Desinfektion

[713] Desinfektion, die Vernichtung und Entfernung aller lebender Keime (Mikroorganismen), insbesondere solcher, welche die Gesundheit von Menschen und Tieren bedrohen (Ansteckungsstoffe). Der Verbreitung der die Ansteckung vermittelnden Mikroorganismen (vgl. Bakterien) arbeitet teils die Natur selbst, teils der Mensch entgegen – natürliche und künstliche Desinfektion. Die Desinfektion wird häufig mit Desodorisation, d.i. die Geruchlosmachung von Fäkalien und andern übelriechenden Flüssigkeiten oder Räumen, verwechselt. Bei letzterer findet in der Regel keine Abtötung von Mikroorganismen statt, oder sie ist nur wegen der Wahl des Mittels eine Begleiterscheinung. Bei der natürlichen Desinfektion erfolgt die Zerstörung der Infektionskeime durch thermische, chemische, thermochemische, elektrische, mechanische Wirkungen und den Boden sowie durch die Konkurrenz mit unschädlichen Organismen. – Die künstliche Desinfektion äußert sich zunächst in der Reinlichkeit. Durch die Reinigungsmethoden des Lüftens, Waschens, Wegspülens, Wegfegens u. dergl. wird die Zahl der ein Individuum umgebenden Keime wesentlich verringert: es sinkt also die Infektionsgefahr für das betreffende Individuum, aber die Krankheitskeime werden nicht zerstört, sondern zum größten Teile bloß an andre Orte verschleppt. Trotzdem ist die Reinlichkeit von großer individueller Bedeutung (Aerzte z.B. werden bei Cholera- und Typhusepidemien weniger leicht vom Munde her infiziert, weil sie sich gewohnheitsgemäß bei jeder Visite wiederholt die Hände waschen) und kann insbesondere dort, wo mehrere Menschen gemeinsam leben oder arbeiten (Fabriken), für den einzelnen zu einem höchst wirksamen prophylaktischen Mittel werden. Die Zerstörung der Ansteckungskeime erfolgt durch die Hitze, den Wasserdampf und durch die chemisch wirkenden Antiseptika.

Die Wirkung der Antiseptika ist abhängig vom quantitativen Verhältnis zwischen dem keimwidrigen Mittel und dem infizierten Materiale, von der Zeitdauer und Möglichkeit der Einwirkung wie von der Temperatur. Zur Vernichtung bereits vorhandener Keime sind größere [713] Mengen desselben Präparates notwendig als zum Schütze gegen die bloße Einwanderung der Keime (Asepsis). Ein verdünntes Mittel kann aseptische Wirkung haben, während zum vollen antiseptischen Erfolge starke Lösungen des Antiseptikums erforderlich sind. Die desinfizierende Kraft eines Mittels ist nicht allen Keimen, Substanzen, Nährböden u.s.w. gegenüber gleich stark; doch hat diese letztere Abhängigkeit der Widerstandskraft der Keime in gewissen Medien, ihre Anpassung an gewisse Antiseptika u. dergl. vorwiegend biologisches und medizinisches Interesse. Von den zahlreich empfohlenen Desinfektionsmitteln seien folgende im Gebrauch befindlichen und zur Anwendung zu empfehlenden angeführt:

1. Kupfervitriol verhindert, im Verhältnis 1 : 133 gelöst, die Entwicklung von Keimen und wirkt schon bei 0,9 : 133 fäulniswidrig. Er bewährt sich insbesondere zur Desinfektion von Fäkalien, ist aber teurer als die sicherer wirkenden Kalkpräparate und auch teurer als der zu ähnlichem Zweck benutzte Eisenvitriol, daher für Desinfektionszwecke entbehrlich.

2. Eisenvitriol: Man benötigt 2 kg, gelöst in 6 l Wasser für 1 cbm Grube, in die er praktisch erst nach deren Entleerung eingeschüttet wird. Eisenvitriol hat insbesondere eine gute desodorisierende Wirkung und bleibt außerordentlich lange wirksam.

3. Chlor wirkt in trockener Luft gar nicht; die Luft muß feucht oder dampfgeschwängert sein; Cl entnimmt dem Wasserdampfe H und bildet die wirksame Salzsäure, gleichzeitig entsteht O in statu nascendi. Chlor greift aber Metalle und Gewebe an und erregt leicht heftigen Hüften; man rechnet 0,35 kg Salzsäure und 0,25 kg Chlorkalk zur Entwicklung der für 1 cbm Luftraum benötigten Chlormenge. Einwirkungsdauer mindestens 8 Stunden. Chlor dringt nicht genügend in Kleidungsstücke, Tapeten, Wände, Spalten ein. Vernichtet manche Sporen nicht sicher. Wirkung mäßig.

4. Chlorzink ist brauchbar aber zu teuer. Dient in Lösungen von 1–8% für die aseptische Wundbehandlung.

5. Die Essenzen, die man durch die Destillation aromatischer Pflanzen unter Einwirkung von Wasser gewinnt, haben oft antiseptische Kraft; doch sind sie ziemlich teuer, so Terpentinöl; Menthol wirkt doppelt so stark als Karbol, riecht angenehm, lockt aber die Fliegen an; Thymol tötet in 1%-Lösung die Tuberkelbazillen und wirkt schon zu 0,8‰ antiseptisch; Senföl wirkt entwicklungshemmend.

6. Reine Karbolsäure (teuer), giftig, nur zu gebrauchen, wenn man kleine Mengen nötig hat. 2–3% -Lösungen töten schon alle sporenlosen, krankheitserregenden Bakterien in wenigen Minuten. Rohe Karbolsäure, 100 prozentig, muß wegen ihrer Schwerlöslichkeit in Wasser als Karbolschwefelsäure (Mischung gleicher Teile roher Karbol- und roher Schwefelsäure) in Lösung gebracht und verwendet werden. Nur zur Desinfektion von Fäkalien, Gruben, Spülwasser u.s.w. zu verwenden. Wirkt wie die reine Karbolsäure.

7. Sanatol, der Karbolschwefelsäure ähnlich, ca. 10% freie Schwefelsäure enthaltend. Wegen ihrer stark sauren Eigenschaften nur zur Desinfektion von Fäkalien, Sputum u. dergl. anzuwenden.

8. Karbolsäure, mit 20 Teilen Seifenlösung (s. unten) gemischt, dient zur Wäschedesinfektion, ferner zum Abreiben von Papier, Leder, Holz, Metallteilen, Wänden und Fußböden. – Hierher gehören auch der Abdämmung nach die bekannten Desinfektionsmittel:

9. Kreolin, nicht immer gleich von Zusammensetzung und Wirkung. Anwendung wie Karbol in verschieden starker Lösung. Auch gutes Desodorisierungsmittel.

10. Lysol, Anwendung wie Karbolsäure, in der Wirkung ihr gleich.

11. Solutol, ebenfalls.

12. Saprol, gut desodorisierende Wirkung, auch durch langsame Abgabe von Kresolen an die damit behandelten Flüssigkeiten und Körper desinfizierende Wirkung. Schwimmt auf den Flüssigkeiten und dient hauptsächlich für Desinfektion von Abort-, Jauche-, Abwassergruben. Zur Ueberschichtung werden 400 g pro Kopf und Monat empfohlen. – Erwärmt wirken alle diese Karbol- und Kreosolpräparate stärker.

13. Kalkmilch, 1 l gebrannter Kalk ist mit 4 l Wasser in bekannter Weise abzulöschen. – Zur Desinfektion nimmt man auf ungefähr 1 Teil Fäkalien u.s.w. 1 Teil Kalkmilch. Braucht etwa eine Stunde zur Wirkung. Zum Tünchen von Krankenzimmern, Begießen beschmutzten Bodens sowie der Abtrittschläuche. Frisch zu bereiten und stets vor dem Gebrauch umzurühren.

14. Chlorkalk, entweder unvermischt in Pulverform oder in Lösung, 2 Teile auf 100 Teile Wasser. Zwei gehäufte Eßlöffel voll auf 1/2 l Fäkalien u.s.w. Für verdünnte Schmutzwasser genügt weniger. Wirkung nach 15 Minuten.

15. Kaliseifelösung, 3 Teile auf 100 Teile Wasser. Für Bett- und Leibwäsche derart zu verwenden, daß solche 24 Stunden darin eingelegt werden.

16. Strömender Wasserdampf, von mindestens 105°, nur in besonderen Apparaten ausführbar (s. Desinfektionsapparate). Für Betten, Matratzen, Strohsäcke, Teppiche, Wäsche, Kleider, Gardinen und ähnlichen Hausrat.

17. Siedehitze, Kochen mit siedendem Wasser für Wäsche mindestens 1 Stunde hindurch.

Von diesen hat die Reichs-Cholerakommission 8., 13., 14., 15., 16. und 17. als, besonders leicht zu beschaffende bezw. anzuwendende billige Desinfektionsmittel empfohlen. Außerdem gibt es noch folgende Desinfektionsmittel, deren Verwendung dem Fachmann vorbehalten bleibt: Sublimat, hat stark antiseptische Kraft. Es sind 1‰-Lösungen imstande, durch Betupfen alle Keime in wenig Minuten zu töten. Da das Mittel so rasch wirkt, so braucht es nur kurze Zeit auf dem Objekte belassen zu werden, worauf dann gut abgespült wird, so daß an dem Objekte kein Gift haftet. Eine 5%-Karbollösung ist ebenso giftig wie eine 11/2‰-Sublimatlösung, aber nicht so wirksam. In Eiweißlösungen wirkt das Sublimat weniger gut, weil es Koagulation bewirkt und so die Diffusion vermindert wird. In solchen Medien empfiehlt sich[714] eine 5‰-Lösung von Weinsteinsäure als Zusatz. – Sodalösungen von 1% wirken gegen Tierseuchen (Schweinepest, Hühnercholera); 7%-Lösungen haben sich bei Rotzkrankheit (Malleus) des Menschen und der Tiere bewährt. – Lauge (2 : 1) kann im Notfalle auch verwendet werden; eine 24stündige Einwirkung macht frische Stühle unschädlich. – Ferner Brom, Jod, Arsenik, Kaliumpermanganat (5 prozentig), Eisenchlorid, Mineralsäuren, Metallsalze, Alaun, Chromsäure, Xylol, Formalin bezw. Formaldehyd, letzteres zusammen mit Wasserdampf insbesondere für die Wohnungsdesinfektion in besonderen Apparaten (s. Desinfektionsapparate). Auch die als Konservierungsmittel bekannten Körper wie Borax, Borsäure, Salizylsäure sind hierher zu zählen.

Da, wie oben gesagt, die einzelnen Desinfektionsmittel nicht gleichmäßig auf alle Keime wirken und überdies technische und Rücksichten des Geldpunktes nicht jedes Antiseptikum zur Desinfektion aller Gegenstände geeignet machen, bedarf es besonderer Desinfektionsmethoden für spezielle Fälle. Diese betreffen 1. den Menschen selbst und 2. seine Auswürfe; 3. Wohn- und Arbeitsräume; 4. Luft; 5. Wasser; 6. Kleidungsstücke (Bettwäsche u.s.w.).

1. Desinfektion des menschlichen Körpers. Auf der Oberfläche des Körpers finden sich konstant Mikroben, die allerdings der Mehrzahl nach harmloser Natur sind. Besonders pilzreich sind die Räume zwischen den Fingern und Zehen, die Achselhöhle, das Ohrenschmalz. Durch die Berührung mit infizierten Personen oder Dingen geraten leicht Krankheits- (pathogene) Keime auf die Haut. Hier nutzt zunächst das Baden, das Seifen und Waschen. Hat man aber Grund, anzunehmen, daß die Hände infiziert seien, so kann man nach Beschneidung der Nägel und Reinigung des Nagelfalzes die Hände in möglichst heißer Kaliseifenlösung sorgfältig bürsten, mit absolutem Alkohol befeuchten und dann 11/2 Minuten in 1‰-Sublimatlösung tauchen. – Zur Desinfektion der Körperhaut eignen sich noch 1‰-Thymol- und 2/10‰ -Naphthollösungen. Weist die Haut Aufschürfungen, offene Wunden u. dergl. auf, so empfiehlt es sich (zumal in der Umgebung von Personen, die mit eiterigen Wunden, Syphilis, Tuberkulose behaftet sind), die wunden Stellen wiederholt mit Sublimat (1‰) zu waschen und darauf Salizylpflaster zu kleben. Es sei nochmals betont, daß die meisten Infektionen vom Munde her erfolgen; daraus folgt, daß niemand etwas esse, bevor er sich die Hände gewaschen hat. Aus dem gleichen Grunde wird die ohnehin höchst nötige Desinfektion der Mund- und Rachenhöhle dort, wo mehrere Menschen gemeinsam wohnen oder arbeiten, zu einem Gebote der Notwendigkeit. Für den Massengebrauch eignet sich die 5‰-Lösung des Kaliumpermanganats oder die 2% des chlorsauren Kalis (giftig!), dann die (übelriechende) 2%-Karbollösung, 11/2%-Senföllösung. Auch zum Gurgeln und Bürsten der Zähne, eignet sich die 11/2‰ Kaliseifenlösung.

2. Desinfektion der menschlichen Se- und Exkrete. Hierbei pflegte man sich den größten Illusionen hinzugeben. Ganze Ausgüsse, Kanäle, Senkgruben u. dergl. zu desinfizieren ist kaum möglich; man benötigte hierzu große Mengen von antiseptischen Stoffen und gewisse Vorrichtungen, die bewirkten, daß der ganze Abortinhalt mit dem Desinfektionsmittel in Berührung käme (s. Kläranlagen). Eine wirksame Desinfektion wird man daher nur dann erzielen, wenn man die Abfallstoffe in dem Momente desinfiziert, wo sie abgesetzt werden, bezw. wenn die Ablagerung auf eine antiseptische Schicht bewerkstelligt wird. Die Kotmasse macht man keimfrei mit Karbol, Eisenvitriol, Sublimat, Kupfervitriol. Seit 1890 verwendet man auch allenthalben, angeregt durch die Arbeiten von Blasius und Hildebrand, Torfmull als Antiseptikum für Aborte. Der trockene Torfmull besitzt mehrere für die Desinfektion und Fäkalbindung wichtige Eigenschaften; er zieht Feuchtigkeit gierig an sich und bindet 14 kg derselben pro 1 kg; er wirkt durch seinen Gehalt an Humussäure antizymotisch, jedoch nicht antiseptisch. – Große Aufmerksamkeit ist der Desinfektion des Auswurfes zuzuwenden. Eingetrockneter Auswurf verstaubt alsbald und bringt so seine Keime in die Luft, was dann zu Inhalationsinfektion Anlaß gibt. Es muß daher in privaten sowie öffentlichen Räumen strenge darauf gesehen werden, daß nur in Speinäpfe ausgespuckt werde. Die Speinäpfe müssen aus leicht zu reinigendem glattem Material sein, das Hitze und Säure verträgt (Steingut). Zur Füllung derselben dienen mit antiseptischen Lösungen befeuchtete Sägespäne, die allabendlich verbrannt und frisch ersetzt werden. In neuerer Zeit plädiert man für die Füllung der Speinäpfe mit antiseptischen Flüssigkeiten, allein dies hat nur in solchen Räumen Sinn, wo (wie in Spitälern) die Gefahr des Umschüttens, also der flächenhaften Ausbreitung von Keimen, nicht zu fürchten ist. – Sand verstaubt, ist also ungeeignet! Da man im Auswurfe vorzüglich die Tuberkelbazillen töten will, so muß man starke Antiseptika anwenden: 1‰-Sublimatlösung. Die Speinäpfe bedürfen zur Desinfektion des 10 Minuten dauernden Auskochens bei 110°.

3. Desinfektion von Räumlichkeiten. Nachdem der Fußboden des Zimmers gut mit 5%-Karbollösung angefeuchtet ist, werden die Tapeten bezw. gestrichenen Wände mit Brot trocken abgerieben, polierte und geschnitzte Möbel, Bilder mit Rahmen, Metall- und Kunstgegenstände werden mit trockenen Lappen sorgfältig gescheuert. Von den Wandflächen, die mit Auswurfstoffen Kranker besudelt sind, müssen Tapeten bezw. Anstrich nach Anfeuchten mit 5%-Karbollösung durch Abkratzen in entsprechender Ausdehnung entfernt werden. Fußböden, Türen, Fenster, unpolierte Holzverkleidungen sind mit 5%-Karbollösung sorgfältig abzureiben, eventuell läßt man auch in die Fugen der Dielen Karbol einziehen. Nach erfolgter Desinfektion wäscht man mit reinem Wasser nach. Das zum Abreiben verwendete Brot bezw. die Lappen werden verbrannt. Nachdem so jeder Gegenstand gereinigt und desinfiziert ist, lüfte man den Raum durch mehrere Tage im Zugwinde. – Eine besondere Art der Desinfektion von Räumen ist die Räucherung; hierüber s. Punkt 4.

4. Desinfektion der Luft. Die Luft im Freien läßt sich nicht desinfizieren, daher sind die ehemals gebräuchlichen Seuchenfeuer nutzlos. In geschlossenen Räumen nutzt möglichst häufiges Lüften und Entfernung der verseuchten Gegenstände am meisten; oft besteht die große[715] desinfizierende Wirkung des Karbols nur darin, daß es luftscheue Menschen seines Übeln Geruches wegen veranlaßt, ordentlich zu lüften. In Frankreich und England sind die Räucherungen noch sehr beliebt und werden zur Desinfektion der Luft und der Räume benutzt. Ueber die Wirkung der schwefligen Säure und von Chlor vgl. das oben Gesagte. Man rechnet pro 1 cbm Rauminhalt 40–50 g Schwefel. Diesen teilt man in kleine Portionen, die man auf Ziegelsteinen gleichmäßig im Zimmer verteilt und etwas mit Spiritus befeuchtet. Nach dem Entflammen schließt man das Zimmer ab und läßt es 24 Stunden geschlossen. (Metallgegenstände sind zu entfernen oder einzufetten.) S.a. Chlor. Formalin: Einwirkungsdauer in den mittels Watte oder Putzwolle abgedichteten Räumen (Türritzen, Schlüssellöcher, Fensterritzen) mindestens 6 Stunden. Vgl. Desinfektionsapparate.

5. Desinfektion des Wassers. Die Desinfektion des Spülwassers fällt mit der der Exkremente zusammen, die des Trinkwassers durch Salze ist veraltet; vgl. Filtration.

6. Desinfektion von Leib- und Bettwäsche, Kleidung. Schuhe und Pelzwerk, die nicht durch Hitze sterilisiert werden können, ohne daß sie Schaden nehmen, wasche man mit Sublimat oder behandle sie mit Formalindampf. Sonstige Effekten müssen durch Hitze sterilisiert werden, wenn man sie weiter gebrauchen soll. Hierbei sei man aber nicht zu kleinlich und verbrenne lieber wertlose Sachen (Bettstroh) oder Dinge von geringem Werte (stark abgenutzte, zerrissene Kleidungsstücke). Hat man keine Sterilisationsanstalt in der Nähe, so koche man die Gegenstände in Sodalösung gut aus. Für Dampf- und Hitzedesinfektionsanstalten gibt es verschiedene Prinzipien. Die älteren Anstalten sterilisierten mit heißer Luft, z.B. in Foodstreet-Liverpool, wo vier Kammern, aus Gußeisen konstruiert, in kleinen Entfernungen nebeneinander liegen, so daß zwischen den Wänden heißer Dampf zirkuliert; oder in Birdstreet-London, wo die Wände aus Backstein, die Türen aus Eisen und der Boden durchbrochen ist, so daß von unten her heiße Luft eindringt, oder in der Charite-Berlin, wo in den Doppelmantel eines zur Aufnahme der Kleider dienenden Zylinders heißer Dampf geleitet wird. Nachdem M. Wolff dargetan hat, daß heiße Luft Zweifelhafte Resultate ergibt, daß aber strömender Wasserdampf binnen wenigen Minuten (in nassen Gegenständen allerdings erst binnen zwei Stunden) alle Keime sicher tötet, daß außerdem Dampf die Gewebe weniger angreift als heiße Luft, hat man die Desinfektion in strömendem Dampfe eingeführt (s. Desinfektionsapparate).

Ueber die Desinfektion von Tierhaaren, Borden u. dergl., die aus dem Auslande kommen, gibt § 2 des Reichsgesetzes vom 22. Oktober 1902 Auskunft. Die Desinfektion muß nach Wahl des Betriebsunternehmers geschehen, entweder

a) durch mindestens halbstündige Einwirkung strömenden Wasserdampfes bei einem Ueberdruck von 0,15 Atmosphären, oder

b) durch mindestens viertelstündiges Kochen in 2%-Kaliumpermanganatlösung mit nachfolgendem Bleichen mittels 3–4prozentiger schwefliger Säure, oder

c) durch mindestens zweistündiges Kochen in Wasser.


Literatur: Lehrbücher der Arzneimittellehre von Bernatzik-Vogl, Husemann, Möller, Cloetta-Filehne, Binz; Bocquillon-Limousin, Formulaire des médicaments nouveaux, Paris 1894; Mitteilungen aus dem Kais. Gesundheitsamte, I, S. 271; Blasius und Hildebrand, Desinfektion durch Torfmull, Wien 1890; Wilson, G., Handbook of Hygiene, 1894; Virchows Archiv 102; Handbuch der Hygiene, Jena 1900, 9. Bd.; Bujard-Baier, Hilfsbuch für Nahrungsmittelchemiker, Berlin 1900; Chaplewsky, Desinfektion, 1904; v. Esmarch, Hygien. Taschenbuch, Berlin 1898.

(Bryk) Bujard.


Desinfizierende Wirkung der Anstrichfarben. Eine desinfizierende Wirkung kommt, nach von berufener Seite durchgeführten Versuchen, nur den Leinöl- (Hanf-, Mohn- u.s.w. Oel) firnissen, nicht aber den Email- (Lack-) farben zu, während Leim- und Wasserfarben eher das Leben von Bakterien befördern. Die Emailfarben sind wohl keine Pflanzstätte für Bakterien vermöge ihrer großen Glätte und der leichten und sicheren Reinigung, aber wirklich desinfizierend wirken nur Oelfarben, und zwar vermöge ihres Wasserstoffsuperoxydgehaltes, der sich bei der fortschreitenden Veränderung des Oeles auch in trockenem Zustand bildet. Noch nach drei Jahren hat man in mit Firnis überzogenem Papier Wasserstoffsuperoxyd mittels Jodkalium nachgewiesen.

Andés.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 2 Stuttgart, Leipzig 1905., S. 713-716.
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