Fabeltiere

[241] Fabeltiere, Geschöpfe der Phantasie der Völker, die in Mythus und Volksdichtung eine große Rolle spielen, vielfach auch an tatsächliche Befunde anknüpfen, aber meist durch Übertreibung und Mißdeutung lebender und ausgestorbener Formen entstanden sind. Sehr viele F. knüpfen an Fossilfunde an, namentlich die Drachen- und Lindwurmsagen. Obwohl die fossilen Wirbeltierreste im klassischen Altertume meist auf die Leiber menschlicher Riesen bezogen wurden, galten sie doch in China von jeher als Drachenknochen (Kung-lu), auch mehrere deutsche Lokalsagen von Drachenkämpfen, wie z. B. die von Klagenfurt, knüpfen direkt an solche Fossilfunde an. Schon Quenstedt hat auf die Ähnlichkeiten des Drachenbildes der Tübinger Stadtkirche mit den am Neckar häufig gefundenen Resten der schwäbischen Lindwürmer und Krokodile (Zanclodon und Belodon) aufmerksam gemacht. Ähnliches gilt von den Einhorn- und Greifensagen, die meist auf den Fund sogen. Greifenklauen, den Hörnern von Rhinozerontiden, zurückgehen. Der Asbest sollte das Haar eines im Feuer unverbrennlichen unterirdisch lebenden Tieres, des Salamanders, die Mammutknochen diejenigen einer riesenhaften Eisratte (s.d.) sein. Die Basiliskensage geht auf Erdgase zurück, die Bergleute und Brunnenmacher plötzlich töten und zu einem Tier personifiziert wurden, das durch den bloßen Anhauch oder Anblick tötet. Seefahrersagen sind die von großen Seeschlangen, Meerskolopendern, Riesenkraken, Meermönchen, Meerbischöfen, Sirenen etc., die z. T. auf den Anblick großer Kephalopoden und Seekühe zurückgehen, Händlersagen diejenigen vom vegetabilischen Lamm oder Baranetz (s.d.), welche die Herkunft des Krimmers verschleiern sollte. Aus ganz heterogenen Elementen gemischt, erscheinen die F. der Religionssysteme, denen man auf altägyptischen, assyrischen und indischen Tempelbildern begegnet, wie die Chimära, in der sich Löwenkörper, Vogelflügel und feuerspeiender Ziegenkopf zu einem Symbol für einen lykischen Gasvulkan mischen; die Martichora, ein fürchterliches Raubtier mit Menschenantlitz, Löwenkörper, Hirschsüßen, Adlerflügeln und Skorpionsschwanz; die Leucocrotta, von der seit Ktesias als einem unverwundbaren Mischwesen aus Krokodil und Esel, Löwe und Hirsch gefabelt wird, das den Menschen durch Nachahmung seiner Stimme anlocken sollte. Es ist merkwürdig, daß noch den Lindwürmern der mittelalterlichen Sagen stets Eselsohren beigelegt wurden, während doch kein Reptil äußere Ohren besitzt. Auch der Stiermensch (Minotaurus, Menotyrannus)[241] gehört mit den Kentauren zu diesen Mischwesen, die mehr der Theologie und Mystik als der Volkssage ihre Entstehung verdanken; den Ursprung der Kentauren suchen andre in dem ersten Anblick skythischer Reitervölker, die mit ihren Pferden gleichsam verwachsen schienen.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 6. Leipzig 1906, S. 241-242.
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