Mohammed Ali

Mohammed Ali

[164] Mohammed Ali oder Mehemet Ali, Vicekönig von Ägypten, geb. 1769 in dem Hafenstädtchen Kavala in Rumelien, ist der Sohn des Aga Ibrahim, nach dessen frühem Tode der durch körperliche Gewandtheit und geistige Fähigkeiten ausgezeichnete Knabe an dem türk. Befehlshaber seines Geburtsorts einen Beschützer fand.

Später verheirathete ihn dieser mit einer reichen Verwandten und machte ihn auch zum Offizier bei dem 300 M. starcken Truppencontingent von Kavala, mit dem M. im I. 1800 zur Bekämpfung der Franzosen nach Ägypten kam. Eine Erziehung nach europ. Begriffen hat er nie genossen und erst als Pascha lernte M. lesen und schreiben, doch scheint ein in Kavala ansässig gewesener Kaufmann, Namens Lion, wesentliches Verdienst um die Aufhellung von M.'s Ansichten gehabt zu haben und wurde von ihm später als ein Wohlthäter seiner Jugend ausgezeichnet. M. ward seiner Tapferkeit wegen in Ägypten zum Anführer eines für sich bestehenden Corps Albaneser befördert, bei denen er sich sehr in Gunst zu setzen wußte; ebenso gewann er durch sein Benehmen in dem mehrjährigen Kampfe der Mamluken und der Paschas das Vertrauen der Bevölkerung von Kairo in solchem Grade, daß er in Folge eines Aufstandes wider den verhaßten Statthalter Khurschid Pascha im Mai 1805 zum Statthalter von Ägypten ausgerufen und auf Bitten der Vornehmen auch im Apr. 1806 vom Sultan bestätigt wurde. Herstellung des zerrütteten Landes und die Demüthigung der Mamluken war zunächst um so mehr sein Ziel, als die Engländer einen Mamlukenbei an M.'s Stelle zu bringen trachteten, der sich jedoch mit franz. Unterstützung behauptete, die Engländer aus dem 1807 von ihnen besetzten Alexandrien vertrieb und nach mehrjährigem Kampfe sich 1811 der Mamluken (s.d.) durch List und Meuchelmord entledigte. Jetzt wendete M., dem Verlangen des Sultans entsprechend, seine Waffen auch gegen die Wahabis (s.d.), welche sich der heil. Städte Mekka und Medina bemächtigt hatten, und nach [164] dem an der Pest im Lager erfolgten Tode seines ältesten Sohnes Tussum Pascha, beendigte dessen Bruder Ibrahim Pascha den Krieg 1818 mit gänzlicher Besiegung derselben. Der 1820–22 gegen Nubien, Sennaar und Kordofan geführte [165] Krieg vergrößerte ebenfalls das Gebiet M.'s, dessen jüngster Sohn Ismael Pascha aber dabei umkam. Die Umbildung des Heeres auf europ. Fuß und die Herstellung einer Flotte, wobei ihm, sowie bei Anordnung der innern Verwaltung, bei Errichtung von Bildungsanstalten, Einführung neuer Culturzweige, Kanal- und andern Bauten Europäer und namentlich Franzosen an die Hand gingen, beschäftigten M. zunächst, und die Geldmittel dazu mußte ihm großentheils der Gewinn am Alleinhandel mit den Landeserzeugnissen und selbst mit den aus Ostindien eingeführten Waaren liefern, welchen er sich vorbehielt. Als der Sultan seinen Beistand zur Unterdrückung des griech. Aufstandes verlangte, sandte er 1824 eine Flotte und Landungstruppen nach Morea, welche jedoch durch die christlichen Mächte wieder von dort entfernt wurden (s. Griechenland); M. benutzte aber diese Gelegenheit, um die wichtige Insel Kandia für sich in Besitz zu nehmen. Die durch den Ausgang des russ.-türk. Kriegs 1829 dargethane Schwäche der hohen Pforte veranlaßte M. zu entschiedenen Schritten im Sinne seiner längst gehegten Entwürfe nach Unabhängigkeit; er begann im Nov. 1831 die Eroberung von Syrien, und Ibrahim Pascha rückte siegreich allmälig nach Kleinasien vor, wo die Vernichtung des türk. Heers bei Konieh im Dec. 1832 ihm den Weg nach Konstantinopel geöffnet hätte, wenn nicht Rußland und andere christliche Mächte zu Gunsten des Sultans eingeschritten wären. Dieser hob jetzt die gegen M. ausgesprochene Acht wieder auf, bestätigte ihn in den Statthalterschaften von Ägypten, Abyssinien und Kandia und gab ihm Syrien, sowie seinem Sohne den Bezirk von Adana als Pachtung hinzu, wo gegen M. sich zu einem Tribute verstand. Seitdem haben ihn die Befestigung seiner Macht in den neuerworbenen Provinzen und neue Eroberungen in Arabien, wo fortwährend wichtige Aufstände der Bevölkerung zu bekämpfen waren, sowie Unterhandlungen mit dem Sultan wegen des Überganges seiner Statthalterschaften auf einen selbst zu bestimmenden Nachfolger angelegentlich beschäftigt, und es bleibt immer merkwürdig, wie M. trotz aller Widerwärtigkeiten, zu denen auch verheerende Seuchen sich gesellten, beharrlich seine großen Pläne verfolgt und die Mittel dazu herbeischafft. Nicht zu leugnen ist, daß sein despotischer Wille viel für die Landescultur gethan, daß Europäer, auch wenn sie nicht für ihn Gewinn bringende Pläne in Ägypten verfolgten, Schutz und Unterstützung bei ihm fanden; darum bleiben aber Ehrgeiz und Eigennutz nicht minder die alleinigen Triebfedern seines Strebens. M. ist mittler Größe, kräftig gebaut, hat einen geistvollen Blick, aufrechte Haltung, dunkelgraue Augen und spricht gern und lebhaft. Von Tagesanbruch bis 9 Uhr besorgt er seine Geschäfte, gibt dann einige Stunden Audienz, begibt sich nachher in seinen Harem und widmet von halb vier Uhr Nachmittags wieder einige Zeit den Regierungsangelegenheiten, die Abendstunden aber der Erholung. Seine gewöhnliche Residenz ist Alexandria und nur einen kleinen Theil des Jahres pflegt er in Kairo zu verweilen.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1839., S. 164-166.
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