Psychophysik

[428] Psychophysik (griech.), die Lehre von den Wechselbeziehungen des Physischen (Leiblichen) und Psychischen (Seelischen), die zwischen Physiologie und Psychologie in der Mitte steht und beide ergänzt. Wie die Erfahrung zeigt, führt die Verfolgung des Zusammenhanges der innern, seelischen Vorgänge an zwei Punkten in das Gebiet der äußern, physischen mit Notwendigkeit hinüber, insofern einerseits die Empfindungen (s. d.) von äußern Reizen abhängen. anderseits die Willensakte äußere Wirkungen nach sich ziehen. Da jedoch der Übergang von einer physischen Ursache (Bewegung) zu einer psychischen Wirkung (Empfindung) und umgekehrt ganz undenkbar ist, so nimmt man gegenwärtig an, daß das Empfinden, Vorstellen, Wollen etc. nicht als Wirkung (bez. Ursache), sondern als Begleiterscheinung gewisser zentraler[428] physiologischer Vorgänge im Gehirn aufzufassen ist, welch letztere man deswegen als psychophysische bezeichnet (Prinzip des psychophysischen Parallelismus). Die Erforschung der den psychischen Vorgängen korrespondierenden Erregungszustände im Zentralnervensystem ( die P. im weitern Sinne, für die man neuerdings auch den Namen Psychophysiologie vorgeschlagen hat) befindet sich trotz zahlreicher schöner Einzelresultate noch in den Anfängen (vgl. Gehirn, S. 469 f.). Die P. im engern Sinne (begründet durch E. H. Weber und G. Fechner) sucht die Empfindung unter Überspringung der Zwischenglieder direkt zum äußern Reiz in Beziehung zu setzen. Es wurde festgestellt, daß, um überhaupt eine Empfindung zu erregen, eine bestimmte minimale Reizstärke erforderlich ist (Reizschwelle), daß ein gegebener Reiz immer um einen endlichen Betrag, die sogen. Unterschiedsschwelle, geändert werden muß, ehe eine merkliche Änderung der Empfindung sich ergibt, und daß jenseits einer obern Grenze der Reizstärke (Reizhöhe) die Empfindung nicht weiter gesteigert wird. Zur Ermittelung der Reiz- und der Unterschiedsschwelle hat Fechner vier Grundmethoden ersonnen, die auch sonst in der experimentellen Psychologie eine hohe Bedeutung erlangt haben, es sind die Methode der Minimaländerungen, die der mittlern Abstufungen, die der mittlern Fehler und die der richtigen und falschen Fälle. Bei der ersten, die als typisch hervorgehoben sei, wird eine bestimmte physikalisch gemessene Reizstärke zum Ausgangspunkte genommen und allmählich so weit vergrößert oder verkleinert, bis ein Unterschied der Empfindungsstärke gerade merklich wird, bez. bis die Empfindung (bei der Reizschwellenbestimmung) verschwindet. Bei den niedern Sinnen (Geruch, Geschmack, Temperatursinn) lassen sich, teils wegen der Schwierigkeit einer exakten Messung der Reizstärken, teils wegen des großen Einflusses, den der Zustand der Organe auf die Empfindung übt, psychophysische Messungen kaum vornehmen. Für die höhern ist wenigstens die Ermittelung der Reizschwelle durch den letztern Umstand erschwert (im Auge entsteht z. B. auch bei Abwesenheit jedes objektiven Reizes durch innere Reizung immer eine schwache Lichtempfindung). In bezug auf die Unterschiedsschwelle ergab sich aber für Gesicht, Gehör und Druckempfindung (von Abweichungen in der Nähe der Reizschwelle und Reizhöhe abgesehen) ziemlich übereinstimmend das Webersche Gesetz, daß, wenn die Empfindung sich um ein gerade Merkliches ändern soll, die Änderungen der Reizstärken diesen selbst proportional sein müssen. Muß man also zu einem Gewicht von 100 g z. B. 4 g zulegen, um eine Zunahme zu merken, so erfordern 200 g die Zufügung von 8 g, 300 g die von 12 g etc. Diesem Gesetz entsprechen auch bekannte Tatsachen, z. B. die, daß bei Sonnenaufgang die Sterne für uns verschwinden, weil ihr Helligkeitsunterschied gegenüber dem Himmel der gleiche geblieben ist, während die Helligkeit des letztern zugenommen hat, u. a. m. Ein Analogon bildet das Bernouillische Gesetz, daß die über einen Güterzuwachs empfundene Befriedigung dem Quantum der besessenen Güter umgekehrt proportional ist. Man hat gefunden, daß die Unterschiedsschwelle beim Licht ca. 1/100, beim Schall ca. 1/3, bei Druckempfindungen (z. B. beim Heben von Gewichten) ca. 1/15-1/20 der jeweilig vorhandenen Reizstärke beträgt. Aus dem Weberschen Gesetz leitete Fechner durch mathematische Operationen sein psychophysisches Grundgesetz, ab welches besagt, daß, wenn die Empfindungsintensitäten in arithmetischer Progression (immer um gleich viel) zunehmen sollen, die Reizstärken in geometrischer zunehmen müssen, und drückte dies Verhältnis auch durch eine Formel (die »psychophysische Maßformel«) aus. Gegen diese Deduktionen sind aber mehrfache Einwendungen erhoben worden, indem einige (wie Zeller, Elsas, Stadler etc.) überhaupt die Anwendbarkeit des mathematischen Größenbegriffes auf Empfindungen, andre (wie Langer, Brentano etc.) die stillschweigende Voraussetzung Fechners, daß ebenmerkliche Empfindungsunterschiede gleiche Empfindungsunterschiede seien, bestritten haben. Das Webersche Gesetz, das sich übrigens auch bei der Vergleichung von Raum- und Zeitgrößen ziemlich genau bestätigt hat, ist als ein rein empirisches verschiedener Deutungen fähig. Man kann entweder mit Fechner annehmen, daß es den Zusammenhang zwischen der Empfindung und dem zentralen Erregungsvorgang im Gehirn zum Ausdruck bringe (psychophysische Deutung), oder mit G. E. Müller, daß es sich auf das Verhältnis zwischen dem äußern Reiz und dem zentralen Erregungsvorgange beziehe (physiologische Deutung), oder mit Wundt, daß es nicht sowohl die Empfindung an sich, sondern vielmehr unsre Auffassungsweise von Empfindungsstärken betreffe und die Tatsache ausdrücke, daß wir in unserm Bewußtsein kein absolutes, sondern nur ein relatives Maß für die Intensität der in ihm vorhandenen Zustände besitzen (psychologische Deutung). Vgl. Fechner, Elemente der P. (2. Aufl., Leipz. 1889, 2 Bde.); G. E. Müller, Zur Grundlegung der P. (Berl. 1878); Langer, Die Grundlagen der P. (Jena 1876); F. A. Müller, Das Axiom der P. (Marb. 1882); Elsas, Über die P. (das. 1886); Münsterberg, Neue Grundlegung der P. (Freib. i. Br. 1890); G. F. Lipps, Grundriß der P. (Leipz. 1899, in der Sammlung Göschen); Delboeuf, Eléments de psychophysique (Par. 1883); Foucault, La psychophysique (das. 1901).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 428-429.
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