Aufklärung

[142] Aufklärung oder vielmehr Aufgeklärtheit oder Aufgeklärtsein nennt man den Zustand eines Menschen, der über Alles, was für ihn wissenswerth ist, helle und deutliche Vorstellungen besitzt. Oft hat man, namentlich auch in der neuesten Zeit, die Aufklärung als die Quelle einer unnützen Vielwisserei betrachtet, welche stolz und anmaßend mache, Unglauben und Ungehorsam, Unzufriedenheit mit seinem Loose, Neid gegen Höhere und Wohlhabendere und die Sucht zu raisonniren und zu revolutioniren erzeuge. Doch wie verkehrt eine solche Ansicht sei, kann Dem nicht entgehen, der nur einigermaßen genauer auf die Sache eingeht. Die echte Aufklärung will die Menschheit belehren über Gott und ihr Verhältniß zu ihm, damit wir weder blindgläubig noch abergläubisch und knechtisch furchtsam, sondern mit ehrerbietig kindlichem Sinne ihn durch unser ganzes Leben verehren; sie will uns unsre wahre Bestimmung als Menschen zeigen und durch Erweckung des Gefühls der Menschenwürde auch den Niedrigsten und Geringsten zu dem Entschlusse erheben, dieselbe nie durch niedere Gemeinheit zu entweihen; sie sagt dem Menschen zwar, daß er menschliche Rechte habe, schärft ihm aber zugleich die Pflichten ein, welche er als Mensch, als Christ, als Bürger des Staats und nach seinen besondern Verhältnissen als Vorgesetzter oder Untergebener, als Reicher oder Armer, die er gegen seine Familie, sowie gegen Freunde und Feinde üben soll. Sie unterrichtet ihn, wie er nach dem Maße seiner Kräfte wirken, des Daseins sich vernünftig freuen, aber auch die Übel des Lebens weise besiegen oder muthvoll ertragen und seine Laufbahn so beschließen soll, daß er ohne Reue auf die Vergangenheit zurückblicken kann. Eine solche Aufklärung über die höchsten Angelegenheiten des Menschen kann man aber nicht für unrecht und schädlich halten, sondern muß sie vielmehr als eine heilige Pflicht und als einen wohlthätigen Zustand betrachten, da Gott ja darum dem Menschen Verstand und Vernunft gegeben hat, damit er sie ausbilde und gebrauche. Oft aber freilich wird der Name Aufklärung gar sehr gemisbraucht. Wer seine Geistesgröße darin sucht, daß er sich über alles Heilige und Göttliche wegsetzt, über Religion und Sittlichkeit spottet, als gehöre dies nur für die Unaufgeklärten; wer von einer Freiheit und Gleichheit schwatzt, wie sie nie möglich ist; wer Aufruhr predigt, Alles tadelt und verwirft, weil es nicht von ihm herrührt und nach seinem Sinne ist; wer über dem Streben nach Wissen alles Handeln vergißt, der ist nicht aufgeklärt, sondern im Irrthum. Der Aufgeklärte sieht ein, daß ohne Religion, Gesetze und Obrigkeit keine Ruhe und Sicherheit und kein glückliches Dasein auf Erden stattfinden könne und darum unterwirft er sich der menschlichen Ordnung. Er fodert nur, daß man der Vollkommenheit, wenn sie auch auf Erden nie zu erreichen ist, in den menschlichen Einrichtungen nachstrebe, daß man das Alte, wenn es gut und bewährt ist, erhalte, wenn es ungerecht und untauglich ist, aufhebe oder verbessere, selbst wenn es noch so lange hergebracht wäre und von der Selbstsucht, dem Eigennutze und Stolze auch noch so eifrig vertheidigt würde. Diese Foderung aber der Aufklärung zum Vorwurf zu machen, wäre thöricht.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1837., S. 142.
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