Insektenfressende Pflanzen

[864] Insektenfressende Pflanzen (Insektivoren, fleischfressende Pflanzen; hierzu Tafel »Insektenfressende Pflanzen«), eine Gruppe von Gewächsen, hauptsächlich aus den Familien der Droserazeen, Utrikulariazeen, Sarraceniazeen und Nepenthazeen, die Insekten und ähnliche Tiere einfangen und sie unter Ausscheidung eines Ferments teilweise auflösen. Die erste Nachricht über eine derartige Pflanze wurde 1769 von dem amerikanischen Naturforscher Ellis in einem Brief an Linné gegeben und betraf die Venusfliegenfalle (Dionaea), die in ihren bei Berührungen lebhaft zusammenklappenden, gewimperten und borstigen Blättern Insekten fängt und aussaugt. Diderot legte ihr bereits den Namen einer »fleischfressenden« Pflanze (une plante presque carnivore) bei. Ein ähnliches Verhalten beobachtete Roth 1782 an den Sonnentauarten (Drosera) unsrer Torfwiesen, deren Blätter reichlich mit schleimaussondernden Drüsen bedeckt sind und sich ebenfalls, wenn auch langsamer, um das gefangene Insekt schließen. Obwohl nun diese und spätere Beobachter behauptet hatten, daß die genannten Droserazeen die Insekten oder auch auf die Blätter gelegte Fleischstückchen vermittelst der[864] ausgeschiedenen Säfte auflösen und verdauen, erregte diese Ansicht ein allgemeines Aufsehen doch erst, nachdem Darwin eine Reihe systematischer Beobachtungen und Versuche an diesen Pflanzen begonnen und deren Ergebnisse gelegentlich in Abhandlungen sowie 1875 in einem besondern Buch veröffentlicht hatte. Gegenwärtig kennt man ca. 350 Arten insektenfressender Pflanzen aus 15 Gattungen, von denen Repräsentanten fast in keinem Florengebiete der Erde fehlen. Die dem Tierfange dienenden Einrichtungen der insektenfressenden Pflanzen treten als Klappfallen, Leimruten oder Fallgruben auf, und man kann danach Schließfänger, Drüsenfänger und Schlauchfänger unterscheiden. Zu der ersten Kategorie gehört die in den Moorgründen von Nord- und Südcarolina einheimische Dionaea muscipula, die eine grundständige Rosette von 5–6 reizbaren Blättern trägt; oberhalb des geflügelten Blattstiels steht eine Blattfläche, gebildet aus zwei beweglichen Hälften, die um die Mittelrippe wie um ein Scharnier zusammenklappen können, wobei die steifen Randborsten wie die Finger zweier zusammengefalteter Hände ineinander greifen. Diese Bewegung erfolgt fast momentan, sobald eine der drei auf jeder Blatthälfte oberseits stehenden langen Haarborsten berührt wird. Geschieht dies durch ein Insekt oder einen andern eiweißhaltigen Körper, so bleibt das Blatt geschlossen, bis etwa nach 4–6 Tagen die Eiweißsubstanzen des gefangenen Körpers gelöst und resorbiert sind. Dann breitet es sich wieder zu neuem Fang aus. Einfacher ist die Fangvorrichtung bei der wasserbewohnenden, durch Mittel- und Südeuropa sporadisch verbreiteten, auch in Ostindien und Australien vorkommenden Aldrovandia vesiculosa, die, wie auch Dionaea, zu der Familie der Droserazeen gehört. Ihre frei im Wasser schwimmenden Stengel tragen quirlig gestellte, von 4–5 Borsten umgebene Blätter, deren halbkreisförmige Blattflächen in der Mitte scharf zusammengeklappt sind und mit ihren eingebogenen Rändern übereinander greifen. Die Reizbarkeit dieser Teile zeigt sich darin, daß in warmem Wasser die Klappen sich öffnen und bei Berührung der auf der Blattfläche stehenden zarten Borsten sich ruckweise schließen. In den Fangklappen der Aldrovandia werden kleine Krustazeen (Daphnia, Cyclops, Cypris) sowie auch Insektenlarven gefangen und tagelang eingeschlossen gehalten.

Zu den Drüsenfängern gehören unsre einheimischen, zwischen Torfmoosen wachsenden Drosera-Arten. Die kleinen, mit sehr schwachen Wurzeln versehenen Pflänzchen von Drosera rotundifolia haben eine grundständige, braunrot gefärbte Blattrosette, aus deren Mitte der Blütenstengel sich erhebt; jedes Blatt trägt auf einem 2–5 cm langen Stiel eine fast kreisrunde Blattfläche von ca. 1 qcm Oberfläche, deren Oberseite und Rand mit roten, stielartigen, am Ende ein glänzendes Köpfchen tragenden Drüsen (Tentakeln) dicht besetzt sind. Sie sind im ungereizten Zustand gerade ausgestreckt und sondern aus dem Drüsenköpfchen schleimige Tropfen aus, die der Pflanze den Namen Sonnentau verschafften. Sobald ein kleines Insekt mit dem Schleim in Berührung kommt, bleibt es daran hängen, es gerät bei seinen Befreiungsversuchen mit immer mehr Klebdrüsen in Berührung und stirbt nach Verlauf kurzer Zeit. Zugleich beginnen die Tentakeln sich an ihrem Stiel so zu krümmen, daß der Insektenkörper schließlich ganz von Drüsenköpfen umgeben und von dem abgesonderten Schleim eingehüllt wird. Nach der Auflösung und Resorption der Eiweißstoffe breitet sich das Blatt wieder aus. – Eine viel einfachere Fangeinrichtung als die eben geschilderte besitzen die einheimischen Pinguicula-Arten aus der Familie der Utrikulariazeen. Bei ihnen ist eine dem Boden aufliegende Rosette zungenförmig gestalteter breiter Blätter vorhanden, die aus zahlreichen Drüsen eine klebrige Flüssigkeit aussondern. Insekten oder auch kleine Eiweiß- und Fleischstückchen veranlassen auf der Blattfläche lebhafte Sekretion sowie auch eine langsame Einrollung der Blattränder nach oben. Einige ausländische Verwandte von Drosera, wie das in Portugal einheimische und dort in Bauernwohnungen als Leimstange zum Fliegenfang benutzte, strauchige Drosophyllum lusitanicum, die südafrikanische Roridula dentata und die australische Byblis gigantea, gehören ebenfalls zu den Drüsenfängern.

Den Typus der Schlauchfänger stellen in unserer einheimischen Flora die Utricularia-Arten dar, wurzellose, schwimmende Wasserpflanzen mit fiederförmig verästelten Zweigen, an denen kleine, linsen- oder erbsenähnliche, aus umgestalteten Blattzipfeln hervorgegangene Blasen sitzen. Letztere tragen an ihrem mit einer Öffnung versehenen obern Ende eine Verschlußklappe, die einem beweglichen kleinen Körper wohl den Zutritt von außen, aber nicht den Austritt von innen her gestattet. In diese Falle werden vorzugsweise kleine Krustazeen gelockt, die sich tagelang darin umherbewegen und schließlich zersetzt werden. Ausländische Utrikulariazeen, wie die australische Gattung Polypompholyx und die im tropischen Amerika einheimischen Arten von Genlisea, besitzen ähnliche Schläuche, deren Bau einer Fischreuse gleicht. Ganz ausgezeichnete Fallgruben besitzen die schon seit den Zeiten Linnés bekannten Kannenträger (Nepenthes), deren Arten die Sumpfgegenden des tropischen Asien, vor allen die des Indischen Archipels, Ceylon, die Philippinen, Neukaledonien und Neuguinea, die Seschellen und Madagaskar bewohnen. An ihren kletternden Blattstielranken stehen hohe, bisweilen 1/3 m lange, krugförmige Erweiterungen, deren ringförmigem Rand ein seitlicher Deckel aufsitzt; der dicke Ring der Krugmündung sowie die Unterseite des Deckels sind mit zahlreichen Honigdrüsen besetzt, die im Verein mit auffallender Färbung der sie tragenden Teile der Anlockung von Insekten dienen. Im Innern des Kruges gleiten die angelockten Kerbtiere an einer glatten Fläche hinab, um im untern Teil der Behälter in eine Flüssigkeit zu geraten, die von zahlreichen an der Schlauchwandung befindlichen Verdauungsdrüsen abgesondert wird. Ähnliche Verhältnisse kehren auch bei den amerikanischen Sarraceniazeen wieder; die sumpfbewohnenden, vorzugsweise in Virginia einheimischen Arten von Sarracenia besitzen offene oder geschlossene Schläuche mit kleiner, zungenförmiger Blattfläche, während die in den Bergen Kaliforniens wachsende Darlingtonia trompetenförmige, an jungen Pflanzen nach oben gekehrte, an ältern nach unten gewendete Krüge mit gespaltenem Deckel aufweist; die Schläuche der Sarracenien besitzen an der innern Seite des Deckels eine Drüsenzone mit starker Nektarabsonderung, durch die Insekten angelockt werden; dann folgt eine dem Insektenfuß gefährliche Gleitzone, hierauf eine das Herauskriechen der gefangenen Tiere verhindernde, mit Reusenhaaren besetzte Zone und zuletzt ein Raum mit glatter Wandung. Auch die in Venezuela einheimische Heliamphora und die australische Gattung Cephalotus, mit prachtvoll gefärbten und wie bei[865] manchen Sarracenien auch »gefensterten« Kammern, gehören zu den Schlauchträgern.

Die Art und Weise, wie die durch den Tierfang gewonnene organische Nahrung dem Pflanzenkörper zugänglich wird, ist bei den einzelnen insektenfressenden Pflanzen verschieden. Bei Sarracenia, Darlingtonia und Cephalotus wird die Zersetzung der tierischen Substanzen durch Bakterien bewirkt; die dadurch gebildeten resorbierbaren Stickstoffverbindungen werden durch die Blattdrüsen aufgenommen. Die Utrikularienblasen enthalten ebenfalls Bakterien; ob aber durch dieselben die Zersetzung der Tierleichen ausschließlich bedingt wird, erscheint zweifelhaft; eine Aufnahme organischer Stoffe durch die Haare der Blasen findet zweifellos, und zwar in Form von Fett, statt. Pinguicula verdaut nicht durch Bakterien, sondern durch ein nur in geringer Menge abgesondertes Enzym, das die Eiweißstoffe löslich und für die Blattdrüsen resorbierbar macht. Auch in den Nepenthes-Kannen wird infolge eines durch Eiweißsubstanzen ausgeübten Reizes ein Verdauungssekret abgeschieden, das die Stickstoffnahrung zur Aufnahme durch die Kannendrüsen vorbereitet. Experimentell steht die peptonisierende, d. h. Eiweiß (Fibrin) lösende Eigenschaft des sauer reagierenden Drüsensekrets der übrigen insektenfressenden Pflanzen, wie Drosophyllum, Drosera und Dionaea, unzweifelhaft fest; auch wurde durch neuere Kulturversuche, z. B. von Büsgen, endgültig bewiesen, daß die gefütterten Pflanzen den ungefütterten an Vegetationskraft, Zahl der Blütenstände, Kapseln und Samengewicht bedeutend überlegen sind. Anderseits sind die insektenfressenden Pflanzen nicht ausschließlich auf die durch den Tierfang gewonnene Nahrung angewiesen. Sie können sich auch ungefüttert jahrelang erhalten. Vgl. Ellis, De Dionaea muscipula (deutsch von Schreber, Erlangen 1771); Roth, Von der Reizbarkeit des sogen. Sonnentaues (Brem. 1782); Darwin, Insektenfressende Pflanzen (deutsch von Carus, Stuttg. 1876); Drude, Die insektenfressenden Pflanzen (in Schenks »Handbuch der Botanik«, Bresl. 1881); Bouché, Die insektenfressenden Pflanzen, Beitrag zur Kultur derselben (Bonn 1884); Goebel, Die Insektivoren (in den »Pflanzenbiologischen Schilderungen«, 2. Teil, Marb. 1891–93).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 864-866.
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