Amerika (Geschichte)

[181] Amerika (Geschichte). In das tiefste, wahrscheinlich nie zu erhellende Dunkel ist die Geschichte dieses in allen seinen Beziehungen riesigen Welttheils, dieser zweiten Hälfte der Erde[181] gehüllt, und wenn auch spätere Forschungen vielleicht einzelne Lichtstrahlen hineinsenden, erhellen werden sie es nie. Mannichfache Spuren, als seltsame Denkmäler, von deren Bestimmung die eingebornen Indianer nichts wissen, Ruinen von Städten etc., Sagen, die europäische Körperbildung mancher Volksstämme deuten genugsam darauf hin, daß große Strecken Amerika's von einem kultivirten Volke bewohnt gewesen, dessen vermischte Abkömmlinge noch bestehen, aber die Existenz ihrer Väter nur in dunkeln Sagen bewahrt haben. Was aus diesem Volke geworden, oder vielmehr, wie es seine Kultur verloren? ist eine schwer zu lösende Frage. Wahrscheinlich stand Amerika in der vorgeschichtlichen Zeit durch eine ungeheure Länderbrücke im atlantischen Meere, von welcher die mächtigen Felsenpfeiler der Antillen und Azoren noch übrig geblieben sind, mit Europa in unmittelbarer Verbindung, und es fanden über dieselbe Einwanderungen von dorther Statt. So dunkel nun auch Amerika's frühere Geschichte ist, so klar ist die spätere. Diese zerfällt in die Geschichte der allmäligen Entdeckung und in die Geschichte der einzelnen Länder und Staaten Amerika's. Die ersten Spuren jener Entdeckungen fallen in's neunte und zehnte Jahrhundert. Zu Ende des erstern wurde das große Nordpolland Grönland – welches, wie sein Name besagt, damals grün und blühend gewesen sein soll – von Normännern entdeckt; 982 siedelten sich Isländer dort an und verbreiteten das Christenthum; 1001 entdeckte der Isländer Biörn Winland (Labrador), und die Brüder Zeni sahen Neuschottland, welches sie Drongo nannten, um 1390. Die Venetianer kannten, wie ihre Karten aus jener Zeit beweisen, Westindien schon im Anfange des funfzehnten Jahrhunderts. Aber erst dem Ende dieses Jahrhunderts und dem Anbeginn des merkwürdigsten aller Jahrhunderte, des sechszehnten, war die Einführung des ganzen ungeheuern Welttheils in die Länderkunde Europa's vorbehalten, und die sogenannte Entdeckung Amerika's durch den Genuesen Christoforo Colomb steht als kolossales[182] Deutungszeichen für künftige Zeit am Eingangsthore in die neue zweite Weltperiode der Geschichte. Denn wer wollte es ferner läugnen, daß mit dem sechszehnten Jahrhundert die Erde ihre geistige Umwandlung begann? und wer wollte es noch verkennen, welchen kaum übersehbaren Einfluß Amerika auf diese Umwandlung theils schon gehabt, theils noch haben wird? – Von Ruhmsucht, Stolz, Ehrbegierde und Gewinnsucht getrieben, von bestimmten Nachrichten westlicher Länder geleitet, unternahm der kühne, rastlose Colomb seine gefahrvollen Entdeckungsfahrten, und trat am 7. October 1492 an der Insel Guanahani, von ihm St. Salvador genannt, zu den Bahama- oder Lucayasinseln gehörig, an's Land. In kurzen Zwischenräumen machte Colomb (in spanischen Diensten Colon genannt) noch vier Reisen nach den westlichen Ländern, und entdeckte nach einander die kleinen und die großen Antillen, Trinidad und das feste Land von Südamerika, welches er in der Gegend der Orinokomündung betrat. Der Venetianer Caboto fand 1497 die Küste von Labrador. Colomb starb, von Undank belohnt, im Gefängniß; er hatte nur Ruhm und Geld zu erwerben gestrebt: er starb arm und der neue Welttheil erhielt nicht einmal seinen Namen. Diese große Ehre ward einem einfachen, bescheidnen Manne zu Theil, dem Florentiner Amerigo Vespucci, der niemals nach Ruhm oder Geld gestrebt, der nie Befehlshaber eines Schiffs gewesen war, und allein dem stillen Forschen im Gebiet der Wissenschaft sein Leben gewidmet und zu diesem Zwecke mehrere Reisen nach dem neuen Welttheile gemacht hatte. Eigentlich verdankt er die Ehre, der Taufpathe des ungeheuern Westlandes geworden zu sein, dem zufälligen Umstande, daß er die erste Karte von Amerika lieferte Nun folgten die Entdeckungen der einzelnen Länder durch Spanier und Portugiesen rasch auf einander, und 1520 eroberte Fernando Cortez schon Neuspanien (Mejico). Ponce de Leon fand 1512 Florida, Grijalva 1515 Mejico, Magalhaens die Südspitze von Südamerika, Pizarro 1526 Peru, Cabot 1533 Paraguay,[183] Grijalva Californien, Cartier Canada, Almagro Chili, Medoza die Plataländer. Erst 1596 wurde Spitzbergen von den Holländern Ryp und von Hemskerk entdeckt. Das Land wurde nun nach allen Seiten hin untersucht, vorzüglich von Spaniern und Portugiesen, weniger von Franzosen und Engländern, die sich erst später dort auszeichneten. Hudson und Bassin haben die Meerbusen zu Anfang des 17. Jahrhunderts untersucht, die ihre Namen tragen. Ausgezeichnete Männer aller europäischen Nationen haben das große Land nach allen Richtungen bereist, und die Resultate ihrer Forschungen liegen der Welt vor. Der berühmteste aller Reisenden in Amerika ist unstreitig Alexander von Humboldt, und so ist die Geschichte der Entdeckungen Amerika's aller Wahrscheinlichkeit nach geschlossen. – Ganz anders ist es mit der Staatengeschichte Amerika's, die ihrer riesigen Entwickelung, für die Europa und die Geschichte überhaupt noch keinen Maßstab haben dürfte, mit Riesenschritten – dem kolossalen Lande sind ja schier alle Verhältnisse desselben angemessen – entgegen eilt. Europa ist im Laufe der Zeiten die alternde Jungfrau geworden, um die stets viel Freier geworben, von denen sie Manchen begünstigt, aber Keinen gefreit hat: Amerika aber ist das junge, in üppiger Lebenslust aufglühende Riesenweib, die treue Gattin eines jungen Riesen, der dem achtzehnten Jahrhundert entstammt, und einer blühenden Nachkommenschaft von Völkern und Geschichten entgegensieht. Die ersten Seiten der Staatengeschichte Amerika's sind mit Blut geschrieben, und zwar mit dem unschuldigen Blute der grausam von den christlichen Eroberern der Länder, vorzüglich von fanatischen Spaniern hingemordeten eingebornen Indianer. Die Geschichte dieser Eroberungen ist eine Geschichte der furchtbarsten Gräuel, und ein fühlendes Herz verfolgt ihren Lauf nur mit schauderndem Entsetzen. Und all' diese Mörder waren Christen und richteten jene Blutbäder meist um Christus willen an. Nie ist einem reinen, schönen Zwecke gräßlicherer Hohn gesprochen worden. Die Einwanderungen aus Europa[184] nahmen im achtzehnten Jahrhundert überhand, und so wie Südamerika das Colonienland Spaniens und Portugals, so wurde Nordamerika das Englands, seit 1584 die Briten dort Fuß gefaßt, und einen Länderstrich nach ihrer jungfräulichen Königin Elisabeth, Virginia (Jungfrauland) benannt hatten. Die Tochterländer– als sie Kraft genug besaßen – ertrugen den Druck der Mutterländer nicht, und schüttelten das Joch ab. So entstanden die Republiken: in Nordamerika, die der Vereinigten Staaten (1783); in Südamerika: die freien Staaten von Mejiko (1824), die Centralrepublik Colombia, die sich 1831 in drei kleinere Freistaaten: Neugranada, Venezuela und Aequator aufgelöst hat. Die Republik Chile, die Republik Peru, die Republik Bolivia, die Silberrepublik, die Republik Araucos etc. entstanden neben der einzigen Monarchie, dem constitutionellen Kaiserthum Brasilien. (S. diesen Art). Die Geschichte der einzelnen Staaten sehe man unter ihren besonderen Artikeln.

St.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 1. Leipzig 1834, S. 181-185.
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