Ratten

[620] Ratten, eine Gruppe größerer Mäuse mit langem Schwanz, der mehr als 200 Schuppenringe zählt, und dickern, plumpern Füßen. Die Wanderratte (Mus decumanus Pall.) ist 24 cm lang, mit 18 cm langem Schwanz, oberseits bräunlichgrau, unterseits scharf abgesetzt grauweiß, der Schwanz schwach behaart. Zuweilen kommen weiße Tiere mit roten Augen vor. Der Wanderratte gedenkt, wie es scheint, schon Älian, der von Einwanderung der »kaspischen Maus« spricht; sie stammt wohl aus Indien oder Persien, setzte 1727 bei Astrachan über die Wolga und wurde 1732 aus Indien nach England verschleppt. 1750 erschien sie in Ostpreußen, 1753 in Paris, 1780 war sie in Deutschland überall häufig, in der Schweiz aber erschien sie erst 1809. Nach Nordamerika gelangte sie 1755. Gegenwärtig findet sie sich überall, wo nur Handelsverbindungen mit Europa bestehen, und bewohnt Häuser, Ställe, auch Höhlen an den Ufern langsam fließender Gewässer. Sie klettert und schwimmt sehr gut, erwürgt junge Gänse, Enten und Küchelchen, junge Kaninchen, Tauben, mitunter sogar alte Hühner; sie frißt fetten Schweinen und brütenden Truthennen Löcher in den Leib, und auch kleine Kinder frißt sie an; an Getreide, Kartoffeln, Obst etc. richtet sie in Kellern und Kammern den empfindlichsten Schaden an. Sperrt man eine Gesellschaft von Wanderratten zusammen, so frißt eine die andre auf. Wo sie einrückt, verschwinden alsbald die Hausratten, denn sie werden unbarmherzig von ihr niedergemacht. Die R. leben gern gesellig, kriechen oft in einem gemeinsamen Nest zusammen, fressen aber eine krepierte Genossin sofort auf. Jung gefangene R. werden sehr zahm. Das Weibchen wirft jährlich zwei- bis dreimal etwa einen Monat nach der Begattung 5–21 nackte Junge, die sie liebevoll pflegt. In neuester Zeit hat man mehrfach (z. B. auf Neuseeland und den Scillyinseln) beobachtet, daß die Wanderratte den Menschen verläßt, um sich am Strand anzusiedeln und von Fischen, Krabben, Muscheln zu leben. Die Hausratte (M. rattus L.) ist 16 cm lang, mit 19 cm langem Schwanz, oberseits dunkel braunschwarz, und diese Färbung geht nur allmählich in die wenig hellere der Unterseite über. (S. Tafel »Nagetiere III«, Fig. 1 u. 2.) Sie ist vielleicht eine klimatische Abart der ägyptischen Ratte (M. alexandinus) und dürfte schon im Altertum durch den Schiffsverkehr nach Europa gekommen sein. Auf einem römischen Altar in Reims fand man die Ratte dargestellt. Sie ist in Persien sehr gemein, wird zuerst von Albertus Magnus als deutsches Tier genannt und ist gegenwärtig über alle bewohnten Teile der Erde verbreitet, kommt aber überall mehr vereinzelt vor und weicht mehrfach der Wanderratte, der sie in ihrem Wesen sehr ähnlich ist. Bisweilen findet man eine größere oder geringere (bis gegen 30) Zahl R. mit den Schwänzen so verwachsen und verflochten, daß sie sich nicht wieder voneinander befreien können. Derartige Rattenkönige sind wiederholt beobachtet worden, ohne daß man über ihre Entstehung etwas Sicheres ermitteln konnte. Von andrer Seite wird die Existenz des Rattenkönigs bestritten. Vgl. Bellermann, Über das bisher bezweifelte Dasein des Rattenkönigs (Berl. 1820). Die sogen. Rattenfelle des Pelzhandels stammen vom virginischen Beuteltier. Man hat in neuerer Zeit erkannt, daß die Maus ungemein leicht den Pestbazillus aufnimmt, und daß an ihren Kadavern die R. sich infizieren. Ihre umherliegenden Kadaver gelten im Orient seit Jahrhunderten als Zeichen, daß die Beulenpest im Anzug ist. Die Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen R. (Mäusen) und Pest ist sehr alt, sie sind die Heerscharen des Pestsenders, für den in Indien Rudra und Schiwa, in Griechenland Apoll und in Nordeuropa Uller (Haller) galten. Herodot erzählt von einer Schar Mäuse, durch die das Heer des Sanherib in die Flucht geschlagen sei. Nach Samuelis brachten Mäuse eine Pest in das Land der Philister. Im Mittelalter kommen in den kirchlichen Verfluchungsformeln auch Spitzmäuse und Lemminge als Pestträger vor. In der Vertilgung der R. und Mäuse sieht man in neuerer Zeit eins der besten Vorbeugungsmittel gegen Einschleppung der Pest. Man benutzt im Freien Schwefelkohlenstoff, in geschlossenen Räumen Piktolin, auch sind stark kohlenoxydhaltiges Generatorgas, Meerzwiebelpräparate u. mit bestem Erfolg ein bestimmter Bazillus (Ratin) angewandt worden. Vgl. Ungewitter, Die Rattenplage und ihre rationelle Bekämpfung (Erfurt 1901).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 620.
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