Blasinstrumente

[23] Blasinstrumente (franz. Instruments à vent, engl. Wind-instruments, ital. Stromenti da fiato), alle diejenigen Musikinstrumente, bei denen ein Strom verdichteter Luft (Wind) das tonerregende und eine schwingende Luftsäule das tönende Element ist. Nicht unter die B. gehörig sind daher diejenigen Instrumente, bei denen Saiten durch Wind in Schwingung versetzt werden (Äolsharfe, Anemochord); dagegen werden frei schwingende Zungen ohne Aufsätze (Harmonium, Äoline, Ziehharmonika etc.), obgleich bei ihnen zweifellos die Zunge das tongebende Element ist, unter die B. gerechnet. Das »Instrument der Instrumente«, die Orgel, ist aus allen erdenkbaren Arten der B. zusammengesetzt; doch sind alle, da sie nur je einen Ton anzugeben haben, von typisch einfachster Konstruktion. Wie die Register der Orgel, zerfallen die B. überhaupt in zwei Gruppen: in Labialpfeifen (Lippenpfeifen, Flötenpfeifen) und Lingualpfeifen (Zungenpfeifen). Die Art der Tonerzeugung ist bei beiden eine ganz verschiedene, wenn sie auch am letzten Ende wieder auf dieselben Grundgesetze zurückzuführen ist. Bei den Lippenpfeifen wird der durch den Pfeifenfuß eintretende Luftstrom durch eine schmale Spalte (Kernspalte) gegen die scharfe obere Kante des Aufschnitts (Oberlabium) getrieben, die ihn teilt und einen Teil in den Pfeifenkörper eintreten läßt, während der andre nach außen geht. Durch die eintretende Luft wird die innen befindliche so weit verdichtet, daß sie zurückdrückend den leicht ablenkbaren blattförmigen Luftstrom ganz nach außen biegt; nach den Gesetzen der Adhäsion wird dann aber durch den Luftstrom auch ein Teil der Luft in der Pfeife mit hinausgezogen, so daß nun eine leichte Verdünnung der Luft in der Pfeife entsteht, die umgekehrt das Luftblatt wieder einwärts biegt. Die Geschwindigkeit der Wiederkehr dieser Verdichtungen und Verdünnungen (Schwingungen) ist abhängig von der Länge der in der Pfeife eingeschlossenen Luftsäule, d. h. bei einer längern Pfeife hat die Verdichtungswelle[23] einen weitern Weg zurückzulegen, bis sie reflektiert wird, der Ton wird daher ein tieferer als bei einer kürzern. Bei offenen Labialpfeifen liegt der Punkt der Reflexion in der Mitte, bei gedackten am Ende der Pfeife, daher klingen gedackte Pfeifen ungefähr eine Oktave tiefer als gleichlange offene. Bei den Zungenpfeifen wird eine den Weg des Windes verschließende Zunge durch den Wind abgebogen (nach außen oder nach innen), um dem Winde den Eintritt zu gestatten, schnellt aber vermöge ihrer Elastizität, sobald durch den Eintritt des Windes eine Ausgleichung der Druckverhältnisse stattgefunden hat, zurück, um immer wieder von neuem abgebogen zu werden. Die Periode der Wiederkehr dieser Abweichungen hängt zunächst nur von der Elastizität und Größe der Zunge ab, und bei Instrumenten mit frei schwingenden Zungen ohne Aufsätze wird in der Tat die Tonhöhe nur durch die Gestalt der Zunge bestimmt. Bei Instrumenten mit Aufsätzen dagegen ist das Verhältnis ein ganz andres, sofern bei ihnen die Zunge eine ähnliche Rolle spielt wie der blattförmige Luftstrom bei der Labialpfeife; die Periode der Abbiegungen der Zunge wird dann nämlich durch die Größe der Aufsätze bestimmt. Die durch die geöffnete Zunge eingelassene Luft verdichtet die Luftsäule im Aufsatz und erweckt gerade wie bei den Labialpfeifen eine zurückkehrende Verdichtungswelle, die der Zunge die Rückkehr in die Gleichgewichtslage gestattet. Bei metallenen Zungen ist diese Wirkung nicht so frappant und so vollkommen wie bei den minder steifen Rohrblattzungen und membranösen Zungen, bei denen sich die Schwingungen der Zunge vollständig nach den Schwingungen der Luftsäule richten. Eine schärfere Anspannung der Lippen (deren Ränder ja als Zungen fungieren) sowie eine Verstärkung des Luftstromes rufen bei den Instrumenten ohne Zungen die Bildung eines höhern Tones aus der Reihe der Naturtöne des Instruments hervor; bei den Instrumenten mit Zungen und bei den Flöten kommt die Lippenstellung nicht weiter in Betracht, der Übergang zu andern Tönen der Reihe hängt daher nur von der Stärke des Blasens ab. Da nun aber die Naturskala aus einer sehr beschränkten Anzahl von Tönen besteht (vgl. Aliquottöne), verfiel man darauf, zur Erzielung der die Lücken ausfüllenden Zwischenstufen die Schallröhre durch Tonlöcher zu durchbrechen. Diese Einrichtung ist besonders für die Holzblasinstrumente allgemein im Gebrauch. Für die Blechinstrumente wendet man das gegenteilige Auskunftsmittel an, d. h. man verlängert die Schallröhre durch Ausziehen (Posaune) oder durch Einschaltung von Bogen, die für gewöhnlich mit dem Hauptrohr nicht kommunizieren, aber durch eine leicht zu behandelnde Vorrichtung (Ventil, Zylinder, Tonwechselmaschine) in Verbindung gesetzt werden, so bei Trompete und Horn und allen neuern Ventilinstrumenten. Die Hauptgattungen der B. sind nun hiernach:

1) Flöten, bei denen der Ton in derselben Weise erzeugt wird wie bei den Labialpfeifen. Dieselben existieren hauptsächlich in zwei Arten: als gerade Flöten und Querflöten. a) Die im Altertum und Mittelalter in mancherlei Größen und Formen gebauten geraden Flöten (Schnabelflöten, Flûtes à bec, der Aulos der Griechen, die Tibia und Fistula der Römer, der Schwegel, die Plockflöte, Rußpfeife des Mittelalters etc.) sind jetzt, abgesehen von ihrer ausgedehnten Verwendung in der Orgel, deren Hauptbestandteil sie ausmachen (Prinzipalpfeifen, Flöten, Gedackte etc.), ganz außer Gebrauch gekommen und existieren nur noch als Kinderspielzeug sowie als sogen. Pfeifen; die zuletzt verschwundene Spezies derselben war das Flageolett. b) Die Querflöte, das heute allein übliche Flöteninstrument (früher »Schweitzerpfeiffen« genannt, franz. Flûte traversière, Flûte allemande, engl. German flute), bei der der tonerregende schmale Luftstrom direkt vom Mund aus gegen die scharfe Kante eines runden Loches an der Seite des Instruments geleitet wird. Die älteste Form dieses Instruments ist zweifellos eine auf einer Seite geschlossene Röhre, gegen deren offenes Ende man bläst; mehrere solche vereint gaben die Pansflöte (Syrinx und ähnliche Instrumente bei den ältesten Kulturvölkern).

2) Instrumente mit Rohrblatt und zwar a) mit doppeltem Rohrblatt. Instrumente dieser Art sind gleichfalls sehr alt; der Calamus der Römer, das französische Chalumeau wie unsre deutsche Schalmei sind wohl ein und dasselbe Instrument, das in Italien heute unter dem Namen Pissaro bekannt ist. Zur Familie der Schalmeien gehörte der Bomhart Pommer, Bommert, franz. Bombarde, woraus die andern Formen abzuleiten sind), eine Baßschalmei, die in verschiedenen Größen gebaut wurde. Aus der Schalmei entwickelte sich im Anfang des 17. Jahrh. die Oboe, aus dem Bomhart das Fagott. Dazu kamen in neuerer Zeit Englischhorn und Kontrafagott. Auch die Schryari, Bassanelli, Krummhörner gehören zu derselben Familie. Die Krummhörner wurden mittels eines kesselförmigen Mundstückes angeblasen, in welches das Röhrchen gesteckt ward. Auch die Pfeifen des Dudelsackes (Sackpfeife, Musette, Cornamusa) haben doppeltes Rohrblatt, desgleichen das nach seinem Erfinder (Sarrus) benannte Sarrusophon. b) Instrumente mit einfachem Rohrblatt. Dieselben sind neuern Datums. Zu ihnen gehört vor allen die 1690 durch Chr. Denner aus einer ältern französischen Schalmeienart mit einfacher Zunge entwickelte Klarinette mit ihren Unterarten (Altklarinette, Bassetthorn, Baßklarinette etc.), die erheblich jünger sind. Von größerer Bedeutung für die Zukunft sind voraussichtlich die von Sax in Paris seit 1840 gebauten Blechblasinstrumente mit einfacher Zunge (Saxophone).

3) Instrumente ohne Zungen, bei denen die Lippen des Bläsers als membranöse Zungen fungieren. Einfache gerade oder gekrümmte, von dem zum Anblasen bestimmten Ende aus sich mehr oder minder erweiternde Rohre sind bereits in den ältesten Zeiten als B. benutzt worden, sei es nun, daß man Stier- oder Widderhörner (Keren, Schofar) oder große Schneckengehäuse (Tritonshorn) am spitzen Ende anbohrte, oder daß man aus Holz sich Röhren anfertigte (wie das uralte Alpenhorn), oder endlich aus Metall (Lituus, Tuba, Buccina). Die ältesten derartigen Instrumente hatten keine Tonlöcher, gaben daher nur die sogen. Naturtöne (vgl. Klang). Eine eigentümliche Erscheinung sind die zu dieser Gattung gehörigen B. mit Tonlöchern, die im 15.–18. Jahrh. eine große Rolle spielten und allgemein verbreitet waren, die Zinken (Zincken, Cornetti), die in verschiedenster Gestalt und Größe gebaut wurden (gerade und krumme, die letztern als Baßinstrumente: Serpent, Baßhorn). Die Röhre der Zinken und ihrer Baßinstrumente war von Holz. Blechblasinstrumente mit Tonlöchern (Klappen) waren das Klappenhorn (Klapphorn) und das zugehörige Baßinstrument, die Ophikleide. Von den heute üblichen Blasinstrumenten gehören hierher: Horn, Trompete (beide ursprünglich Naturinstrumente,[24] neuerdings mit verschiedenerlei mechanischen Vorrichtungen für die Veränderung der Tonhöhe versehen), Cornet à pistons, Bügelhorn (Clairon), Tuba (Bombardon, Saxhorn, Euphonion, Phonikon, Baroxyton, Helikon) etc. Über die Konstruktion der einzelnen Instrumente sind die Spezialartikel zu vergleichen; vgl. auch Tafel »Musikinstrumente I u. III«. Über die verschiedenen Arten von Orgelpfeifenregistern vgl. Labialpfeifen und Zungenpfeifen.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1905, S. 23-25.
Lizenz:
Faksimiles:
23 | 24 | 25
Kategorien:

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Nach der Niederlage gegen Frankreich rückt Kleist seine 1808 entstandene Bearbeitung des Hermann-Mythos in den Zusammenhang der damals aktuellen politischen Lage. Seine Version der Varusschlacht, die durchaus als Aufforderung zum Widerstand gegen Frankreich verstanden werden konnte, erschien erst 1821, 10 Jahre nach Kleists Tod.

112 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon