Kraft [1]

[753] Kraft, das Sein im Werden od. dasjenige, was, als Veränderung zunächst Bewirkendes, von dem Verstand für sich, unter u. in der Veränderung selbst dennoch als Bleibendes gedacht wird; daher im Allgemeinen jede Ursache einer Wirkung, sowohl in geistiger als in materieller Beziehung. Von der Wahrnehmung der in einzelnen Thätigkeiten sich kräftig zeigenden Natur gelangt der reflectirende Verstand zu der Vorstellung einer Urkraft, d.h. eines Inbegriffs von allem Bewegung u. Veränderung in der Natur Bewirkenden. Da indessen, wo nur in der Natur ein Thätigkeitsprincip sich darstellt, immer die Richtung desselben eine eigene, bestimmte ist, also auch nothwendig selbst wieder einen Gegensatz haben muß; so lassen sich alle Thätigkeitsweisen der Natur, indem wir von Besonderem immer mehr zu Allgemeinem zurückgehen, auf zwei Grundkräfte zurückbringen, auf Contractiv- u. Expansivkraft, aus deren Zusammentritt, ohne daß eine die andere besiegt, die das Weltall beherrschenden Centralkräfte hervorgehen. Im geistigen Leben ist das Ich als bereits Gebildetes, der Stoff der dasselbe beherrschenden Kräfte. Man redet von geistiger K., als dem Inbegriff aller einzelnen geistigen Thätigkeiten, insofern diese ihren Bestimmungsgrund in sich selbst haben, aber auch von einzelnen geistigen Kräften, als inneren Grundlagen einzelner geistiger Thätigkeiten; auch sind sie theils nach innen, theils nach außen gerichtet u. reguliren eben so das geistige Leben, wie das Spiel der körperlichen Kräfte in der Natur das Körperleben. Im menschlichen Leben sind geistige u. körperliche Kräfte in nothwendiger Verbindung; beide im Verein werden als Lebenskraft befaßt, welche jedoch auf Alles, was als lebend in der Natur unterschieden wird, Beziehung hat, indem in allen lebenden Körpern Kräfte als freie Thätigkeiten vorwaltend sind. Vgl. Dynamik u. Dynamischer Proceß.

In einfacher Beobachtung der Natur ist K. Princip von Bewegung. Die Kraftlehre ist daher in engster Berührung mit der Bewegungslehre. So vielseitig Bewegung ist, so vielseitig sind auch die physischen Kräfte. Hierbei ist aber nicht zu übersehen, daß Bewegung selbst, welche durch K. unmittelbar angeregt wird, auch durch ein entgegengesetztes Bewegungsprincip (Gegenkraft) gehemmt, also ein Ruhezustand dadurch herbeigeführt sein kann, in welchem aber gleichwohl Kräfte thätig sind. Vgl. Cohäsion, Druck, Widerstand u.a. Unsere Kenntniß der Kräfte beruht auf der Kenntniß der durch dieselben hervorgebrachten Erscheinungen u. ist deshalb um so klarer u. vollständiger, je mehr diese Erscheinungen sich auf positive Zahlen zurückführen lassen, je mehr die Kräfte ihre Wirkungen auf große u. daher leichter meßbare Entfernungen äußern, wie z.B. die Elektricität u. die Schwerkraft. Das Maß der physischen Kräfte, d.i. die Wirkung derselben in quantitativer Hinsicht, zu bestimmen, ist Aufgabe der Mechanik; vgl. Maschine. K. des lebenden Körpers ist der Inbegriff des Vermögens, das in hohem Grade u. überhaupt befriedigend zu leisten, wozu er organisirt ist. In diesem Sinne kann auch eine Thätigkeit über die andere das Übergewicht haben, u. dann wird K. bes. auf sie bezogen. Bes. sind es die Muskelgebilde, auf welche dieser Begriff in der Andeutung eines kräftigen Körpers Anwendung findet, aber auch andere Organe, wonach die Körperkraft auch eigene Bestimmungen erhält, z.B. Seh-, Verdauungs-, Zeugungskraft etc. Den Körperkräften stehen die Geisteskräfte nur beziehungsweise entgegen. Sie beruhen theils auf organischen Thätigkeiten, welche mit der Bildung des Gehirns u. überhaupt der körperlichen Bildung im nächsten Bezug stehen, theils u. vorzüglich auf Cultur u. Übung; vgl. Genie. K. in der Darstellung besteht theils in der nachdrucksvollen u. das Gefühl unmittelbar ergreifenden Zeichnung u. Haltung der einzelnen Partien in der ästhetischen Form, theils in der Sicherheit, womit die Form, als ein ästhetisches Ganze, einen bestimmten Eindruck hervorbringt. Der K. in jeder Beziehung entgegengesetzt ist Kraftlosigkeit.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 9. Altenburg 1860, S. 753.
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