Böhme

[584] Böhme, Jakob, der »philosophus teutonicus«, wurde 1575 zu Alt-Seidenburg bei Görlitz in der Oberlausitz geb. und früh von dem Gefühle gehoben, für Außerordentliches bestimmt zu sein. Dem Lehrling und wandernden Gesellen des Schusterhandwerks festigten einzelne Vorkommnisse diese Ahnung, 1594 ließ er sich als Meister in Görlitz nieder und heirathete; Religionsstreitigkeiten erhöhten seinen Drang nach klarer Erkenntniß, er las die hl. Schrift neben Paracelsus, Weigels u.a. Werken. Er versuchte seine Gedanken über göttliche Dinge aufzuschreiben und 1612 kamen Abschriften der »Aurora oder die Morgenröthe im Aufgang« nicht nur in die Hände seiner Gönner, sondern auch in die des Oberpfarrers zu Görlitz, Richters, der ihn öffentlich abkanzelte und durchsetzte, daß er seine Schrift dem Stadtrathe ausliefern u. geloben mußte, keine weitere zu schreiben (Juli 1613). Durch neue Visionen jedoch erweckt, schrieb B. 1618 theosophische Briefe, 1619 die Abhandlung über die 3 Prinzipien göttlichen Wesens, lebte fortan von Geschenken und lieferte Schriften, in welchen der bildende Umgang mit Gelehrten unverkennbar bleibt. 1623 ließ sein Gönner A. von Frankenberg den »Weg zu Christo« drucken, Richter lärmte abermals von der Kanzel und in einer lateinischen Abhandlung dazu, der Stadtrath rieth B., seine Lehre vor dem Landesherrn zu rechtfertigen. Er reiste nach Dresden und brachte guten Trost heim, 1624 im August st. Richter, sein Feind, im Novbr. aber auch B. Hauptgedanke dieses Theosophen ist, daß Selbstunterscheidung, innere Entzweiung, das Ja und Nein, wesentliche Bestimmung des Geistes und deßhalb Gottes sei, weil Gott als lebendiger Geist gefaßt werden muß. Dies leitete ihn darauf, die Trinitätslehre zum Mittelpunkte [584] seines Philosophirens zumachen. Er war der erste, der philosoph. Gegenstände deutsch behandelte und damit die Gelehrtenbeschämte, obwohl seine Sprache sehr unbeholfen, die Darstellung namentlich durch Bilder verworren und kaum eine Spur von Planmäßigkeit bei ihm zu entdecken ist. Hierin zumeist liegt der Grund, weßhalb ihn die einen als entschiedenen, andere als unklaren Pantheisten, die dritten als concreten Monotheisten, die vierten als das auffaßten, was er eigentlich ist, nämlich als Christusgläubigen, der mit seinem irdischen Auge in den Abgrund der Gottheit zu schauen wagte. B. war in seiner Art fromm, so daß sich seine Liebe zu Gott bis zum »Schmecken des göttlichen Geistes« steigerte, reich an tiefen und fruchtbaren Gedanken; er fühlte selbst, daß er den unendlichen Inhalt des religiösen Gefühles nicht in sinnliche Formen bannen könne, ohne daß der Gottesbegriff dadurch verweltlicht und pantheistisch würde, that manches, um diese Klippe zu vermeiden, unterschied z.B. die Idee Gottes als wesentliche ganz bestimmt von der Idee der Welt als relativen und entging dennoch dem Schicksale nicht, später besonders um pantheistischer Aeußerungen willen verherrlichet und in den Entwickelungsgang der deutschen Philosophie hineingezwängt zu werden. – Durch Gichtel, den schwärmerischen Stifter der Engelsbrüder, erschien 1682 die erste vollständige Sammlung der Werke B.s, die neueste durch Schiebler. Leipzig 1831 bis 43, 5 Bde.; in Schlesien und Holland gab es Böhmisten, in England wurden B.s Werke von Sparrow und Taylor übersetzt, von Podarge commentiert und Johanna Leade gründete eine Gesellschaft für Erklärung und Verbreitung derselben.

Quelle:
Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1854, Band 1, S. 584-585.
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