Militärtelegraphie

[831] Militärtelegraphie, Telegrapheneinrichtungen, die in der Regel nur für die Sonderzwecke des Militärs, meist jedoch im Anschluß an die allgemein zugänglichen Staatstelegraphen, teils schon im Frieden bestehen, teils erst im Kriegsfall in Wirksamkeit treten. In ausgedehnten Garnisonen unterhalten die Militärverwaltungen bereits im Frieden zur Verbindung der Kommandostellen, Kasernen, Depots etc. eigne Telegraphennetze, deren Stationen. durch im Telegraphendienst ausgebildete Soldaten bedient werden. Für die Festungs telegraphie werden unterirdische Stationen in den einzelnen Werken, Forts etc. hergestellt und mit der Zentralstation, meist in der Kommandantur, durch unterirdische Kabel verbunden. Zur M. im weitern Sinne gehören auch die Küstentelegraphen sowie die Einrichtungen der Marine und der Luftschiffer zum Verkehr mittels drahtloser Telegraphie. Der ausgedehnteste Zweig der M. ist die Kriegstelegraphie im engern Sinne, d. h. die telegraphische Nachrichtenübermittelung von, nach und zwischen den einzelnen Teilen mobiler Armeen. Beim Aufmarsch einer Armee dienen naturgemäß zunächst die im Heimatlande vorhandenen Telegraphen den Zwecken der M. Mit dem Vormarsch in Feindesland beginnt die Tätigkeit der Feldtelegraphie, die unter Verwendung mitgeführten Materials, wie dünner Kabel und Drähte, sogen. fliegende Verbindungen herstellt oder die vom Feinde zerstörten Leitungen provisorisch instand setzt. Die der Feldtelegraphie folgende Etappentelegraphie ersetzt die provisorischen Verbindungen durch endgültige aus haltbarem Material und bewirkt den festen Zusammenschluß mit dem heimatlichen Telegraphennetz. Im Aufklärungsdienste, zur Verbindung mit Vorposten sowie zur Befehlsübermittelung im Gefechte dient der noch schneller und leichter herstellbare Kavallerietelegraph. Als Empfangsapparat verwendet die M. meist den Morseapparat und das Telephon, die den Anforderungen des Krieges entsprechend handlich gebaut sind. Optische Telegraphie durch Flaggensignale oder Winken kann wegen der Terrainschwierigkeiten nur selten angewendet werden, dagegen wird in den Kolonien häufig der Heliograph benutzt. Die Privaten und Gesellschaften gehörigen Telegraphen einschließlich der Fernsprechanlagen können nach den Beschlüssen der Haager Friedenskonferenz vom 29. Juli 1899, vorbehaltlich der Entschädigungsregelung beim Friedensabschluß, für die M. mit Beschlag belegt werden. Die Militärstaaten haben mit wenigen Ausnahmen schon im Frieden Telegraphentruppen formiert. Offiziere und Mannschaften, namentlich der Kavallerie, werden, soweit erforderlich, in Militärtelegraphenschulen ausgebildet. In Frankreich wird seit 1900 die M. von aktiven Telegraphentruppen, deren Telegraphisten im Telegraphistenbataillon ausgebildet werden, und von den technischen (Zivil-) Telegraphenabteilungen wahrgenommen; die Beamten der letztern stehen innerhalb der Operationszone unter Militärgewalt. In England werden die Offiziere und Mannschaften des Telegraphenbataillons, soweit sie nicht bei den Kabel- und Luftleitungssektionen in Aldershot sind, in London im Reichstelegraphendienst beschäftigt. Rußland hat 17 Militärtelegraphenparke und 4 Festungstelegraphensektionen mit mehreren Telegraphenschulen. Das Personal der Feldtelegraphie der Vereinigten Staaten von Amerika führt die Bezeichnung Signal Corps, das unter anderm auch die Telegraphenlinien in den unwirtlichen Gegenden Alaskas hergestellt hat. In Deutschland wurde der[831] enge Zusammenhang zwischen M. und Reichstelegraphie 1877 durch die Einrichtung der Inspektion der M. in Berlin gelockert. 1899 trat an Stelle dieser Inspektion unter Loslösung der M. vom Ingenieurkorps die Inspektion der Verkehrstruppen, der nunmehr die Inspektion der Telegraphentruppen unterstellt ist. Es wurden drei Telegraphenbataillone in Berlin, Frankfurt a. O. und in Koblenz gebildet. Dem 1. Telegraphenbataillon, dessen 3. Kompanie die sächsische Telegraphenkompanie ist, wurde die Kavallerietelegraphenschule und das württembergische Telegraphendetachement zugeteilt und 1905 eine Funkentelegraphenabteilung angegliedert, so daß die Telegraphentruppe an Stelle der Luftschiffer die Funkentelegraphie im Interesse des Heeres weiter zu entwickeln hat. Bayern bildete ein Telegraphenbataillon (München) mit der Kavallerietelegraphenschule. Für den Verkehr der in den Kolonien Krieg führenden Truppen mit der Heimat hat die deutsche Reichspost an Stelle des teuern Privattelegramms das billigere Feldtelegramm eingeführt. Der Name jedes Soldaten und die von ihm bestimmte Heimatadresse sind in Berlin unter einer Telegraphennummer gebucht, häufig vorkommende Nachrichten haben eine Schlüsselnummer (s. Geheimschrift, S. 465). Statt beider Nummern wird ein verabredetes Wort, von Offizieren für 6 Mk., von Mannschaften für 3 Mk., gleichviel, wie hoch die eigentliche Telegrammgebühr ist, mit gleichartigen andern Worten in einem Sammeltelegramm telegraphiert und nach Dechiffrierung beim Haupttelegraphenamt in Berlin an die Empfänger weiterbefördert. In Österreich ist die Telegraphentruppe mit der Eisenbahntruppe gemeinschaftlich organisiert in dem Eisenbahn- und Telegraphenregiment (3 Bataillone). Die Schulung der Feldtelegraphisten besorgt die beim Regimentsstabe befindliche Telegraphenschule, in Tulln und Budapest existieren Kavallerie- und Infanterie-Telegraphenkurse für Offiziere und Unteroffiziere. Der Telegraphenersatzkader bildet den Stamm für die im Krieg aufzustellenden Feldtelegraphenformationen, der Kader für Festungstelegraphenabteilungen denjenigen für die Festungsformationen. Verantwortlich für das Material ist die Telegraphenmaterial-Verwaltungskommission. Im Krieg hat das Generaletappenkommando den Chef des Feldtelegraphenwesens, jedes Armeeoberkommando eine Feldtelegraphendirektion, die Heeresleitung, jede Armee und jedes Korps eine Feldtelegraphenabteilung; ferner existieren Gebirgstelegraphenabteilungen und Feldsignalabteilungen für den Gebirgs- und Festungskrieg. Vgl. v. Fischer-Treuenfeld, Die Fortentwickelung der deutschen Feldtelegraphie (Berl. 1892); Renesse, Der Militärtelegraphist (das. 1890).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 831-832.
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