Komisch

[556] Komisch (von kômos) ist etwas, insofern es uns durch seinen Widerspruch zum Logischen, Vernünftigen, zur Idee, zum Gewohnten, Natürlichen, Zweckmäßigen überrascht, so aber, daß wir uns durch das Object selbst rasch besinnen und die Verkehrtheit, den Widersinn der Sache, der Situation einsehend, uns wieder erleichtert, einheitlich und als Überlegene fühlen. Das Gefühl des Komischen, Lächerlichen beruht stets auf einem Contrast, einem Widerspruch zum Gewohnten, Natürlichen, Vernünftigen, auf einer Überraschung (Depression) und darauf folgender erhebender Einsicht, begleitet von physiologischen Processen (Lachen); doch müssen wir von ernsten praktischen Folgen der betr. Handlung u.s.w. absehen können, es darf sieh (bewußt) nicht um wichtige Dinge handeln, eine gewisse »Harmlosigkeit« ist Bedingung. Eine Art des Komischen ist das Humoristische. Humor im engeren Sinne bedeutet die heitere Betrachtung eines Ernsten, die Fähigkeit, das Heitere im Ernsten zu erblicken und so den Ernst zu mildern, zu verklären.

ARISTOTELES erklärt: Hê kômôdia estin mimêsis phauloterôn men, ou mentoi kata pasan kakian, alla tou aischrou esti to geloion morion. to gar geloion estin hamartêma ti kai aischos anôdynon kai ou phthartikon, hoion euthys to geloion prosôpon aischron ti kai diestrammenon odynês (Poët. 5). Aristoteles definiert also das Komische als etwas Ungereimtes, das unschädlich ist. CICERO erblickt das Lächerliche in einer »turpitudine et deformitate quadam«, die ohne Schlechtigkeit ist (De oratore II, 58 ff.). Nach HOBBES liegt das Komische im Unerwarteten, verbunden mit dem Bewußtsein eigener Fähigkeit Überlegenheit (»sudden glory«) (Hum. nat. IX, 13). Nach MENDELSSOHN[556] beruht das Lachen auf einem »Contrast zwischen einer Vollkommenheit und Unvollkommenheit. Nur daß dieser Contrast von keiner Wichtigkeit sein und uns nicht sehr nahe angehen muß, wenn er lächerlich sein soll« (WW. I 2, 41). Nach KANT ist das Lachen ein Affect aus der »plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts« (Krit. d. Urt. § 54). Im Lachen Erregenden ist etwas Widersinniges (ib.). Nach JEAN PAUL besteht das Komische im »unendlichen Contrast zwischen der Vernunft und der ganzen Endlichkeit« (Vorsch. d. Ästhet. § 31). Der Humor ist das »romantisch Komische« (ib.). Nach BOUTERWEK ist das Lächerliche »eine besondere Erscheinung des Widersinnigen, das sich selbst oder wenigstens seine beabsichtigte Wirkung zerstört« (Ästhet. I, 178). Es überrascht uns, ist gleichsam ein Nervenkitzel (l.c. I, 179 f.). Das Komische ist eine Modification des Witzigen (l.c. I, 181 f.). SUABEDISSEN erklärt: »Das Wohlgefallen an dem Lächerlichen überhaupt... entstehet durch alles Uneinstimmige im Menschenleben, wiefern es die Seele aufmerksam macht, auch wohl spannet, sich aber auch bald als bedeutungslos darstellt und so die Spannung wieder aufhebt« (Grdz. d. Lehre von d. Mensch. S. 267). Nach REINHOLD ist das Lächerliche die ästhetische Darstellung einer Ungereimtheit, eines logischen Widerspruches. Nach BENDAVID entsteht es aus der Wahrnehmung eines Mißverhältnisses zwischen Wirkung und Ursache (Geschmackslehre S. 117 ff.). Wie HEYDENREICH (Grundsätze d. Krit. d. Lächerl. 1797) erklärt PÖLITZ: »Das Lächerliche entspringt aus sinnlich erscheinender, aus anschaulicher Ungereimtheit und wird durch die Versinnlichung von etwas Widersinnigem, Zweck- und Verhältniswidrigem bewirkt, welches wir an einer menschlichen Individualität bemerken« (Ästhet. I, 242). Nach C. H. WEISSE ist die Komik ein »Lügenstrafen einer angemaßten Hoheit und Absolutheit« (Ästhet. I, 212). Nach A. RUGE ist das Komische das Sich-wiedergewinnen der Idee aus der Versunkenheit (Neue Vorsch. d. Ästhet. S. 58 ff.). K. ROSENKRANZ definiert: »Das Komische ist die Auflösung des Häßlichen, indem es sich selbst vernichtet.« Die gespannte Erwartung löst sich in nichts auf (Syst. d. Wiss. S. 564). Indem das Komische »die Nullität des Scheines der Idee aufdeckt, der sich an Stelle ihrer positiven Erscheinung aufspreizt«, wird sie satirisch, ironisch, humoristisch. Der Humor ist »die vollkommene Wiederherstellung der Idee des Schönen in ihrer Einheit mit der Idee des Wahren und Guten, und zwar so, daß er die ganze Tiefe der Entzweiung der empirischen Existenz mit dem Wesen des Geistes in sich aufnimmt, den Optimismus der absoluten Freiheit affirmiert und die Versöhnung des Geistes mit sich selbst, auch im Leiden, im Unglück, im Mangelhaften, im Endlichen überhaupt, als das Werk der in sich unendlichen Subjectivität darstellt« (l.c. S. 565). Nach TH. VISCHER ist das Komische ein »Schönes im Widerstreit seiner Momente«. (Ästhet.). Er betont, bei allem Komischen leihe der Zuschauer dem Gegenstand sein »Besserwissen« (Das Schöne u. d. Kunst2, S. 185; vgl. Üb. d. Erhab. u. Kom. 1837). M. CARRIERE erklärt: »Im Komischen ist immer etwas, das uns verblüfft oder chokiert, und wenn es bestehen bliebe, so würde es uns verwirren und ärgern; aber indem es zugleich an seinem eigenen Widerspruch zugrunde geht, löst sich die Dissonanz, und dies anzuschauen erheitert wieder und gibt uns die Gewißheit, daß nur das Gute, Schöne, Wahre auch das Wirkliche und Dauernde ist« (Ästhet. I, 197). Nach BENEKE werden die »Gefühle des Lächerlichen« begründet, »wenn zwei Seelentätigkeiten, den Erweckungsverhältnissen nach,[557] völlig aufeinander fallen oder eins werden sollten, dieses Einswerden aber durch den Gegensatz derselben unmöglich gemacht und infolgedessen das Bewußtsein von der einen zur andern hinüber- und herübergeworfen wird, ohne daß sie weder sich verbinden, noch zu einem reinen Nebeneinander gelangen können« (Lehrb. d. Psychol.3, S. 200). Nach K. LANGE beruht das (Natur-) Komische auf dem gleichzeitigen Entstehen zweier einander inhaltlich eigentlich ausschließender Vorstellungsreihen (We(s. d.) Kunst I, 342). – Nach SCHOPENHAUER entsteht das Lachen »aus der plötzlich wahrgenommenen Incongruenz zwischen einem Begriff und den realen Objecten, die durch ihn, in irgend einer Beziehung, gedacht werden, und es ist selbst eben nur der Ausdruck dieser Incongruenz«. »Jedes Lachen also entsteht auf Anlaß einer paradoxen und daher unerwarteten Subsumtion« (W. a. W. u. V. I. Bd., § 13; Bd. II, C. 8). Humor ist »der hinter dem Scherz versteckte Ernst« (ib.). Nach K. FISCHER werden wir im Komischen frei von dem Drucke der Welt, von der Macht der Dinge, wir sehen herab auf das Object, wir verhalten uns wie das Unendlichgroße zum Unendlichkleinen (Üb. d. Witz S. 76 f.). Aus dem ungedrückten Selbstgefühl entspringt die Heiterkeit (l.c. S. 85). Nach TH. ZIEGLER wird im Komischen ein Unlogisches, ein Widerspruch gegen die Vernunft ad absurdum geführt (Das Gef.2, S. 142 ff.). Ähnlich RENOUVIER (Nouv. Monadol. p. 214). Psychologische Erklärungen des Lächerlichen und Komischen geben L. DUMONT (Vergnüg. u. Schmerz S. 244 ff.; vgl. Les causes du rire 1862) und A. LEHMANN (Menschl. Gefühlsleb. S. 350). Nach H. HÖFFDING ist allem Lächerlichen gemein, »daß etwas Ohnmächtiges wegen des Gegensatzes zu einer überlegenen Macht plötzlich in seiner Nichtigkeit erscheint. Das Lächerliche setzt voraus, daß wir uns einen Augenblick haben dupieren, verblüffen, von einer Illusion befangen oder durch eine Erwartung spannen lassen, und daß das Ganze sich nun auf einmal in nichts auflöst« (Psychol.2, S. 408 f.). Die Contrastwirkung des Lächerlichen »entsteht dadurch, daß zwei Gedanken oder zwei Eindrücke, die jeder für sich ein Gefühl erregen und deren letzterer niederreißt, was ersterer aufbaut, plötzlich aufeinander stoßen« (l.c. S. 409 f.). Humor ist »das Gefühl des Lächerlichen auf Grundlage der Sympathie« (l.c. S. 407). Nach K. GROOS besteht die positive Grundlage des Komischen immer in einer »Verkehrtheit«, »die uns mit einem angenehmen Gefühl unserer eigenen Überlegenheit erfüllt«. Die Verkehrtheit »verblüfft« (erster »Choc«), diese Verblüffung ist eine Spannung, die bis zur Erkenntnis der Verkehrtheit dauert, dann tritt der Genuß der Überlegenheit auf (Einl. in d. Ästhet. S. 378 ff., 463 ff.). Nach LIPPS beruht das Gefühl des Komischen darauf, daß »einem Bedeutungslosen und zur Inanspruchnahme seelischer Kraft aus eigener Energie relativ Unfähigen in hohem Maße seelische Kraft zur Verfügung steht«. Die leichte, ungehemmte Ausbreitung des Wahrnehmungsinhalts bewirkt Lust (Philos. Monatsh. 24. Bd., S. 142 f.; vgl. Bd. 25 u. Kom. und Hum.). Ähnlich G. HEYMANS (Zeitschr. f. Psychol. XI, 31 ff., 333 ff.). ÜBERHORST erklärt: »Komisch erscheint uns ein Zeichen einer schlechten Eigenschaft einer andern Person, wenn uns an uns selbst keines ebenderselben schlechten Eigenschaft zum Bewußtsein kommt, und das keine heftigen unangenehmen Gefühle in uns hervorruft« (Das Kom. I, 2 f.). Die Lust am Komischen ist die Lust daran, daß wir die guten Eigenschaften uns selbst beilegen, uns über den Besitz derselben freuen (l.c. S. 524 ff.). Metaphysisch faßt den Humor BACKHAUS auf. »Der Humor ist es, welcher mit seinem Weltblick die Einzeldinge umfaßt und in[558] ihnen das Ganze der Dinge schaut: die unzerstörbare Einheit von Idee und Erscheinung, von Kraft und Materie, von Wille und Vorstellung. Sein ganzes Streben ist darauf gerichtet, zu vereinigen, was feindlich sich flieht« (We(s. d.) Humors S. 205). »Der Humor ist das künstlerische, in der Natur gegründete Lebensprincip aller einzelnen Erscheinungsformen im Kosmos« (l.c. S. 79). – Nach ZEISING ist das Komische »das Schöne in der Form desjenigen Widerspruchs, durch den das anschauende Subject aus der Empfindung einer objectiven Unvollkommenheit, oder richtiger Vollkommenheitswidrigkeit, unmittelbar in die Empfindung der subjectiven Vollkommenheit hinübergerissen wird« (Ästhet. Forsch. S. 282 ff.). Vgl. SULZER, Theor. d. schön. Künste; FLÖGEL, Gesch. d. kom. Literat.; EBERHARD, Ästhet. II, 211 ff.; H. SPENCER, Physiol. of Laughter, Ess. vol. I; E. HECKER, Die Physiol. u. Psychol. d. Lachens u. d. Kom. 1873; J. COHN, Allgem. Ästhet. S. 206 ff.; SOLGER, Ästhet.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 556-559.
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