Samaritaner

[30] Samaritaner oder Samariter hießen im Zeitalter nach dem Exil die Bewohner Mittelpalästinas oder Samarias, welche ein aus Vermischung der in Palästina zurückgebliebenen Bürger des ehemaligen Reiches Israel mit Einwanderern aus Assyrien entstandenes Volk bildeten. Nach der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft wollten die Samaritaner an der Wiederherstellung des Tempels und der Stadt Jerusalem Antheil nehmen, wurden aber von jenen als Götzendiener zurückgewiesen. Die Samaritaner verwandelten nun ihre Theilnahme in offene Feindschaft und suchten den neuen Aufbau auf jede Weise zu hindern, was den Grund zu dem unauslöschlichen Hasse legte, in welchem sich in der Folge Juden und Samariter gegenüber standen. Erst zur Zeit Alexander's des Großen gab ein von den Juden abtrünnig gewordener Priester, Manasse, Veranlassung zur Errichtung eines eignen Tempels auf Garizim mit einem den Mosaischen Verordnungen gemäß eingerichteten Gottesdienste. Von jetzt an waren die Samaritaner mit der Hauptstadt Sichem gleich den übrigen Bewohnern Palästinas dem Wechsel ausländischer Herrschaft unterworfen, schützten sich aber unter Antiochus Epiphanes gegen die syrischen Mishandlungen dadurch, daß sie ihren Tempel dem Jupiter weihten. Unter dem jüdischen Fürsten Johannes Hyrkanus wurde dieser 109 v. Chr. gänzlich zerstört und seitdem blieb der Berg Garizim den Samaritanern die heilige Stätte der Anbetung. Juden und Samaritaner haßten, beschimpften und verleumdeten einander nicht nur gegenseitig, sondern mieden auch möglichst jede Gemeinschaft, sodaß sie nicht mit einander essen und trinken, sich einander nicht beherbergen mochten. Die Samaritaner hielten sich streng an das Judenthum in der Form, wie es ihnen durch Manasse zugekommen war. Nur das Gesetz Mosis und das Buch Josua standen bei ihnen im Ansehen einer göttlichen Offenbarung, während sie die übrigen Schriften des A. T. und die Satzungen der Rabbinen, namentlich des Talmud, als unstatthaft verwarfen. Außerdem glaubten sie das Dasein von Engeln, die Wirklichkeit einer dereinstigen Auferstehung zu einem neuen Leben, das von dem jetzigen ganz verschieden ist, eine Vergeltung im Jenseits und die Erscheinung eines Messias, welcher, aus dem Geschlechte David's stammend, das Volk zur Buße führen und den Berg Garizim zum Mittelpunkte einer reinen Gottesverehrung für alle Völker der Erde machen werde. Noch jetzt gibt es in Sichem und Jaffa eine Anzahl von Familien, die sich als die Nachkommen der Samaritaner ansehen. Sie bekennen sich zu den angeführten Lehren, halten auf strenge Beobachtung des Sabbaths, feiern nur die Mosaischen Feste, halten das Erlaß- und Jubeljahr, üben sorgfältig heilige Waschungen und die Beschneidung und verrichten das Gebet mit nach dem heiligen Berge Garizim hingekehrten Gesichte. Ihre Priester, welche Vorträge aus dem Pentateuch halten, sind zugleich die obrigkeitlichen Personen, und die Kleidung, die sie tragen, ist weiß. Sie leben in strenger Abgeschlossenheit von allen Andern, die nicht ihres Glaubens sind. Die samaritanische Sprache, in welcher das älteste Denkmal, die samaritanische Übersetzung des Pentateuch, geschrieben ist, steht als ein Nebenzweig den übrigen semitischen Mundarten zur Seite. Sie ist seit Ausbreitung der türk. Herrschaft ausgestorben und die gegenwärtigen Samaritaner reden und schreiben arabisch.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 30.
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