Büchse (Behälter, Gefäss, Kapsel)

Büchse, (Behälter, Gefäss, Kapsel). (S. Büxe.)


1. Aus einer büxen1 kann man nicht zugleich zwo wende bestreichen.Henisch, 577.

1) Ueber die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Büchse, als Geld-, Salben-, Sand-, Gaukel- u.s.w. Büchse, wie als Schiessgewehr vgl. Grimm, II, 476 fg.


2. Die Büchse ging aus, ihren Deckel zu suchen, bis sie ihn fand.Burckhardt, 271.

Von jemand, der eifrig eine Gelegenheit sucht und sie endlich findet.


3. Die Büchse trifft nicht allezeit.


4. Es trifft nicht jede Büchse.Seybold, 379.


5. Hast ken Bichs, misch dich nit unter die Schützen.Sutor, 169.


6. Ihr Büchsen dreht euch, sagen die Choristen. (Oberlausitz.)

Bezieht sich auf die Einrichtung in manchen Kirchen, dass die Frauen den Rücksitz mit dem Vordersitz vertauschen, wenn der Prediger die Kanzel betritt, um diesen vor Augen zu haben, während sonst ihr Blick nach dem Orgelchor gerichtet ist.

7. Kleine Büchsen, gute Salben.

Werth des Kleinen. Kostbare Sachen nehmen wenig Raum ein.

Engl.: The greatest burdens are not the gainfullest. (Bohn II, 3.)

Frz.: Dans les petites boîtes sont les bons onguents. (Lendroy, 73.)


8. Mit einer goldenen Büchse schiesst man den Adler aus den Wolken. (Moskau.) – Altmann V.


9. Mit einer goldenen Büchse schiesst man einen Heiligen vom Himmel herunter.Altmann V.


10. Oft ist auch eine rostige Büchse geladen. Simrock, 1385; Eiselein, 101; Grimm, II, 477.


11. Rührt euch, ihr Büchsen, sagt der Apotheker.Hoefer, 24; Eiselein, 101.


12. Wer aus vielen Büchsen schiesst, trifft selten die Scheibe.Günther, 60; Simrock, 1384; Körte, 763; Grimm, II, 477.


13. Wer mit silbernen Büchsen schiesst, gewinnt.

Die silbernen Kugeln dringen durch ein Koller von Elennsfell, sie gehen durch Fleisch und Blut und treffen das Herz; sie sind die Freikugeln, welche nie äffen, sondern stets treffen.

Engl.: He that fights with silver arms is sure to overcome.

Lat.: Hastis pugna argentatis atque omnia vinces. (Seybold, 210.)


14. Wo man mit goldnen Büchsen scheusst, da hat das Recht das Schloss verleusst.Lehmann, II, 884, 329; Sailer, 84; Henisch, 577; Körte, 764.

Zunächst von der Bestechlichkeit der Richter und andern Beamten, dann von dem bestechlichen Einflusse des Goldes überhaupt. Philipp von Macedonien pflegte zu sagen, dass keine Stadt so fest sei, dass sie nicht von einem mit Gold beladenen Esel überwunden werden könne.

Frz.: Pièces d'argent font brèche à la justice. (Cahier, 4217.)

It.: Dove colpisce bombarda d'oro, ivi la giustizia perde la forza. (Pazzaglia, 236.)


*15. A muss a die Büchse blosen.Gomolcke, 182.

Holl.: Hij zal in den buidel moeten blazen. (Harrebomée, I, 191.)


*16. A wird topper müssen ei de Büchse blosen. Robinson, 733.


*17. Alles aus Einer Büchse würzen.Eiselein, 101.


*18. Auss einer büchs zwo artzney geben. Franck, I, 10b; Körte, 764.


*19. Auss einer büchssen alle speiss gewürtzen. Franck, I, 11a; Henisch, 577; Körte, 764; Sutor, 477.


*20. Dar geit de Busse1 los.Eichwald, 260.

1) Bedeutet wie im Hochdeutschen sowol pyxis wie bombarda. Es kommt im Niederdeutschen auch in der Schreibung Büsse und mit der Bedeutung eines Trinkgeschirrs für saugende Kinder vor, z.B. in der Redensart: He is so rund, as wenn he mit der Büsse söget were. (Richey, 29.) Hochdeutsch bei Grimm, II, 477: Die Büchse geht los; wenn sich einer erbricht, oder wenn jemand plötzlich zu schwatzen beginnt.


*21. Eins vor die Büchsen bekommen. (Wehlau.)

Eine Summe Geldes verlieren.


*22. Er hat Büchsen am Halse.Brandt, Nsch., XIV.


[500] *23. Er hat die Büchse geladen, aber sie hat ihm versagt.


*24. Er ist in die Büchse gefallen.Wurzbach II, 52.

Ein berliner Hauptmann war, so oft ein Leichenzug vorüberging, an seinem Fenster und warf eine kleine Marmelkugel in eine Blechbüchse, um die Zahl der Todten am Ende des Jahres zu kennen. Als er einmal nicht am Fenster war, bemerkte Chamisso zu seinem Freunde: »Er wird in die Büchse gefallen (d.i. gestorben) sein«, wie es auch der Fall war. Der Ausspruch wurde nun angewandt, so oft ein Bekannter heimgegangen war.


*25. Er ist mit eyner silbern büchsen geschossen.Tappius, 33b; Franck, I, 32b; Grimm, II, 477.

Lat.: Bos in lingua. (Erasm., 644; Seybold, 59; Philippi, I, 64; Germberg, IV, 55; Binder II, 370.)


*26. Er ist wie die Büchse Pandora's.

Allen Lastern ergeben.

Holl.: Dat is de doos van Pandora. (Harrebomée, I, 184.)


*27. Er müst in die büchse blasen.Tappius, 50b; Henisch, 577.

Strafe zahlen, wider seine Neigung Geld zu etwas hergeben müssen. Eine Redensart auf Kegelbahnen von dem, der die verlorenen Kegel bezahlen muss. Der Verfasser der Neu ausgeputzten Sprachposaune (1648) macht den Vorschlag, dass bei allen Gastereien und Zusammenkünften die Leute eine gewisse Strafe von jedem fremden Worte erlegen und also »in die Büchse blasen« sollen. Weil man zu erröthen pflegt, wenn man wegen eines Fehlers Strafe zahlen muss, als wenn man sich geschminkt hätte (s. 30). Nicht in der Bedeutung des Strafezahlens, sondern in der eines freiwilligen Geldopfers kommt es wol in folgender Stelle des Mathesy vor: »Also auch wenn die Jungfraw Gefatter ist worden vnd ihre Gespielen mit für die Wochen nimmet, vnd ›blaset ins Büchsslein‹, vnd kochet heimlich ein Gerichtlein, ohne wissen vnd willen der Eltern

Frz.: Cracher au bassin. (Lendroy, 539.)

Holl.: Hij zal in de beurs (bus) moeten blazen. (Harrebomée, I, 52.)

Lat.: Sutorio atramento absolutus. (Cicero.) (Philippi, II, 208.)


*28. Er scheusst, er ist geschossen mit der sylber buchsen.Agricola, 288; Franck, II, 21; Körte, 764; Eiselein, 101; Sutor, 368.

Bestochen; er spricht nicht das rechte Recht.

Lat.: Fisco manus tingere.


*29. He lett sik mit'n Bussn voll Bohnen verjagen.Eichwald, 261.


*30. In die Büchse blasen.Wurzbach II, 53; Eiselein, 101; Körte, 764.

Sich weiss und roth schminken. Im 16. Jahrhundert wird in dem Gynaeceum Victorii der Frauen als Mulieres cerussatae gedacht, was heissen soll: Weiber, die ins Büchslein geblasen. Unter Büchslein ist hier die Schminkdose mit dem feinen Staube der Schminke gemeint, den man sich auf die Wangen blies. Da der Gestrafte ebenfalls roth zu werden pflegt, so wurde die Redensart später auch von denen gebraucht, die eine Strafe zahlen mussten (s. 27).


*31. Man muss dir offt ins Bichsle blasen.Sutor, 368.

Man muss durch Geschenke nachhelfen, wenn er etwas thun soll.


*32. Mit silberin büchsen vnnd küglen schiessen.Franck, II, 33a; Tappius, 231a; Henisch, 578.

Lat.: Argenteis hastis pugnare. (Seybold, 36.)


*33. Offt ist ein Büchs geladen, die doch kein Fewr gibt.Lehmann, 134, 5.


*34. Schît in de Büx un segg, ik heft dân.Schütze.

So sagt der Holsteiner, wenn er jemand zu etwas verleiten oder bestimmen und für den Erfolg stehen will.


[Zusätze und Ergänzungen]

zu19.

»Er wil aus einer Büchsen voll allerlei Speiss recht würtzen wol.« (Eyering, I, 123 u. 148.)


zu24.

Die Erzählung über das »in die Büchse fallen« findet sich vollständig in Charpie, eine Sammlung vermischter Aussprüche von K. von Holtei, Breslau 1866.


zu27.

Dän.: Han faaer blaese i bösen. – Han vride sim fingre, bude sig i sine fengre derfor. (Prov. dan., 88.)


zu30.

Theophilus (Hoffmann von Fallersleben) V, 473: »dat vy mosten altomal in de busse rüken.« (Vgl. auch Frischbier, I, 150b; N. Gryse, Spegel, Bj, Nr. 3.)


35. Büchsen, die nit krachen, Jungfrauen, die nit lachen, Vögel, die nit singen – wer hat Lust zu diesen Dingen! (Ulm 1647.) – Keil, 27.


36. Schlecht Büchsen, die nicht krachen, saure Jungfern, die nicht lachen, faule Rosse, die nicht springen, wer hat Lust zu solchen Dingen?Gerlach, 79.


37. Wenn die Büchse nicht knallt, hört man sie nicht.

Böhm.: Dokud ručnice nebouchne, slyšeti se nemůze. (Čelakovský, 74.)


38. Zur guten Büchse gehört ein guter Schütze.

Die Russen: Guter Harpune fehlt nichts als ein guter Wurf. (Altmann VI, 405.)


*39. Büchsen schiessen.

»Durch Büchsen ist manch Herz getroffen, durch Schiffarth sind viel Leut ersoffen, durch Bücher viel in die Höll geloffen.« (Gerlach.)


*40. Er hat die Büchse ins Korn geworfen.

Das begonnene Geschäft unvollendet aufgegeben. Aehnlich sagten die Römer: Cassa lampoda tradere (Faselius, 56), mitten im Laufe die Fackel abgeben. Von den Wettläufen mit brennenden Fackeln entlehnt, bei denen die am Ziele Angelangten ihre Fackeln an andere zum Beginn eines neuen Wettlaufs abgaben. Wer die Fackeln mitten im Lauf einem andern reichte, gab den Kampf auf.


*41. Er wusste nicht, ob seine Büchse Hinteraugen habe oder nicht. (Nordamerika.)

D.h. ob er treffen werde.


Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 1. Leipzig 1867.
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