Lehrwerkstätten

[350] Lehrwerkstätten sind Werkstätten, in denen die Schüler methodisch und schulmäßig in den technischen Kunstgriffen ihres Gewerbes unterrichtet werden. Sie dienen dazu, die übliche und nicht selten mangelhafte Unterweisung durch den Arbeitgeber zu ersetzen oder zu ergänzen. Vielfach empfängt der Lehrling bei der heutigen weitgehenden Arbeitsteilung und der Entwickelung des Fabrikbetriebs nur eine dürftige und einseitige technische Ausbildung, soz. B. bei Uhrmachern, die sich nur mit Ausbesserung und Reinigung von Uhren befassen, bei vielen kleinen Schneidern, Schuhmachern, Schreinern, Malern, Schlossern, Klempnern etc. Oder der Lehrling ist bei seinem Meister zwar in moralischer Beziehung gut aufgehoben, dieser ist aber selbst nicht genügend ausgebildet, um einen guten Lehrherrn abgeben zu können. Da sind L. das Mittel, um auch den Lehrlingen solcher Lehrherren zu einer guten technischen Ausbildung zu verhelfen. Die Einrichtung der L. und des Lehrwerkstättenunterrichts muß je nach den Verhältnissen der einzelnen Gewerbe und der örtlichen wie persönlichen Bedürfnisse (wichtig besonders auch für die verschiedenen hausindustriell vertretenen Gewerbearten) eine verschiedene sein. Die L. können sich nur auf ein Gewerbe oder auch auf mehrere verwandte Gewerbe erstrecken. Sie können entweder ausschließlich die praktische Ausbildung der Lehrlinge herbeiführen, oder nur zur Ergänzung der gewöhnlichen Werkstattlehre dienen. Die Schüler der L. können entweder nur in der Lehrwerkstätte (vor oder nach der gewöhnlichen Werkstattlehre) oder zugleich bei einem andern Lehrherrn beschäftigt sein und im letztern Fall nur zeitweise in der Lehrwerkstätte arbeiten. Endlich können die L. entweder reine L., d.h. Anstalten nur für die praktische Ausbildung, oder zugleich auch noch theoretische Unterrichtsanstalten sein. Es ist in erster Reihe Aufgabe der Gewerbtreibenden selbst, namentlich der Gewerbevereine und Innungen, auch großer Fabrikanten mit vielseitigem Betrieb, für solche L. zu sorgen; aber wo die Privattätigkeit nicht ausreicht, haben auch die Gemeinden und der Staat mitzuwirken. L. entstanden zuerst (schon seit den 30er Jahren) und in größerer Zahl in Belgien, namentlich auf dem Gebiete der Textilindustrie (Webschulen). In neuerer Zeit ist die Bewegung zugunsten von L. am stärksten in Frankreich; seit 1873 besteht das Bestreben, über das ganze Land ein Netz von L. (Écoles d'apprentissage) zu verbreiten. Nach dem Gesetz vom 11. Dez. 1880 sind die von den Gemeinden oder Departements errichteten L. zu den öffentlichen Elementaranstalten zu rechnen; für L. sind staatliche Unterstützungen vorgesehen. Die französischen L. sind in der Regel zugleich Fachschulen (s. d.), einzelne sind auch mit Volksschulen verbunden. Zu den L. gehören auch die Écoles nationales des arts et métiers, Staatslehrwerkstätten zur Ausbildung von chefs d'ateliers und industriels, insbes. für Schmiede, Schlosser, Dreher, Modelltischlerei etc., ferner die Écoles pour l'enseignement technique und die Écoles industrielles. In Österreich sind seit 1889 vom Staat zahlreiche kunstgewerbliche und andre L. begründet worden. In Italien gibt es niedere, mittlere und höhere L., scuoli industriali e professionali, von denen die L. des Don Bosco berühmt geworden sind. Auch Holland, Dänemark, Schweden haben L. In Deutschland, wo die L. teilweise mit theoretischem Unterricht verbunden sind, gibt es solche für Blecharbeiter in Aue (Sachsen), für Uhrmacher in Glashütte (Sachsen) und Furtwangen (Baden), für Holz- und Beinschnitzer in Furtwangen, Hornberg, Rottweil, Rottenburg, Partenkirchen und in andern bayrischen Orten, für Keramiker in Grenzhausen-Höhr, Landshut, für Korbflechter in Heinsberg, Metzingen, für Weberei in Reutlingen, Heidenheim, Sindelfingen, Laichingen, Passau, Münchberg, für Goldschmiede und Ziseleure in Gmünd, Heilbronn, für Maschinentechniker in Nürnberg und Ansbach, für die Stahlwaren- und Kleineisenindustrie in Remscheid etc. Besonders zahlreich sind in Deutschland (namentlich in Preußen und Baden) die L. bei den Staatseisenbahnen. Vgl. K. Bücher, Die gewerbliche Bildungsfrage etc. (Eisenach 1877) und Lehrlingsfrage und gewerbliche Bildung in Frankreich (das. 1878); Grothe, Die technischen Fachschulen in Europa und Amerika (Berl. 1882) und Fachschulen und Unterrichtsanstalten für Textilindustrie (das. 1879); Bartholdy, Gewerbliche Ausbildung durch Schule und Werkstatt (Kolmar 1889); Scheven, Die Lehrwerkstätte (1. Bd., Tübing. 1894); die »Denkschriften über die Entwickelung der Fortbildungsschulen und der gewerblichen Fachschulen in Preußen« (Berl. 1891, 1896, 1902); Ridder, De l'enseignement professionnelen Belgique (Brüss. 1884); Genauck, Die gewerbliche Erziehung durch Schulen, L. etc. im Königreich Belgien (Reichenberg 1886–87, 2 Tle.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 12. Leipzig 1908, S. 350.
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