Theseus

[501] Theseus, Sohn des Ägeus (nach And. des Poseidon) u. der Äthra; er war geboren zwischen Trözen u. Hermione, welcher Platz nachher Genethilon hieß, wurde Anfangs bei seinem mütterlichen Großvater Pittheus von Konnidas u. Chiron erzogen u. bewies schon als Kind großen Muth, indem er unter seinen Gespielen allein wagte die Haut des Nemeischen Löwen anzugreifen. 16 Jahre alt, nahm er Schwert u. Schuhe seines Vaters, welche derselbe unter einem großen Felsblock verborgen hatte, als Erkennungszeichen u. ging damit nach Athen. Auf dem Wege dahin erschlug er die Räuber Periphetes, Prokrustes, Sinis, Skiron, Kerkyon, Damastes u. den Kromyonischen Eber. Nachdem er sich von den Phytaliden am Kephissos von dem vergossenen Blute hatte reinigen lassen, kam er nach Athen, wo ihn sein Vater an Schwert u. Schuhen erkannte. Nach Vertreibung der Medea, welche ihn hatte vergiften wollen, u. der Ermordung der Söhne des Pallas, des Bruders seines Vaters, welche die Herrschaft über Athen an sich reißen wollten, wurde er von seinem Vater dem athenischen Volke als ihr künftiger Herrscher vorgestellt. Er befreite zuerst Attika von dem Marathonischen Stiere (s.d.), dann von dem Tribute von sieben Jünglingen u. sieben Jungfrauen, welche die Athener alle neun Jahre nach Kreta für den Minotaurus (s.d.) liefern mußten, indem er selbst mit dahin ging u. den Minotaurus in dem Labyrinth tödtete, wobei ihn Ariadne (s.d.), die Tochter des kretischen Königs Minos, unterstützte, indem sie ihm einen Faden gab, welchen er am Eingange in das Labyrinth anband u. dann demselben nachgehend wieder herauskam. Aus Dankbarkeit nahm er die Ariadne mit sich, verließ sie aber auf Naxos. Nachdem er in Delos dem Apollon festliche Spiele gefeiert u. das von Ariadne empfangene Aphroditebild im Tempel daselbst geweihet hatte, kehrte er nach Athen zurück. Da er aber die wegen des Trauerzuges nach Kreta aufgehißten schwarzen Segel von dem Schiffe abzunehmen vergessen hatte, glaubte Ägeus, sein Sohn kehre nicht zurück, u. stürzte sich aus Trauer in das Meer. Nun wurde Th. König von Attika Seine darauf folgenden Thaten sind: Vereinigung der zerstreuten Ortschaften Attikas in eine Stadt, Athen, u. Gründung der Staatsverfassung in Athen; Einführung des Dienstes der Athene u. der Panathenäen, sowie der Synokia u. Einsetzung der Isthmischen Spiele; Verwendung bei Kreon, daß die vor Theben gefallenen Helden begraben wurden; der Zug gegen die Amazonen, wofür ihm die Hippolyte als Kriegsbeute wurde, mit welcher er den Hippolytos zeugte; der Raub der Helena, welche er in Aphidna bewahrte, welche Stadt aber die Dioskuren in seiner Abwesenheit eroberten, die Helena befreiten u. die Mutter des Theseus mit fortführten; die Theilnahme an der Kalydonischen Jagd u. an dem Argonauten[501] zuge; die Unterstützung des Pirithoos (s.d.) gegen die Kentauren u. sein Hinabsteigen mit demselben in die Unterwelt, um die Proserpina zu entführen; sie wurden deshalb zum ewigen Sitzen auf einem Felsen in der Unterwelt verdammt, aber Th. durch Herakles befreit. Als er von diesem Unternehmen wieder kam, fand er die Athener gegen ihn erzürnt u. den Menestheus auf dem Throne; deshalb floh er aus Attika zu Lykomedes, König von Skyros, um von dort aus den väterlichen Thron wieder zu erobern. Aber Lykomedes war treulos; er führte den Th. auf einen Berg, um ihm von dort seine Ländereien zu zeigen, stürzte ihn aber herab, so daß er starb. Nach dem Tode der Hippolyte hatte er Phädra (s.d.), die Schwester der Ariadne, geheirathet, welche ihm den Akamas u. Demophon gebar. Th. war lange in Athen vergessen, bis Kimon auf Befehl des Delphischen Orakels seinen Leichnam von Skyros nach Athen holte; er erhielt hier Heroendienst, ein feierliches Fest (Theseia), welches zur Zeit der Pyanepsien (u. am achten Tage jedes Monats) gefeiert wurde u. einen Tempel (Theseion), welcher 469–456 v. Chr. durch Mikon aus Pentelischem Marmor in dorischer Ordnung nach dem Muster des Parthenon, nur kleiner, gebaut wurde. Dieser Tempel war der Zufluchtsort gemißhandelter u. entlaufener Sklaven (daher Theseiotrips, ein gewöhnlich sich dort herumtreibender Sklav); in der Kaiserzeit wurde er zu einer Kirche des St. Georg gemacht; die Türken verwandelten ihn in einen Pferdestall, später wurde er wieder gereinigt u. er steht jetzt noch. Die Heldengeschichte des T. wurde sowohl von Dichtern (wie von Pythostratos u. Nikostratos in der Theseīs), als auch von Geschichtschreibern dargestellt, bes. von Plutarchos.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 17. Altenburg 1863, S. 501-502.
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