Germania

[62] Germania, nannten die Römer die von den german. Stämmen bewohnten Länder. Seit Kaiser Augustus unterschieden sie G. superior (Oberg.) zwischen Mosel u. Rhein u. G. inferior (Unterg.) von der Mosel bis an die Rheinmündungen, und G. magna oder barbara, Groß- oder Barbarisch. Germanien, das Land ostwärts vom Rhein mit unbekannten Gränzen gegen die Sarmaten, nordwärts von der Donau bis zum nördl. Ocean, Scandinavien, das sie für eine Insel hielten, mit eingerechnet. Das Land war rauh, von Wäldern u. Sümpfen bedeckt; außer dem gewöhnl. Wilde gab es Luchse, Wölfe, Bären, Auerochsen u. Elennthiere; hercynischen Wald nannte Cäsar das waldige deutsche Mittelgebirge, das vom Schwarzwald bis Polen zieht; später unterschieden sie jedoch die einzelnen Gebirge desselben. Die Bewohner nannten sie Germanen [62] (nach Einigen ein deutsches Wort: Speermänner, nach neuerer Meinung ein celtisches: Waldbewohner, nach neuester auch ein celtisches, aber = Männer des Kriegsgeschreies). Wann die Germanen aus Asien über das östl. Europa an Weichsel, Oder, Elbe, Weser und Rhein vordrangen, ist nicht bekannt, jedenfalls erst in den letzten Jahrhunderten v. Chr. Geburt. Sie warfen die celtische Bevölkerung über den Rhein und 113 v. Chr. drangen die Cimbern und Teutonen über den Rhein bis an die Pyrenäen, wandten sich aber gegen Italien und fanden durch Marius ihren Untergang bei Aix und Vercelli. Nur ein Menschenalter später setzten sie sich unter dem suevischen Herzog Ariovist in Gallien fest, wurden aber durch Cäsar über den Rhein zurückgeworfen. Unter Augustus eroberten die Römer das ganze Alpengebirge bis an die Donauebene, welche ihre stark befestigte und wohlbesetzte Reichsgränze bildete, seitdem Augustus den bereits entworfenen Feldzug gegen die Markomannen in Böhmen aufgegeben hatte. Ebenso blieb die Rheinlinie Gränze, als nach vielversprechenden Anfängen Armin durch seinen Sieg im Teutoburgerwalde die Legionen des Varus und die röm. Niederlassungen auf dem rechten Rheinufer vernichtete. Einzelne Kriege beunruhigten wohl diese Reichsgränzen, die Römer behaupteten sie jedoch und dehnten ihre Herrschaft unter Trajan auch über das südwestl. Deutschland (Schwaben und Franken) aus, was strategische Rücksichten nothwendig machten. Um diese Zeit schrieb Tacitus seine Germania, die für uns die Hauptquelle für die Kunde des german. Alterthums geblieben ist. Nach ihm hielten sich die Germanen für ein Urvolk. das von dem Gotte Thuisko, dem erdgebornen und dessen Sohn »Mann« abstammen wollte u. sich in die 3 großen Völkerfamilien der Ingävonen (die Nordseevölker), Istävonen (die rheinländ. Völker) und Hermionen (die östl. Völker, die suevisch-gothischen) theilten. Sie betrachteten sich jedoch nie als eine Nation und machten sich durchaus kein Gewissen daraus, im Bunde mit Nichtgermanen german. Stämme zu unterjochen, selbst zu vernichten. Die Römer bewunderten ihren hohen kräftigen Wuchs, die hellblonden Haare, den trotzigen Blick ihrer blauen Augen und ihre stürmische Tapferkeit; sie lobten als german. Tugenden Keuschheit und Worthalten, als german. Laster führen sie Spielwuth, Trunk- und unbändige Händelsucht an. Ueber ihre Religion s. deutsche Mythologie. Zu jener Zeit waren durchaus nicht alle deutsche Stämme in der Cultur gleichweit vorangeschritten, daher waren auch die Einrichtungen nicht überall dieselben. Die Schilderung des Tacitus bezieht sich jedenfalls auf die Stämme, welche sich am meisten entwickelt hatten. Alles Volk theilte sich in wenige königl. und fürstl. Familien, in Adelige, Freie und Knechte. Letztere hatten kein Recht, lebten unter dem Schutze ihrer Herren, doch erträglicher als die griech. u. röm. Sklaven, weil sie eigene Wohnung u. Familie hatten; sie entrichteten ihren Herren dagegen Abgaben von den Feldfrüchten, von dem Vieh u. lieferten auch Gewebe und andere Erzeugnisse ihres rohen Handwerks. Die Kernmasse jedes Volkes bestand in den Freien, welche die Obrigkeiten wählten, in den Versammlungen die Anträge der Adeligen und Fürsten annahmen oder verwarfen, über Krieg u. Frieden u.s.w. beschlossen. Die Adeligen unterschieden sich von den Freien nur durch größeren Besitz, den Vorrang in den Versammlungen, den Vorsitz in den Gerichten u. sie waren auch die Hauptleute bei Kriegszügen. Jeder Freie gehörte, nachdem er wehrbar erklärt worden war, einer Sippe, d.h. einem Vereine verwandter Familien an, und war nun wie jeder andere Genosse verpflichtet, für dieselbe bei jedem Vorkommnisse einzustehen, u. namentlich Tödtung oder Verwundung eines Mitgliedes mit den Waffen zu rächen. Diese Ausübung der Blutrache beschränkte jedoch das Gesetz (begreiflich kein geschriebenes, sondern in der Ueberlieferung fortlebendes) dadurch, daß es eine bestimmte Sühne oder einen Loskauf der Rache (Wergeld) erlaubte. Ein Nationalkrieg konnte nur auf einen Beschluß aller Freien hin unternommen werden; diese zogen dann [63] auch aus (Heerbann) u. kämpften nach Sippen u. Gauen geordnet unter deren Häuptern. Ein Fürst konnte jedoch auf eigene Faust einen Krieg unternehmen, wenn er Freiwillige genug fand, welche ihm gegen einen Antheil an der Beute oder an dem eroberten Lande in den Krieg folgten. Reiche Fürsten hatten solche freiwillige Krieger auch in Friedenszeiten um sich (Gefolge, Geleite) und ernährten sie; natürlich hatte ein Fürst um so mehr unter seinen Stammgenossen zu bedeuten, je größer sein Geleite war. Die Germanen waren um jene Zeit bereits zu dem ansässigen Leben übergegangen; Wald und Weide, d.h. Jagd und Viehzucht, scheinen jedoch zum Lebensunterhalte mehr beigetragen zu haben, als der Acker. Städte gab es keine; nur Dörfer mit nebeneinander liegenden geschlossenen Gehöften, oder aus zerstreuten einzelnen Höfen bestehende. Die Gemeinde hatte eine gemeinschaftliche Mark; bei einzelnen Stämmen wurde jährlich das Ackerfeld, dessen Anbau an die Reihe kam, unter die Gemeindegenossen nach deren Bedarf ausgetheilt, während die Nutzung von Wald und Weide gemeinschaftlich war. Der Freie beschäftigte sich weder mit Ackerbau noch mit einer Handarbeit; beides blieb den Knechten u. Weibern überlassen; letztere spannen und woben Wolle u. Leinwand u. verstanden selbst etwas von der Färberei. Die german. Stämme waren sämmtlich arme und deßwegen raubsüchtige Barbaren, für welche das wohl angebaute, mit Dörfern und Städten übersäete röm. Gebiet unendlichen Reiz hatte; der Begierde, dasselbe auszuplündern u. in Besitz zu nehmen, konnten sie jedoch erst Folge geben, als durch innere Zerrüttung die Lebenskraft des Reiches erschöpft war. Schon Kaiser Marcus Aurelius hatte von 167–180 n. Chr. mit dem Markomannenbunde einen schweren Kampf; der Feind drohte durch die norischen Alpen in Italien selbst einzubrechen, u. obwohl er zurückgetrieben wurde, so konnte sich M. Aurelius doch Böhmens nicht bemächtigen, das zur Sicherung des Donaulandes nothwendig war. Wie die innere Auflösung des röm, Reiches fortschritt, so gewannen die Angriffe der Germanen an Nachdruck, besonders als im 3. Jahrh. sich dieselben in Waffenbündnisse vereinigten: Franken, Alemannen, Sachsen, Gothen. Zuletzt wußte die röm. Politik kein anderes Mittel, als einzelne german. Stämme als Bundesgenossen aufzunehmen und ihnen Land einzuräumen, damit sie als Gränzwächter fernere Angriffe abwiesen. So war schon ein Theil der röm. Provinzen von Germanen besetzt, als der durch Attilas Zug erregte Sturm (451) dem abendländ. Kaiserthum den letzten Stoß gab, indem nicht röm. Streitkräfte, sondern german. auf den catalaunischen Feldern die asiat. Barbaren aus dem Abendlande vertrieben. Der Kaisername wurde von deutschen Heerführern noch dem einen od. andern Römer verliehen, bis der Heruler Odoaker es für zweckdienlich fand (476) Italien unter eigenem Namen, nicht unter kaiserlichem, zu beherrschen. Damit hörte aber die Völkerwanderung noch nicht auf; denn vom Ural und dem schwarzen Meere her drängten slavische, finnische u. türkische Stämme gegen die östl. Germanen, diese wieder auf ihre Nachbarn, so daß noch über ein Jahrh. eine Völkerwoge die andere trieb, und die Vandalen bis nach dem nördl. Afrika, die Langobarden bis in das südl. Italien, die Angelsachsen bis in die schott. Gebirge gelangten. Alle german. Stämme, die sich außerhalb des eigentlichen Germaniens niederließen, gingen entweder unter (wie Vandalen, Ostgothen etc.) od. verschmolzen mit der übrig gebliebenen röm. Bevölkerung zu einer neuen Nationalität (so die Westgothen in Spanien, die Franken u. Burgunder in Gallien, später die Angelsachsen mit den franz. Normännern in England, die Langobarden in Italien; selbst Karl d. Gr., der die meisten german. Völker unter seinem Scepter vereinigte, hemmte die Romanisirung der gallischen und italien. Germanen nicht und nach seinem Tode zerfiel sein großes Reich in Italien, Burgund, Frankreich u. Deutschland, welcher Name nun allmälig aufkommt. Dieses Deutschland erreichte aber den Umfang der G. barbara nicht u. hätten die deutschen[64] nicht rückwärts nach Osten und Nordosten drückend die eingedrungenen Slaven in sich aufgenommen, so wäre Deutschland ein ziemlich beschränktes Gebiet an Rhein und Weser, von den helvet. und bayer. Alpen bis zur Nordsee geblieben (vergl. Deutschland, Alemannen, Angeln, Bayern, Franken etc.).

Quelle:
Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1855, Band 3, S. 62-65.
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