Völkerwanderung

[621] Völkerwanderung. Unter der sogenannten großen Völkerwanderung wird die in der bisherigen Geschichte einzige [621] Bewegung der Völker des ganzen nördl. und östl. Theils der alten Welt verstanden, welche diese beinahe 200 Jahre lang (375–568) in fortwährend sich wiederholenden Wanderzügen nach W. und S. trieb und den Grund der zum Theil noch bestehenden politischen Gestalt von Europa legte. Unter die vielerlei Ursachen jener wunderbaren Bewegung gehören zu zahlreich gewordene Bevölkerung unwirthbarer Landstriche, der Andrang weit östl. und nördl. wohnender Völker, und für die westlichern die lockende Beute, welche die angebauten und eines mildern Klimas sich erfreuenden Provinzen des röm. Reichs ihnen darboten, welches in seiner zunehmenden Schwäche schon barbarischen Völkerschaften Wohnsitze innerhalb seiner Grenzen eingeräumt hatte und in ihnen thörichterweise Schutzwächter derselben zu erwerben gedachte. Als Eröffnung der großen Völkerwanderung pflegt man den Übergang der Hunnen (s.d.) über die Wolga (375) und die Besiegung des scythischen Stammes der Alanen sowie der Westgothen durch die erstern anzunehmen. Unaufhaltsam wälzte der Strom sich nun gegen W. fort; die Alanen verbanden sich in den Donaugegenden mit den Vandalen, ein Theil der Sueven schloß sich an und so drangen sie 406 in Gallien verheerend ein, überschritten 409 die Pyrenäen und gründeten hier (die Alanen in Portugal) Reiche. Das der Alanen ging 418 im vandal. gänzlich unter; allein auch die Vandalen wichen dem Andrang der Römer und der nachgekommenen Westgothen, welche vorher Griechenland und Rom gebrandschatzt hatten und in Gallien ein Reich gründeten (s. Gothen), durch den Übergang nach Afrika aus (s. Vandalen), die zurückgebliebenen Sueven aber erlagen den Westgothen. Die Hunnen unternahmen inzwischen von ihren neuen Wohnsitzen an der untern Donau ihre Raubzüge unter Attila (s.d.), wurden aber nach dessen Tode (453) von Gepiden und Gothen überwunden. Mit den Vandalen waren auch die Burgunder nach Gallien gekommen, wo sie zurückblieben und ein Königreich gründeten. (S. Burgund.) Auch die Alemannen (s.d.) breiteten sich im südl. Gallien aus, unter allen dort einwandernden Völkern behielten indeß am Ende die Franken (s.d.) die Oberhand. Die Angelsachsen (s. Angeln) gründeten die germanischen Reiche Britanniens; Heruler und Rugier stürzten 476 das abendländ. röm. Reich, wurden aber von den Ostgothen überwunden, welche seit 493 die Herren Italiens waren, im folgenden Jahrh. aber die Oberherrschaft des griech. Kaiserthums anerkennen mußten. Bald nachher kamen die Longobarden (s.d.) und gründeten (568) ein longobardisches Reich, welches erst von Karl dem Großen gestürzt wurde, dessen Waffen auch die räuberischen Avaren (s.d.) unterlagen. Indem allmälig der Andrang nachließ, wählten die zurückgebliebenen Völker sich feste Wohnsitze, und die Sachsen, Friesen, Thüringer, Schwaben, Baiern (s.d.) waren nun die Hauptvölker in Deutschland, dessen nördl. und östl., von ihren frühern Bewohnern geräumte Gegenden im 6. Jahrh. von slaw. Stämmen eingenommen wurden. So breiteten sich die Czechen in Böhmen, zahlreiche Stämme der Wenden, wie die Sorben, Obotriten, Wilzen, Lutizer, zwischen Oder, Elbe und Saale aus. In dieser zweihundertjährigen Gährung ward die ganze staatliche und gesellschaftliche Einrichtung, wie sie unter den Römern bestanden hatte, von rohen Händen umgestaltet und selbst die röm. Sprache hörte auf, eine lebende zu sein, indem sich durch Vermischung mit den Sprachen der Sieger daraus die romanischen Sprachen (s.d.) bildeten. Ebenso gingen aus der Vermischung der Einwanderer mit den ältern Bewohnern der dem röm. Reiche einverleibt gewesenen Provinzen in der Folge neue Nationen mit ganz verschiedenen leiblichen und geistigen Eigenschaften hervor. Waren die Wissenschaften schon vor Ankunft der Barbaren im Sinken, so verfielen sie nun gänzlich unter Herren, die blos mit den Waffen umgingen, und unermeßlich ist der Verlust an zerstörten Denkmälern alter Kunst und Wissenschaft gewesen, welchen diese Revolution mit sich brachte, die aber auch die abgestorbenen Völker des Alterthums mit ihren ausgearteten und verlebten Formen beseitigte und zwar rohere, aber jugendkräftigere Stämme in die Sitze führte, welche in Gesittung und Cultur der neuen Zeit vorangehen sollten. Für die Verbreitung des Christenthums war sie nicht minder wichtig, indem die Fremdlinge meist Heiden waren und zunächst in den ehemaligen röm. Provinzen nach und nach dafür gewonnen wurden.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 621-622.
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