Pantomime

[606] Pantomime (v. gr.), 1) Acteur, welcher blos durch Geberden u. künstliche Bewegung des Körpers (Mimen) auf dem Theater allein eine Rolle od. mit Andern ein ganzes Drama darstellt; diese Kunst heißt Pantomimik; vgl. Mimik; daher 2) Schauspiel, in dem ein in dramatische Form gebrachter Stoff aus Geschichte, Mythologie u. Ähnlichem, ohne Worte, blos durch Geberden u. Tanz (Pantomimischer Tanz). Die Heimath der P-n ist Italien, bes. Rom, wo die Pantomimik zur Zeit des Augustus von Bathyllus eingeführt war; Bathyllus selbst glänzte in komischen u. Pylades in ernsten Sujets. Das römische Volk liebte diese P-n dermaßen, daß zuletzt förmliche Factionen u. Unruhen dadurch veranlaßt wurden, welche Besorgnisse für den Staat erregten, daher wurde schon unter Tiberius verordnet, daß kein Senator die Schauplätze der P-n mehr besuchen u. kein Ritter mit ihnen auf der Straße gehen sollte. Caligula, welcher den P-n P. Mnester leidenschaftlich liebte, entkräftete durch sein Beispiel diese Verordnung wieder, u. Nero, ein großer Verehrer dieser Kunstleistung u. Begünstiger des berühmten P. Paris, trat selbst als P. auf. Domitianus, unter welchem Latinus als P. berühmt war, verbannte sie, Nerva aber rief sie wieder zurück, um das Volk zu beschwichtigen, welchem die P-n eben so unvermißlich waren wie die Circensischen Spiele. Aus dem römischen Mimus od. Pantomimus entwickelte sich später 3) das improvisirte Pantomimische Possenspiel der Italiener mit stehenden Masken, welches noch jetzt in Italien, Frankreich, Deutschland etc., wohin es sich von dort aus verbreitete, üblich ist. Diese italienischen P-n hatten nur einen komischen Inhalt, eben so die Ausführung pantomimischer Scenen mit musikalischer Begleitung, welche bei mehrern orientalischen Völkern, wie den Persern u. Chinesen, beliebt ist. Etwas der römischen P. Ähnliches schuf in neuerer Zeit 4) der französische Balletmeister Noverre, welcher aus Voltaire's Semiramis eine P. machte. Ihn übertraf hierin noch sein Schüler Galeotti in Kopenhagen, welcher sogar Shakespeares Macbeth, Romeo u. Julie in großen, aus fünf Acten bestehenden pantomimischen Darstellungen auf die Kopenhagener Bühne brachte. In neuester Zeit ist diese Art der P. mehr u. mehr ins Ballet (s.d. 2) übergegangen. In England werden vom zweiten Weihnachtsfeiertag Abends bis zum Tage der Heiligen drei Könige in allen Theatern solche P-n als Spectakelstücke (Christmaspantomimen) gegeben, welche in der Vorführung allerhand allegorischer Personen aus der Mythologie, Mährchenwelt u. eigenen Phantasie bestehen, bei denen der Harlekin u. eine glänzende, feenhafte Decoration u. wunderbare Maschinerie nicht fehlen dürfen. 5) Durch die Ausbildung eines solchen plastisch-mimischen Talents machte sich in dem letzten Decenium des 18. Jahrh. die Engländerin Lady Hamilton (s.d. 23) in Italien berühmt; allein ihre Pantomimik beschränkte sich blos auf Attitüden (s.d.) u. Nachahmungen berühmter weiblicher antiken Statuen. Schon in ihrem Vaterlande ahmte sie eine Siddons u. andere berühmte englische Schauspielerinnen in ihren Lieblingsrollen täuschend nach. Diese Nachahmungen, Imitations, waren schon vor ihr in England üblich, wie unter andern die Schauspielerin Miß Wells vorzüglich darin gerühmt wird. Übertroffen aber noch wurde sie durch die Händel-Schütz (s.d.), welche in ihren pantomimischen Darstellungen nicht blos einzelne Stellungen od. Attitüden u. nicht bloße Nachahmungen antiker Statuen, sondern einen ganzen, von ihr selbst erfundenen Cyklus von Situationen u. auch fortschreitenden Handlungen im Charakter des ägyptischen u. griechischen Styls der Sculptur u. der italienischen, niederländischen u. altdeutschen Schule der Malerei durchführte. Sie fand Nachahmer an Elise Bürger u. Sophie Schröder (s.b.) u. an Seckendorf (Patrick Peale). Die in Goethes Wahlverwandtschaften beschriebenen u. seitdem in Gesellschaften, an Höfen u. auf Bühnen beliebt gewordenen Lebenden Bilder sind nur Copien vorhandener Gemälde, dergleichen die Franzosen bereits unter dem Namen Tableaux vivants (s.d.) kannten.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 12. Altenburg 1861, S. 606.
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