der wird nie in den Fehler verfallen zur Unzeit Gleichnisse anzubringen. Es zeiget einen gänzlichen Mangel der Beurtheilung, wenn man bey sehr lebhaften Scenen, da es blos darum zu thun ist, zu sehen, wie die Menschen handeln, und wie sie sich betragen werden, die Aufmerksamkeit auf einmal von dem, was geschehen soll, ablenket, und die Phantasie mit Gemählden unterhaltet. Wo sich Leidenschaften von der heftigen Art äussern, da werden die Gegenstände der Phantasie unmerkbar; ja so gar die äussern Sinnen verlieren alsdenn ihre Kraft zu rühren. Wer von Zorn, oder Furcht, oder von irgend einer andern stark würkenden Leidenschaft ergriffen wird, der hört und sieht nichts; um so viel weniger wird er sich mit Bildern der Phantasie unterhalten.

Dieses sey von dem Zustande der redenden Person in Absicht auf den Ort, wo die Gleichnisse natürlich oder unnatürlich werden, gesagt.

Nur eine einzige Nebenanmerkung wollen wir hinzufügen. Man hat verschiedentlich als etwas besonderes angemerkt, daß Homer im ersten Buche der Ilias und sogar in den drey ersten Büchern der Odyssee sich der Gleichnisse enthalten hat, die hernach so häufig vorkommen. Es läßt sich hiervon ein ganz natürlicher Grund angeben, der aus der vorher gemachten Anmerkung fließt, daß das Gleichnis alsdann natürlicher Weise entsteht, wenn das Herz etwas ruhig, hingegen die Phantasie erhitzt ist. Diese Erhitzung der Phantasie geschieht allmählig, ein gesetzter Kopf wird nicht sogleich erhitzt, er muß vorher seinen Gegenstand eine Zeitlang behandelt, und das Intressante desselben recht empfunden haben. Je mehr Ueberlegung ein Mensch hat, je langsamer geht es mit dieser Erhitzung zu. Hiezu kömmt noch der andre Umstand, daß im Anfange der Handlung die Neugierde, die Scene völlig eröfnet und die Handlung bis auf einem gewissen Punkt fortgerükt zu sehen, dem Geiste den ruhigen Genuß der Gegenstände nicht erlaubet. Wenn uns auf einmal eine Menge in lebhafter Handlung begriffene Menschen vor Augen kämen, so wäre im Anfang die Neugierde, zu wissen, was sie vorhaben, und wie weit etwa der Handel gekommen ist, zu groß, als daß wir einen oder den andern derselben besonders ins Gesicht faßen, oder seine Physionomie beobachten könnten. Aber alsdenn, wenn die erste Neugierd etwas befriediget ist, werden wir ruhigere Zuschauer. Also wär es würklich unnatürlich, wenn uns der epische Dichter gleich anfänglich, ehe wir an dem Orte stehen, von welchem wir der Handlung etwas ruhig zu sehen können, und ehe die Phantasie Zeit gehabt sich zu erhitzen, mit so besonders gezeichneten [484] kleinen Gemählden, wie die Gleichnisse sind, aufhalten wollte.

Nun ist noch ein andrer Umstand in Betrachtung zu nehmen; denn wenn gleich die redende Person sich in der Gemüthslage befindet, da man Vergleichungen zu machen pfleget, so stehen sie darum nicht allemal am rechten Ort. Es ist vorher angemerkt worden, daß der Gegenstand, den man vermittelst einer Vergleichung sehr deutlich zu fassen, oder sehr lebhaft zu empfinden wünschet, intressant seyn müsse. Dieses ist ein wichtiger Punkt in Absicht auf den Gebrauch der Gleichnisse. Schwache Köpfe finden bisweilen die unbeträchtlichsten Dinge, die keinen verständigen Menschen aufmerksam machen, sehr intressant; sie mahlen uns mit der größten Aufmerksamkeit Gegenstände, über welche unser Aug gern flüchtig hinglitschen möchte. Also muß der Redner, wie der Dichter, wol überlegen, ob es wol der Mühe werth sey, einen Gegenstand durch das Gleichnis dem Verstande deutlich oder der Phantasie lebhaft vorzumahlen.

Hierüber lassen sich keine Regeln geben; es kömmt dabey schlechterdings auf die Urtheilskraft des Redners oder Dichters an. Ist diese männlich und stark, so wird er nur solche Gegenstände durch Gleichnisse ausmahlen, die jedem verständigen Menschen intressant sind: wo eine feurige Phantasie den ganzen Kopf beherrscht, der Verstand aber schwach ist, da werden häufig Gleichnisse erscheinen, wo kein Verständiger sie erwartet, und wo er sie lieber übergeht. Ueberhaupt ist es eine längst gemachte und gründliche Anmerkung, daß die Gleichnisse nur als eine feine Würze sparsam zu brauchen seyen. Sie gehen doch allemal auf einzele Vorstellungen, deren besondere Betrachtung den Faden der Hauptvorstellung etwas unterbricht. Sollte dieses zu ofte geschehen, so würde die Einheit der Hauptvorstellung zu sehr darunter leiden.

Der Redner ziehe aus diesen Anmerkungen die Lehre, daß er im unterrichtenden Vortrage sich aller erläuternden Gleichnisse enthalten solle, außer da, wo er Hauptbegriffe oder Hauptsätze, die ohne ähnliche Fälle nicht deutlich genug erkennt, oder nicht schnell genug gefaßt, noch dem Gedächtnis lebhaft genug eingeprägt werden, vorzutragen hat. Er brauche sie hauptsächlich da, wo es wichtig ist, daß der Zuhörer die Vorstellungen nicht nur mit großer Klarheit fasse, sondern sich durch Verweilen darauf vollkommen damit bekannt mache; vornehmlich bey solchen Sätzen, die dem anschauenden Erkenntnis durch ausführliche Bilder einleuchtend seyn sollen.

Der Dichter, und auch der Redner, der durch lebhafte Gleichnisse stärker rühren will, überlege wol, ob es natürlich ist, daß er, oder daß die Person, die er redend einführet, sich itzt auf dem Gegenstande verweile, um den Eindruk davon völlig zu genießen, und ob der Gegenstand selbst wichtig genug ist die Empfindung eine Zeitlang zu beschäftigen.

Auch die Art das Gleichnis vorzutragen und zu behandeln, verdienet eine nähere Betrachtung. Der Ausdruk, die Schreibart und der Ton sind dabey wichtige Sachen, ob gleich die Kunstrichter wenig darüber angemerkt haben. Es ist aber leicht, die wichtigsten Grundbegriffe hierüber zu entdeken. Man därf zu dem Ende nur auf den Ursprung und die Absicht der Gleichnisse zurück gehen.

Das erläuternde Gleichnis hat eine grössere Deutlichkeit und eine ganz genaue, aber sinnliche Bestimmung der Vorstellung zur Absicht; darum erfodert es einen sehr einfachen und natürlichen Ausdruk in dem unterrichtenden Tone, der blos auf den Verstand würkt und die Empfindung in völliger Ruhe läßt. Es kömmt dabey mehr auf eine genaue Zeichnung, als auf das Colorit an. Man zeiget dem Zuhörer jeden Theil des Bildes, gleichsam mit dem Finger, damit er es in der größten Deutlichkeit fasse; doch läßt man ihn von dem Bilde nichts sehen, als was zur Aehnlichkeit mit dem Gegenbilde gehört. Von dieser Art ist folgendes Gleichnis, womit Epiktet einem angehenden Philosophen die wichtige Lehre fühlbar machen will, daß er das, was er gelernt hat, nicht prahlerisch vor andern auskramen, sondern in der Stille zu seinem wahren Nutzen anwenden soll. »Die Schaafe, indem sie wiederkauen, speyen das genossene Futter nicht wieder aus, um dem Schäfer zu zeigen, daß sie gut geweidet haben; sondern sie verdauen unbemerkt und begnügen sich damit, daß sie die Wolle und die Milch, als die Würkung der guten Nahrung, zeigen. Also sollst du bey Unwissenden mit dem Gelernten nicht prahlen, sondern nur die Werke, die daraus entstehen, zeigen.«7

Eine ganz andere Beschaffenheit hat es mit den Gleichnissen, welche die Lebhaftigkeit der Vorstellung zum Zwek haben. Denn dadurch würken sie auf die Empfindung, deren Gattung, Schattirung und Stärke man wol zu überlegen hat, damit [485] in dem Vortrage des Gleichnisses alles damit übereinstimme. Denn jede Empfindung hat ihren eigenen Ton; einige sind heftig, andre zärtlich und sanft, einige vergnügt, andre traurig. Wie nun das Bild zum Gleichnis auf das genaueste mit der Art der Empfindung übereinkommen muß, so soll auch der Ausdruk und Ton desselben ihr angemessen seyn. Wenn Klopstok uns recht in die Empfindung setzen will, in welcher die Schutzengel der Jünger Jesu gewesen, da sie den am Oelberge schlafenden Johannes betrachten, so bedienet er sich dieses Gleichnisses:


Also stehen drey Brüder um eine geliebteste Schwester,

Zärtlich herum, wenn sie auf weich verbreiteten Blumen

Unbesorgt schläft, und in blühender Jugend Unsterblichen gleichet.

Ach sie weiß es noch nicht, daß ihrem redlichen Vater

Seiner Tugenden Ende sich naht. Ihr dieses zu sagen

Kamen die Brüder; allein sie sahen, sie schlummern und schwiegen8.


Weil hier die Empfindung, die wir recht fühlen und genießen sollen, von zärtlich trauriger Art ist, so ist nicht nur das Bild selbst vollkommen in dieser Art, sondern auch der Ausdruk und der Ton; alles bis auf die kleinesten Nebenbegriffe, und auch der Ton der Worte und der Fluß des Verses ist zärtlich und traurig. Hingegen da, wo eben dieser große Dichter uns die schrekliche Unruhe will empfinden machen, die Kaiphas von dem, ihm vom Satan eingehauchten, Traum gehabt hat, ist nicht blos das Bild der Vergleichung, sondern auch der Ausdruk und der Ton erschreklich9.

In der Behandlung unterscheiden sich diese Gleichnisse von den Erläuternden auch dadurch, daß nicht jeder Nebenbegriff in dem Bilde bedeutend seyn därf. Da es hier nicht auf Unterricht, sondern auf Rührung ankömmt, so ist darin alles gut, was die Art der Empfindung unterstützet, wenn es gleich zur Aehnlichkeit nichts beyträgt. Das Gleichnis, das Klopstok braucht, die Wuth der Sadducäer gegen den Philo lebhaft zu schildern,10 enthält verschiedene kleine Umstände, die nichts zur Aehnlichkeit beytragen, sondern nur überhaupt dienen, den schrekhaften Eindruk zu unterstützen. In allen solchen Fällen ist es vortheilhaft, das Bild nicht nur genau auszumahlen, sondern es der Phantasie so vorzuhalten, daß man das Gegenbild eine Zeitlang aus dem Gesichte verliehrt. Denn da es hier blos darum zu thun ist, daß die sich schon äussernde Empfindung unterstützt werde, so muß das hiezu dienliche Bild so nahe vors Gesicht gebracht werden, daß man es zu sehen glaubt. Dieses aber kann nicht anders, als durch Bezeichnung der kleinesten Umstände geschehen. In dem so eben erwähnten Fall, wenn der Dichter gesagt hat:


–– Ihn sahn die Sadducäer, und standen

Gegen Philo mit Ungestühm auf.


so entsteht bey dem Leser die Erwartung einer fürchterlichen Scene. Itzt ist es dem Dichter nur darum zu thun, daß die Phantasie ein fürchterliches Stürmen vor sich sehe, damit die Empfindung lebhaft werde. Ohne sich ängstlich um völlige Aehnlichkeit zu bekümmern, sucht er nur etwas, wodurch die Empfindung der Furcht unterhalten wird, weil dieses seine Hauptabsicht ist. Darum beschreibet er uns folgende Scene, die uns nothwendig in diese Empfindung setzen muß, wenn wir sie nur nahe vor uns haben.


–– Wie tief in der Feldschlacht

Kriegrische Rosse vorm eisernen Wagen sich zügellos heben,

Wenn die klingende Lanze daher bebt, dem rufenden Feldherrn

Den sie zogen, den Tod trägt, und unter sie, ihn blutathmend

Stürzt. Sie wiehern hoch her, und drohn mit funkelnden Augen,

Stampfen die Erde, die bebet, und hauchen dem Sturmwind entgegen.


Dadurch befinden wir uns plötzlich mitten in einem fürchterlichen Auftritt, aus dem wir uns durch die Flucht zu retten wünschen. Dieses ist eben der Zustand, in den uns der Dichter versetzen wollte, damit er in uns den Abscheu gegen die wüthenden Sadducäer erweken möchte, die wir itzt, als die Urheber dieser Furcht ansehen.

Die Gleichnisse also, welche eine leidenschaftliche Empfindung zu unterstützen dienen, sind um so viel würksamer, je mehr die Aufmerksamkeit blos auf das Bild geheftet wird. Deswegen werden sie von dem Dichter insgemein so vorgetragen, daß man das Gegenbild eine Zeitlang aus dem Gesichte verliehrt, damit die Lebhaftigkeit der Empfindung durch nichts unterbrochen werde; und durch diesen besondern Vortrag nähern sie sich in etwas der Allegorie, die auch das Gegenbild nicht neben sich hat, und werden um so viel lebhafter.

Es ließe sich über die verschiedenen Formen und über die Ausbildung der Gleichnisse noch viel sagen; man muß es aber dem Geschmak und dem Urtheile des Dichters überlassen. Wer indessen eine ausführliche [486] Theorie der Gleichnisse verlangt, der wird in Breitingers critischer Abhandlung von der Natur, den Absichten und dem Gebrauch der Gleichnisse einen reichen Vorrath hiezu dienlicher Anmerkungen finden. Von dem Werthe der zum Gleichnis zu wählenden Bilder selbst, und ihren verschiedenen Würkungen, wird in dem Artikel Vergleichung das Nothwendigste vorkommen.

1Art. Bild.
2II. IV. 141 u. s. f.
3S. Bild; Vergleichung.
4Cic. Offic. III. 2.
5Jacob II Gesang.
6Odyl. L. IX vs. 391 f. f.
7Enchir. C. XLII.
8Messias IV Gesang.
9im Anfange des IV Ges.
10Meßias IV Ges.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 1. Leipzig 1771, S. 481-487.
Lizenz:
Faksimiles:
481 | 482 | 483 | 484 | 485 | 486 | 487
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Traumnovelle

Traumnovelle

Die vordergründig glückliche Ehe von Albertine und Fridolin verbirgt die ungestillten erotischen Begierden der beiden Partner, die sich in nächtlichen Eskapaden entladen. Schnitzlers Ergriffenheit von der Triebnatur des Menschen begleitet ihn seit seiner frühen Bekanntschaft mit Sigmund Freud, dessen Lehre er in seinem Werk literarisch spiegelt. Die Traumnovelle wurde 1999 unter dem Titel »Eyes Wide Shut« von Stanley Kubrick verfilmt.

64 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon