Tierpsychologie

[544] Tierpsychologie (Tierseelenkunde), die Wissenschaft von den geistigen Fähigkeiten der Tiere, die einen Teil der allgemeinen Psychologie bildet. Die ältern Philosophen, wie Parmenides, Empedokles, Demokrit, Anaxagoras u. a., waren überzeugt, daß die Tiere in ähnlicher Weise wie der Mensch Schlüsse ziehen und Erfahrungen sammeln, und Porphyrios betonte, daß wie im körperlichen Bau auch im geistigen Leben nicht prinzipielle, sondern nur gradweise Unterschiede zwischen Tier und Mensch vorhanden seien. Aristoteles schreibt allein dem Menschen die Fähigkeit zu Begriffsbildung und Schlußvermögen zu, während die Tiere nur Empfindungsvermögen und eine durch Willensimpulse geleitete Handlungsfähigkeit besitzen sollen. Durch Verschmelzung aristotelischer [544] Gedanken mit den Dogmen der Kirche bildete die scholastische Philosophie des Mittelalters, deren bedeutendster Vertreter Thomas v. Aquino war, eine Lehre uns, derzufolge als Intelligenz nur die dem Menschen allein zukommende Fähigkeit zur bewußten Bildung von logischen Schlußfolgerungen und Abstraktionen zu verstehen sei. Demnach seien alle selbst an den höchststehenden Tieren zu beobachtenden anscheinend intelligenten Handlungen, auch diejenigen, die deutlich ein »Lernen«, ein je nach den äußern Umständen modifiziertes Handeln erkennen lassen, nur instinktiver Natur. Auch Reimarus steht in seinen »Allgemeinen Betrachtungen über die Triebe der Tiere« (1760) noch auf einem ähnlichen Standpunkt. Während diese Auffassung des Instinkts (s. d.) den Tieren immerhin ein geringes Maß von Bewußtsein und Willen zuschrieb, ging Descartes so weit, den Tieren geistiges Leben ganz abzuerkennen und sie für eine Art von Automaten zu erklären, deren Handlungen sich nur nach bestimmten, für jede Art ein für allemal festgestellten Normen bewegen. Die zum Teil überaus genauen Beobachtungen der Kunsttriebe niederer Tiere, die Swammerdam, Réaumur, Rösel von Rosenhof, Bonnet, Trembley u. a. im 17. und 18. Jahrh. anstellten, bewegten sich lediglich in der Richtung, das von Gott geordnete wunderbare »Maschinenwerk« darin zu bewundern. Nachdem dann in neuerer Zeit, angeregt durch die Lehren Darwins (s. Darwinismus), der Gedanke von der einheitlichen Natur der Lebewesen wieder mehr in den Vordergrund trat, gewann auch die Frage nach dem psychischen Leben der Tiere neue Bedeutung. Einen vollen Bruch mit den durch kirchliche Dogmen scheinbar gestützten ältern Anschauungen bedeutete die in den populären Werken von Scheitlin, Brehm Vater und Sohn, den Brüdern Müller, Büchner u. a. niedergelegte Auffassung, die nun wieder, über das Ziel hinausschießend, in die Handlungen der Tiere zu viel menschliche Motive hineindeutete. Seitdem in den letzten Jahrzehnten auch die wissenschaftliche Zoologie der Lebensweise der Tiere wieder mehr Beachtung schenkt, ist man in dieser Beziehung kritischer geworden. Es hat sich herausgestellt, daß manche beim Nestbau, der Nahrungsaufnahme, der Brutpflege etc. ausgeübte Handlungen, die man früher teils für Äußerungen relativ hoher Tierintelligenz, teils für vollkommen jenseits einer solchen gelegene Offenbarungen eines höhern, in den Tieren wirksamen Schöpferwillens deutete, sich in weit einfacherer Weise erklären lassen, teils durch die Wirkung einfacher mechanischer Gesetze (Gehäusebau niederer Urtiere, regelmäßige Form und Anordnung der Bienenzellen), teils durch die größere Schärfe mancher Sinne, z. B. des Geruchs bei den Insekten etc. Auch spielen die Reflexerscheinungen (s. d.) namentlich im Leben der niedern Tiere eine bedeutendere Rolle, als man früher annahm; so handelt es sich bei dem »Totstellen« vieler Insekten um eine Schrecklähmung, die Selbstverstümmelungen (s. d.), bei denen durch Preisgabe eines Körperteils das Tier gerettet wird, das Aufsuchen hell belichteter Stellen durch eine, dunkler Orte durch eine andre Art, und viele andre scheinbar überlegte Handlungen haben sich als unbewußte Reflexe erwiesen. Auch ist mehr, als man dies früher tat, zwischen den niedern und höhern Tierstämmen zu unterscheiden. Die Mehrzahl der beobachtenden Biologen steht gegenwärtig der Annahme einer Intelligenz, selbst eines Bewußtseins bei den niedrigsten Tierstämmen (Urtieren, Schwämmen, niedern Muscheltieren) sehr skeptisch gegenüber, neigt vielmehr dazu, die Bewegungen derselben als wesentlich reflektorische aufzufassen; jedenfalls liegt kein Grund vor, die niedersten Tiere wesentlich anders zu beurteilen als die Pflanzen, bei denen eine Reizbarkeit seit langem bekannt ist und neuerdings auch reizempfängliche Organe entdeckt wurden, die den Sinnesorganen niederer Tiere vergleichbar sind. Weiter aufwärts im Tierreich treffen wir auf Handlungen, die nach der Ansicht der meisten Beobachter nicht mehr als Reflexe zu erklären sind, sondern die Annahme bewußter Empfindungen erfordern. Allerdings kann es einen sichern Beweis für das Vorhandensein von Bewußtsein bei einem Tier niemals geben, es stehen daher einige Forscher auf dem Standpunkt, daß man die Frage, ob den Tieren überhaupt ein Bewußtsein zukomme, aus der wissenschaftlichen Untersuchung ganz ausscheiden solle; noch andre (Bethe, v. Uexküll) sind so weit gegangen, für alle Tiere, mit Ausnahme der Wirbeltiere, Bewußtsein und Empfindung ganz zu bestreiten. Inwieweit bei Tieren von Intelligenz die Rede sein kann, hängt vor allem davon ab, wie man dies Wort definiert. Versteht man darunter, wie dies z. B. in strengem Festhalten an den Traditionen der Scholastik gegenwärtig namentlich Wasmann tut, die Fähigkeit bewußter Abstraktionen und bewußter logischer Schlußfolgerungen, so ist ein sicherer Beweis für das Vorhandensein von Intelligenz auch bei den höchsten Tieren nicht zu führen. Bezeichnet man dagegen mit der Mehrzahl der heutigen Biologen als Intelligenz die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen, oder sonst Handlungen zu verrichten, die einem Analogieschluß entspringen (wenn dieser Schluß auch nicht in streng logischen Formen entwickelt wird), so dürfte nicht nur den höhern Wirbeltieren, sondern auch den höhern Insekten und Mollusken ein gewisses Maß von Intelligenz nicht abzusprechen sein. Für die Wirbeltiere kommt zur Bekräftigung dieses Schlusses noch hinzu, daß das Gehirn derselben dem menschlichen durchaus entsprechend gebaut ist, und daß diese Ähnlichkeit um so mehr zunimmt, je mehr wir in der Reihe der Säugetiere aufwärts steigen. Vgl. unter anderm Reimarus, Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Tiere (3. Ausg., Hamb. 1773); Rennie, Fähigkeiten und Kräfte der Vögel (deutsch, Leipz. 1839) und Baukunst der Vögel (Stuttg. 1847); Scheitlin, Versuch einer vollständigen T. (das. 1840, 2 Bde); Vignoli, Über die Fundamentalgesetze der Intelligenz im Tierreich (Leipz. 1879); Lubbock, Ameisen, Bienen und Wespen (deutsch, das. 1883) und Die Sinne und das geistige Leben der Tierwelt (das. 1889); H. Fabre, Souvenirs entomologiques (9 Tle., Paris 1879–1905); Groos, Die Spiele der Tiere (Jena 1896); Edinger, Vorlesungen über den Bau der nervösen Zentralorgane des Menschen und der Tiere (2 Bde. in 7. u. 6. Aufl., Leipz. 1904); Flügel, Das Seelenleben der Tiere (3. Aufl., Langensalza 1897); Wundt, Vorlesungen über Menschen- und Tierseele (4. Aufl., Hamb. 1906) und Grundzüge der psychologischen Philosophie (5. Aufl., Leipz. 1902–1903, 3 Bde.); Loeb, Einleitung in die vergleichende Gehirnphysiologie und vergleichende Psychologie (das. 1899); v. Buttel-Reepen, Sind die Bienen Reflexmaschinen? (das. 1900); v. Uexküll, Im Kampfe um die Tierseele (Wiesbad. 1902); Lloyd Morgan, Introduction to comparative physiology (Lond. 1894); G. und E. Peckham, Instinkt und Gewohnheiten der solitären Wespen (deutsch, Berl. 1904); Lukas, Psychologie der niedersten Tiere (Wien 1905); Wasmann, Instinkt und Intelligenz im Tierreich[545] (3. Aufl., Freib. i. Br. 1905); Zell, Ist das Tier unvernünftig? (12. Aufl., Stuttg. 1906).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909, S. 544-546.
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