Identität, Satz der

[485] Identität, Satz der, oder Identitätsprincip (»principium identitatis«). A ist (=) A (s. d.), d.h. jeder Begriff soll im Denkverlaufe als der gleiche und in gleichem Sinne gesetzt und behandelt werden. Der Satz ist die Grundnorm unseres Denkens, zugleich ein Ausdruck der Identität (s. d.) unseres Ich, welches, um seine Einheit zu behaupten, sich in seinem Wollen und Denken gleichbleiben und, wenn es Wahrheit haben will, die Constanz der Begriffe bewahren muß. Unter allen Umständen und in allen Verwicklungen und Umhüllungen muß der Begriff als eben der gleiche Begriff fixiert werden können.

Angedeutet ist das Identitätsprincip schon bei PARMENIDES: chrê to legein te noein t' eon emmenai; esti gar einai, mêden d' ouk einai (Mull. v. 43). Ferner bei PLATO: Oukoun epistêmê men ge pou epi tô onti (pephyke), to on gnônai hôs echei, (Rep. 478 A; vgl. Phaedo 101 ff.). ARISTOTELES: dei gar pan to alêthes auto heautô homologoumenon einai pantê (Anal. pr. I 32,47 a 8; Met. IX 10, 1051 b 3).

ANTONIUS ANDREAE: »Ens est ens« (Quaest. super XII libr. metaphys. 1495, IV, 3, 5). J. BURIDAN: »Quidlibet est vel non est. Nihil idem est et non est« (PRANTL, G. d. L. IV, 19).

Auf negative Weise auch DESCARTES: »Impossibile est idem simul esse et non esse« (Princ. philos. I, 49). Positiv LOCKE: »Whatever is, is«, »the same is the same.« Dieser Satz ist zweifellos sicher, aber er ist »a trifling proposition«,[485] ist wertlos (Ess. IV, ch. 7, § 1 ff.; ch. 8, § 2 f.). LEIBNIZ: »Chaque chose est ce qu'elle est« (Nouv. Ess. IV, ch. 2, §1). Identische Sätze haben Wert, indem man auf Grund von Folgerungen und Definitionen zeigt, daß andere Wahrheiten sich darauf zurückführen lassen (l.c. ch. 8, § 3 f.). CHR. WOLF: »Quodlibet, dum est, est, hoc est, si A est, utique verum est, A esse. – Idem ens est illud ipsum ens, quod ens, seu omne A est A« (Ontolog. § 55, 288). »Wenn ich ein Ding B für das Ding A setzen kann, und es bleibet alles wie vorhin, so ist A und B einerlei« (Vern. Ged. I, § 17). BAUMGARTEN: »Omne possibile A est A, seu quicquid est, illud est, seu omne subiectum est praedicatum sui« (Met. § 11). H. S. REIMARUS: »Ein jedes Ding ist das, was es ist« (»Regel der Einstimmung«, Vernunftlehre4, 1782, § 12 f., § 115, 117).

Nach KANT ist die Identität einer Erkenntnis mit sich selber das formale Kriterium der Wahrheit (Krit. d. r. Vern. S. 82; Log. S. 73 ff.). »Was nicht ist, ist nicht« (Princip. prim. sct. I, prop. II). Das Identitätsprincip ist der oberste Grundsatz für die Ableitung der Wahrheiten (l.c. prop. III). »Einem jeden Subjecte kommt ein Prädicat zu, welches ihm identisch ist« (Unters. üb. d. Deutl. d. Grund(s. d.) nat. Theol. u. d. Mor. 3, § 3). BARDILI nennt das Identitätsprincip »die Regel aller Regeln des Denkens« (Gr. d. erst. Log. S. 334). Denken ist Rechnen, Setzen eines Einen und Selben im Vielen (l.c. S. 3). Das Eine ist das Unwandelbare, das A, welches nie sich selbst ungleich, nie Non-A werden kann (l.c. S. 5). Den »Grundsatz der Einerleiheit« bezieht G. E. SCHULZE auf »das Verhältnis der vollkommensten Gleichheit, worin ein Begriff mit seinen sämtlichen Merkmalen steht«; er sagt aus, »dem Verstande sei es unmöglich, einen Begriff und dessen Merkmale als einander ungleich zu setzen« (Gr. d. allg. Log.3, S. 32 f.). KRUG erklärt: »Der Begriff ist für den Verstand das Ding selbst, welches gedacht wird, und die Merkmale des Dinges sind auch die Merkmale des Begriffes. Zwischen dem Begriffe (A) und seinen sämtlichen Merkmalen (b, c, d...) findet daher ein solches Verhältnis statt, daß, wenn ich das eine setze, ich auch das andere setzen, und wenn ich beides einander entgegensetze, ich es als völlig gleich oder einerlei setzen muß« (Handb. d. Philos. I, 126). FRIES: »Halte ich... im Subject und Prädicat eines Urteils dieselbe Vorstellung fest, so liegt darin die bloße Wiederholung meines eigenen Gedankens. Daraus entspringt erstens der Satz der Identität: Einen Begriff, den ich im Subject eines bejahenden Urteils denke, kann ich auch in das Prädicat desselben setzen« (Syst. d. Log. S. 176). »Jedes Ding ist das, was es ist« (l.c. S. 177). J. G. FICHTE leitet den Satz der Identität, »A = A«, aus einer »ursprünglichen Tathandlung« des Ich ab. Der Satz »Ich- Ich« (»Ich bin«) begründet den Satz »A = A« (Gr. d. g. Wiss. S. 11). »Wird im Satze Ich bin von dem bestimmten Gehalte, dem Ich, abstrahiert, und die bloße Form, welche mit jenem Gehalt gegeben ist, die Form der Folgerung vom Gesetztsein auf das Sein, hörig gelassen..., so erhält man als Grundsatz der Logik den Satz: A = A.« Erwiesen wird er dadurch, daß »das Ich, welches A gesetzt hat, gleich ist demjenigen, in welchem es gesetzt ist« (l.c. S. 11 f.). SCHELLING erklärt: »Das höchste Gesetz für das Sein der Vernunft und, da außer der Vernunft nichts ist, für alles Sein..., ist das Gesetz der Identität« (WW I 4,116). »Der oberste formale Grundsatz A = A ist... nur möglich durch den Act, der im Satz Ich = Ich ausgedrückt ist – durch den Act des sich selbst Object werdenden, mit sich identischen Denkens« (Syst. d. tr. Ideal. S. 5,). Der Satz »A = A« ist »das einzige Princip unbedingter und absoluter Erkenntnis« (WW.[486] I 6, 147). In ihm spricht sich aus »die ewige und notwendige Gleichheit des Affirmierenden und des Affirmierten, des Subjects und des Objects; in ihm spricht sich also auch allein jenes Selbsterkennen der ewigen Gleichheit und demnach die höchste Erkenntnis der Vernunft aus« (ib.). ESCHENMAYER: »Nach dem Satz: Das Ich ist sich selbst gleich, entsteht die logische Formel A = A. Das Ich ist das Identische im Wissen und im Sein, es ist in allen Functionen... das Gleiche, und diese ursprüngliche Identität ist es, was sich im formalen Denken nieder abspiegelt« (Psychol. S. 296). – Nach HEGEL lautet der Satz der Identität: A = A, negativ: A kann nicht zugleich A und nicht A sein. Es ist kein wahres Denkgesetz, nur, »das Gesetz des abstracten Verstandes«. »Die Form des Satzes widerspricht ihm schon selbst, da ein Satz auch einen Unterschied zwischen Subject und Prädicat verspricht, dieser aber das nicht leistet, was seine Form fordert.« »Das Sprechen nach diesem sein-sollenden Gesetze der Wahrheit... gilt mit vollem Recht für albern« (Encykl. § 115). Gering gewertet wird der Satz der Identität von BENEKE (Syst. d. Log. I, 105), DROBISCH (Log.3, § 58), ÜBERWEG (Log. § 71), LOTZE (Gr. d. Log. S. 25), nach welchem das Identitätsprincip die einfache Wahrheit ausdrückt, »daß jeder denkbare Inhalt sich selbst gleich und verschieden von jedem andern sei« (ib.). Nach ULRICI ist der Satz der Identität (»Jedes Ding... ist sich selber gleich zu denken«) »nur die Formel, der allgemeine Ausdruck... für die bestimmte Art und Weise, in welcher die unterscheidende Tätigkeit sich vollzieht« (Log. S. 94). Nach J. H. FICHTE; ist der Sinn des Identitätsprincips der, »daß das Denken das sich gleich bleibende, mit sich identische Wesen der Dinge aus der wechselvollen, nicht identischen Beschaffenheit derselben in bloßer Wahrnehmung hervorzuarbeiten habe« (Psychol. II, 108). CZOLBE hält die Annahme eines notwendig-allgemeinen Gesetzes der Identität für »durchaus überflüssig«. Es ist eine »selbstverständliche ursprüngliche Tatsache«, daß »jedergedachte einfache Inhalt sich selbst gleich (Blau stets oder nie etwas anderes als Blau ist)« (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 221). Nach SIGWART ist das Identitätsprincip die »Forderung alles wahren Urteilens« (Log. I2, 10,). Die »Constanz unserer einzelnen Vorstellungsinhalte« ist eine Bedingung alles Denkens (l.c. S. 106; vgl. S. 103 f., 383; II, 37). Nach SCHUPPE besteht das Identitätsprincip nur darin, daß »jeglicher Eindruck mit jedem zweiten entweder inhaltlich als derselbe zusammenfallen oder sich von ihm unterscheiden muß« (Log. S. 40; Erk. u. Log. S. 142 f.). Nach SCHUBERT-SOLDERN sind der Satz der Identität und der Satz des Widerspruches nur »zwei Seiten des Satzes, daß alles in einer ursprünglichen Unterschiedenheit gegeben ist, soweit man von einer Vielheit ausgeht, und daß diese Vielheit nicht statthat, wo keine Unterschiedenheit statthat« (Gr. c. Erk. S. 1,2). Nach E. V. HARTMANN ist die logische Bedeutung des Satzes der Identität »nur von dem Satze vom Widerspruch abgeleitet«. »Der Satz der Identität negiert nur diejenige Nichtidentität, die nach dem Satz vom Widerspruch logisch unstatthaft wäre« (Kategorienl. S. 310).

Auf das Identitätsprincip legen Wert TWESTEN (Die Log. 1825), W. HAMILTON (Lect. on Log. I3, 5, 79 f.), JEVONS (Princ. of Science3, § 5). WAITZ leitet es aus der Einheit der Seele ab. Es hat den Sinn: »Jede Vorstellung oder besser jede psychische Action als solche ist einfach und darum im strengen Sinne sich selbst gleich« (Lehrb. d. Psychol. S. 546). Nach J. BERGMANN ist das Identitätsprincip ein »Princip der notwendigen Verknüpfung« (Sein u. Erk. S. 58). »Jedes Gesetzte (Attribut oder Accidens, Substanz oder Determination[487] einer Substanz), welches ist, ist nur Identität dessen, in Beziehung auf welches es gesetzt ist, erforderlich« (ib.). Nach L. BUSSE ist der Satz der Identität das, einzige Grundprincip der metaphysischen Urteile (Erk. u. Met. I, 148), Nach B. ERDMANN ist das Identitätsprincip das Grundgesetz des Vorstellens (Log. 1, 172). Das Urteil »Jeder Gegenstand ist mit sich selbst identisch« bringt das Wesen unseres Vorstellens zum Ausdruck (ib.). Das Identitätsprincip »stellt lediglich die Setzung eines Gegenstandes dar« (l.c. S. 175). Der »Grundsatz der Nichtidentität oder der unbestimmten Verschiedenheit« lautet: »Jeder Gegenstand ist, sofern er mir mit sich selbst identisch ist, von jedem andern verschieden« (ib.). Nach HAGEMANN gebietet das Gesetz der Einerleiheit (Identität), »ein Denkobject als dieses und kein anderes zu denken und in ihm alle diejenigen Bestimmungen zusammenzufassen, die ihm zukommen« (Log. u. Noet.5, S. 22). Nach dem »Gesetz der Übereinstimmung (principium convenientiae)« sind »Vorstellungen, welche als Teilvorstellungen des Denkobjectes erkannt werden, mit diesem zu verbinden« (I. c. S. 23). WUNDT erklärt: »Die Function der Übereinstimmung stellt an unser Denken die Forderung, überall das Übereinstimmende gleichzusetzen. Daß dies geschehen solle, drückt der Satz der Identität aus« (Syst. d. Philos.2, S. 70). Der Satz bringt vor allem »die in jedem Urteil vorhandene Begriffseinheit« zum Ausdruck. »Er sagt, daß im Prädicat der nämliche Begriff festgehalten wird wie im Subject des Urteils, somit vollkommen zusammen bestehen kann, daß das Prädicat eine andere Seite als das Subject an diesem Begriff hervorhebt... Der Satz der Identität bezeichnet demnach lediglich die Stetigkeit unseres logischen Denkens«. Es ist das »fundamentalste Gesetz der Erkenntnis«. Er bezeichnet zunächst ein »Verhalten unseres Denkens gegenüber den Objecten,« zugleich aber wird vorausgesetzt, daß sich die Gegenstände des Denkens seiner Anwendung fügen (Log. I2, 55S ff.). H. COHEN: »A ist A, und bleibt A, so oft es auch gedacht wird« (Log. S. 79). Die Identität bedeutet die »Affirmation des Urteils« (l.c. S. 81). Nach H. CORNELIUS ist die Forderung des Identitätsprincips »die Forderung der feststehenden Bedeutung der im Urteil gebrauchten begrifflichen Symbole«. Der Satz A = A ist erst »eine Folge der Erfüllung des Identitätsprincips« (Einl. in d. Philos S. 287). Das Identitätsprincip ist der Ausdruck der Forderung des constanten Gebrauchs der Symbole (Psychol. S. 338). Nach PALÁGYI identificiert man etwas nur dadurch, daß man in demselben ein »Unvergängliches«, »Ewiges« findet. Das tut man aber, »indem man einen Prädicatsbegriff auf einen Subjectsbegriff bezieht« (Die Logik a. d. Scheidewege S. 214). Das Identitätsprincip lautet: »Um bloß eine Tatsache zu identificieren, müssen wir ein Doppelerlebnis haben, bezw. zwei Begriffe aufeinander beziehen, und zwar beziehen wir das stellvertretende Erlebnis auf das ursprüngliche, bezw. das Prädicat auf das Subject« (l.c. S. 215). Die Formel »A ist A« ist widersinnig (l.c. S. 215). Der Satz der Identität ist »die bedeutsamste von allen Wahrzeiten, die der Mensch besitzt« (l.c. S. 223), eine »Selbstoffenbarung unserer Vernunft«, unserer Kraft, zu identificieren (l.c. S. 224), das Vergängliche auf ein Ewiges zu beziehen (ib.). »Die Identität eines Inhaltes geht uns erst auf, wenn wir die Nichtidentität jener gleichlautenden Sprechhandlungen erfaßt haben, in denen wir einen und denselben Inhalt darstellen« (l.c. S. 227). »In allen Urteilen, die wahr sind, herrscht die Identität« (l.c. S. 229).

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 485-488.
Lizenz:
Faksimiles:
485 | 486 | 487 | 488
Kategorien:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon