Böhme

[146] Böhme, 1) Jakob, Mystiker und Theosoph, geb. 1575 als Bauernsohn in Altseidenberg bei Görlitz in der Oberlausitz, gest. 17. Nov. 1624 in Görlitz, erlernte das Schuhmacherhandwerk und wurde auf seiner Wanderschaft mit mystischen, insbes. Paracelsischen und Schwenkfeldschen Schriften bekannt, durch die, verbunden mit eifriger Bibellektüre und grüblerischer Anlage, er auf »innere Erleuchtung« verwiesen wurde. Nachdem er schon einmal sieben Tage hindurch in einen ekstatischen Zustand geraten, ward ihm 1600 eine abermalige Verzückung zu teil, während welcher sein »astralischer« Geist »bis in den Mittelpunkt der Natur« entrückt wurde. Den Inhalt der dritten Vision (im Jahre 1610) schrieb er nieder u. d. T.: »Aurora, oder die Morgenröte im Ausgang« (1612), welche Schrift ihm Verfolgung und vom Görlitzer Magistrat das Verbot zu schreiben zuzog. B. gehorchte sieben Jahre lang, die er seinen Sabbat nannte, worauf er, der innern Stimme nachgebend, 1617 Erbauungsstunden im Hause zu halten, von 1619 an auch wieder zu schreiben anfing und bis zu seinem Tode noch 21 Schriften verfaßte, von denen die bemerkenswertesten sind: »Vom irdischen und himmlischen Mysterium«; »Der Weg zu Christo in acht Büchern« u. a.

Den Mittelpunkt seiner in die Sprache der Alchimie und Naturphilosophie seiner Zeit verhüllten phantastischen Spekulation bildet die Frage nach dem Verhältnis der Kreatur und des in der Welt tatsächlich vorhandenen Bösen zu Gott als dem Schöpfer einer vollkommenen Welt, die er dadurch löst, daß er ein negatives, finsteres Prinzip in Gott selbst verlegt. B. unterscheidet die Gottheit als das ursprünglich Eine, das Alles ist, als das natur- und unterschiedslose Mysterium, die »ewige Stille«, die aber in sich das Prinzip der »Schiedlichkeit« trägt, von dem infolge jenes Prinzips in wirkliches Geschiedensein übergegangenen, auseinander getretenen göttlichen Wesen. Auf seiten des Un- und Widergöttlichen steht das Geschaffene, das zugleich als solches böse ist, als das von Gott Geschiedene, dessen Sein im Gegensatze zu dem »qualfreien« (d. h. qualitätslosen) Wesen Gottes (der alles und keins von allen ist) als »Qual« (d. h. Qualität) bezeichnet wird. Wie durch die Scheidung der Kreatur in Natur und Geist und die Einigung beider in der Vernunfterkenntnis der Mensch erst wahrhaft Mensch wird, so wird Gott durch die Scheidung in Göttliches und Ungöttliches und die Einigung beider im Geiste erst wahrhaft Gott. Der geschichtliche Prozeß des Bösen in der geschaffenen Welt wird in den Schöpfungsprozeß und dieser selbst als Durchgangsglied in den innern geschichtlichen Werdeprozeß der Gottheit zum Geist Gottes aufgenommen. Aus diesem Gesichtspunkt begreift es sich, wie (nachdem Jacobi, der das Übersinnliche mittels »Intuition« suchte, auf die Visionen des »Schusters« wieder aufmerksam gemacht und Fichtes Wissenschaftslehre die logische Dreiheit: Einheit, Trennung, Wiedervereinigung, in die Mode gebracht hatte) die spekulative Philosophie B. als ihren Vorläufer ansehen konnte. Die innere Erleuchtung entsprach ihrer intellektuellen Anschauung, der theosophische Standpunkt dem Zentrum des Absoluten, der Fortschritt von der »Stille« durch das »Leben« (Schöpfung und Erlösung) zum »Geist« in Gott der Identifikation des dreigliederigen, logischen und weltgeschichtlichen Prozesses in Hegels und Schellings Geschichts- sowie das Spiel mit naturwissenschaftlichen Namen und Prozessen der Naturphilosophie des letztern. Hegel fand in Böhmes Bemühen, die Gottheit zum Geiste zu erheben, die Quintessenz seines Systems wieder, nämlich die Entwickelung des Seins zum Subjekt. Als Schelling seinen Übergang von der rein rationalen zur geschichtlichen Philosophie vollzog, bildete unter ausdrücklicher Berufung auf B. der Ursprung des Bösen aus dem göttlichen »Ungrund« den Wendepunkt. Am meisten haben dogmengläubige Philosophen, wie Saint-Martin, Fr. v. Baader, Günther, aus ihm geschöpft. Seine Schüler und Schülerinnen waren zahlreich, die bekanntesten darunter: Joh. Angelus v. Werdenhagen, Qu. Kuhlmann (der 1689 zu Moskau verbrannt wurde), Jane Leade (die Stifterin der »Philadelphier«), Antoinette Bourignon, Poiret, John Pordage, J. G. Gichtel (Stifter der Sekte der Engelsbrüder), Chr. Fr. Ötinger. Die erste Sammlung der Schriften Böhmes besorgte Heinrich Betke (Amsterd. 1675), eine vollständigere J. G. Gichtel (das. 1682–83, 10 Bde.); die neueste Ausgabe veranstaltete K. W. Schiebler (Leipz. 1831–47, 7 Bde.); eine englische Übersetzung gab William Law (Lond. 1764–81, 4 Bde.) heraus. Böhmes erste Biographie schrieb Abraham v. Frankenberg (gest. 1652). Vgl. Hamberger, Die Lehre des deutschen Philosophen Jakob B. in einem systematischen Auszug etc. (Münch. 1844); H. A. Fechner, Jakob B., sein Leben und seine Schriften (Görlitz 1857); Peip, Jakob B., der deutsche Philosoph (Leipz. 1860); Claassen, Jakob B. (mit Auszug seiner Schriften, Stuttg. 1885, 3 Bde.); Deussen, Jakob B., Rede (Kiel 1897); Lasson, [146] Jakob B. (in den »Vorträgen und Aufsätzen aus der Comenius-Gesellschaft«, Bd. 5, Berl. 1897).

2) Franz Magnus, Musikschriftsteller, geb. 11. März 1827 in Willerstedt bei Erfurt, gest. 18. Okt. 1898 in Dresden, Schüler von G. Töpfer in Weimar und M. Hauptmann in Leipzig, war zuerst Schullehrer, dann Privatmusiklehrer in Dresden, 1878–85 Lehrer für Theorie und Musikgeschichte am Hochschen Konservatorium in Frankfurt a. M. und privatisierte dann wieder in Dresden. Der König von Sachsen verlieh ihm den Professortitel. B. hat sich Verdienste erworben durch seine historischen und bibliographischen Arbeiten: »Altdeutsches Liederbuch« (Leipz. 1877); »Geschichte des Tanzes in Deutschland« (das. 1886, 2 Tle.); »Deutscher Liederhort« (Neubearbeitung des Erkschen Werkes, mit Benutzung von Erks Nachlaß, das. 1893–94, 3 Bde.); »Volkstümliche Lieder der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert« (das. 1895); »Deutsches Kinderlied und Kinderspiel« (das. 1897); nur skizzenhaft ist seine »Geschichte des Oratoriums« (2. Aufl., Güterst. 1887; zuerst u. d. T.: »Das Oratorium«, Leipz. 1861, erschienen). Außerdem gab er »Aufgaben zum Studium der Harmonie« (Leipz. 1880) und einen »Kursus der Harmonie« (Mainz 1882) heraus. Als Komponist betätigte er sich nur mit einigen Heften geistlicher und weltlicher mehrstimmigen Gesänge.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1905, S. 146-147.
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