Zwillinge [2]

[1045] Zwillinge (Gemelli, Didymi), zwei zu gleicher Zeit geborne Junge von ein und derselben Mutter. Sie rühren entweder von zwei verschiedenen Eiern her oder, seltener (beim Menschen in etwa 8 Proz. aller Fälle), von nur einem Ei, sind dann stets gleichen Geschlechts und einander oft bis zum Verwechseln ähnlich, sogen. identische Z. Speziell beim Menschen liegen sie in der Mutter so, daß das eine Kind den Kopf nach unten, das andre nach oben richtet. Da Z. des beschränkten Raumes wegen kleiner bleiben als ein einzelnes Kind, so erfolgt die Geburt, bei der das eine dem andern meist um einige Stunden vorangeht, gewöhnlich leicht. Ihre Sterblichkeit ist bedeutender als die andrer Kinder. Das Vorkommen von Mehrgeburten scheint unabhängig zu sein von Klima, Rasse, äußern Lebensverhältnissen etc. Auf 1000 Geburten kommen etwa 12 Zwillings-, 0,15 Drillings- und 0,002 Vierlingsgeburten. Fünflinge sind äußerst selten. In der Ehe scheinen etwas häufiger Z. geboren zu werden als unehelich. In den Städten ist das Verhältnis der Mehrgeburten kleiner als auf dem Lande. Von den Zwillingsgeburten sind im Durchschnitt etwa 63 Proz. gleichgeschlechtlich und 37 Proz. ungleichgeschlechtlich. Von den Drillingsgeburten sind etwa 50 Proz. ungleichgeschlechtlich, und unter diesen herrschen die aus zwei Knaben und einem Mädchen bestehenden vor. Unter 100 Zwillingsgeburten leben etwa 80mal beide Kinder, 15mal lebt nur ein Kind, und 5mal sind beide Kinder tot. Nach Hecker sterben 15 Proz. der Z. in den ersten 8 Tagen nach der Geburt. Die Zwillingsgeburten mit nur Mädchen zeigen die größte, die mit nur Knaben die geringste Lebensfähigkeit. Es scheint, daß eine Frau um so eher Z. bekommt, je älter sie sich verheiratet. Nach Hegar steigt die Neigung zu Zwillingsgeburten auch mit der Wiederholung der Schwangerschaft. Die Sterblichkeit der Mutter ist bei Mehrgeburten etwa dreimal größer als bei Einzelgeburten. – Das unter dem Namen siamesische Z. bekannte Zwillingspaar Chang und Eng, das zu wiederholten Malen 1829 und 1870 sich in Europa für Geld sehen ließ, war durch einen etwa armdicken Strang in der Höhe des Nabels miteinander verbunden. Sie wurden 1811 in Macklong von eingewanderten chinesischen Eltern geboren und erzeugten in einer Doppel ehe mit zwei Schwestern 18 Kinder. Sie starben nach einem langen, in fast ungestörter Gesundheit vollbrachten Leben 1874; von allen derartigen, bisher beobachteten Doppelbildungen haben sie das höchste Alter erreicht. Die Sektion ergab, daß in dem Strang nur Falten des Bauchfelles, nicht auch sonstige Organe lagen. Zwillingsgeburten wurden vielfach als Folge eines Ehebruchs angesehen und galten daher als verhängnisvoll, sie bedeuteten Unglück und erforderten eine Sühne. So bei den alten Indern, in Assyrien, Babylonien und Ägypten. Neger, Indianer, Chibcha, Hottentotten, Mexikaner töteten beide Z. oder eins der Kinder. In Abessinien gilt es als Sünde, Z. zu gebären. – Bei einigen niedern Tieren (dem Regenwurm, Lumbricus trapezoides, und gewissen Seescheiden) gehen regelmäßig aus dem Ei Z. hervor: anfangs entwickelt sich nur ein Embryo, dieser aber teilt sich schon, lange bevor er ausgebildet ist. Als Ausnahme ist die auf der Teilung der jungen Embryonen beruhende Produktion von Zwillingen, Drillingen etc. auch sonst im Tierreich nicht selten und kann sogar künstlich hervorgerufen werden.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 1045.
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