Buch VIII

Zusammentreffen der Verhältnisse

[221] Die Überschrift »Ho Fu« heißt wörtlich: zusammenpassende »Fu«. Fu sind eigentlich zwei ineinanderpassende Siegelhälften, die nur zusammen einen Sinn gaben und als Erkennungszeichen dienten.[221]

Im Yin Fu Ging, dem »Buch von der verborgnen Siegelhälfte« (vgl. Einl.) ist der Ausdruck bildlich verstanden von der zum Verständnis der irdischen Verhältnisse notwendigen geheimen Ergänzung der Lehre. Der Titel dieses Buches ist offenbar im Hinblick auf den Yin Fu Ging gewählt. Die Überschrift bezieht sich darauf, daß im Lauf des Buches eine ganze Anzahl von eigenartigen Verhältnissen geschildert werden, die, je nachdem man sich ihnen anzupassen vermag, Erfolg oder Mißerfolg mit sich führen. Das Buch bringt zunächst von Abschnitt 1-6 einen Nachtrag zu den Liä Dsï-Erzählungen. Dann kommen eine Reihe einzelner Beispiele über die Macht der Verhältnisse von Abschnitt 7-21, von Abschnitt 22-25 wieder Erzählungen und Äußerungen von Yang Dschu, von 26 bis zum Schluß eine Anzahl kleinerer Geschichten in mehr oder weniger engem Zusammenhang mit dem Hauptthema des Buchs.


1 Dieser Abschnitt führt uns Liä Dsï in der Unterhaltung mit seinem Meister Hu Kiu Dsï Lin vor. Was man vom Schatten lernen kann, ist die Wahrheit, die im Taoteking durchgehend verkündigt ist: daß wer sich hinten hält, vorne weilt. Im Anschluß daran eine Unterredung mit Guan Yin Hi, in der das Schicksal und der Name des Menschen als Echo und Schatten seiner eignen Reden und Taten bezeichnet wird – im denkbar striktesten Gegensatz zu dem, was im letzten Buch von Yang Dschu in dieser Beziehung gesagt wurde.

Tang ist der Begründer der Schang- oder Yin-Dynastie, der den Tyrannen Giä vom Throne stieß.

Wu ist der erste König der Dschou-Dynastie, der den Tyrannen Dschou Sin von der Yin-Dynastie beseitigte.

Zu dem Satz: »Wer Messen und Richten beides versteht, aber ohne den SINN, der gleicht einem Menschen, der hinausgehen wollte, aber nicht durch die Tür« vgl. Lun Yü VI, 15.

Der König von Yü ist Schun, der auch den Titel Yu Yü führte. Das chinesische Zeichen ist von dem Zeichen »Yü« des großen Yü verschieden.

Hia ist die von dem großen Yü begründete Dynastie, Schang die von dem vorhergenannten Tang begründete Dynastie und Dschou die von den Königen Wen und Wu begründete Dynastie.


2 Unterredung des Meisters Liä Dsï mit seinem Schüler Yän Hui (nicht zu verwechseln mit dem Lieblingsjünger Kungs. Die chinesischen Zeichen sind verschieden, nur der Laut stimmt überein).

Die Verurteilung des brutalen Kampfes ums Dasein als menschenunwürdig steht im strikten Gegensatz zu Yang Dschu.


[222] 3 Liä Dsï lernt das Bogenschießen bei Guan Yin Hi. Die Erzählung scheint eine Parallele zu II, 5, nur daß dort Be Hun Wu Jen der Lehrer ist. Vgl. auch die Geschichte zwischen Gi Tschang und Fe We V, 15.


4 Zum Schluß des Abschnittes vergleiche Lun Yü I, 16.


6 Vgl. Dschuang Dsï XXVIII. Eine der wenigen Stellen, die etwas aus der Lebensgeschichte Liä Dsïs enthalten.

Die Ermordung des Ministers Dsï Yang von Dscheng, der hier erwähnt ist, fällt in das dritte Jahr des Königs An von der Dschou-Dynastie (399). Daraus würde folgen, daß Liä Dsï ungefähr um 450 v.Chr. geboren sein muß, wenn man die Zeitangaben von I, 1 mit heranzieht.


7 Die beiden Familien aus Lu und ihre Schicksale sind nur von allegorischer Bedeutung. Es handelt sich nicht um historische Tatsachen. Nur daß die beiden Staaten Tschu und Tsin als kriegerisch und der Staat We als friedlich geschildert ist, entspricht den tatsächlichen Verhältnissen jener Zeit. Die Arten, wie die beiden Söhne des Meng in Tsin und We verstümmelt werden, sind damals übliche Strafen. In der Rede des Mannes Schï ist mit Kung Kiu eben Kung Dsï gemeint, das Muster der Gelehrsamkeit, während Lü Schang ein andrer Name für den VI, 12 genannten Großen Herzog (Giang Tai Gung) ist, der als Feldherr des Königs Wen sich große Verdienste erwarb und mit dem Land Tsi belehnt wurde. Die Sage erzählt, daß König Wen von der Dschou-Dynastie, ehe er sich einst auf die Jagd begab, vorher das Orakel befragte, was er fangen werde. Die Antwort war: »Weder Tiger noch Drachen, weder Bären noch Leoparden, sondern den Ratgeber eines Königs«. Als er an den Fluß We kam, traf er einen alten Mann, der statt mit einem Angelhaken mit einer Nadel angelte. Befragt, wie es möglich sei, auf diese Weise etwas zu fangen, sagte er: »Die großen Fische kommen schon von selbst«. Im Laufe der Unterhaltung entdeckte der Fürst in ihm einen verborgenen Weisen und fand in ihm die Prophezeiung seines Großvaters, daß wenn ein Weiser sich zu dem Hause Dschou geselle, dessen Blütezeit beginnen werde, erfüllt. Daher hat Lü Schang oder Giang Dsï Ya auch den Titel Tai Gung Wang (Großvaters Hoffnung), der dann vielfach in Tai Gung (Großer Herzog) abgekürzt wurde.


8 Herzog Wen von Dsin (636-628) war einer der Reichsfürsten, die zur Zeit des Verfalls der Dschou-Dynastie die Hegemonie im[223] Reiche hatten. Er war in dieser Stellung der Nachfolger des Herzogs Huan von Tsi.


9 Die Geschichte spielt unter dem Fürsten Dau von Dsin (572-558), dessen Kanzler Dschau Wen Dsï war (Dschau Wen Dsï ist der Großvater des VIII, 27 genannten Dschau Giän Dsï).


10 Eine Wiederholung der Geschichte II, 9, im Wortlaut etwas abweichend. Es ist als Zeitangabe die Rückkehr Kungs aus We nach Lu (am Abschluß seiner Wanderzeit) genannt, und als Moral der Geschichte wird die Macht des Glaubens angegeben.


11 Der weiße Prinz (Be Gung) war ein Enkel des Königs Ping von Tschu. Er mußte infolge einer Verleumdung, die seinem Vater, dem Kronprinzen Giän, das Leben kostete, nach dem Staate Dscheng fliehen, wo er Rache plante an seinen Feinden. Er wollte von Konfuzius im geheimen einen Rat erbitten, hat aber den Rat, den ihm Konfuzius erteilte, nämlich sich still zu halten, doch nicht verstanden. Seine Unternehmung schlug dann auch fehl, und er kam dabei um. Vgl. VIII, 33. Er erinnert in seinem Schicksal (seine Mutter hatte schwere Schuld auf sich geladen) und in seinem Charakter an Hamlet.

Der Koch I Ya war der Leibkoch des Fürsten Huan von Tsi, der, als der Fürst einmal keinen Appetit hatte, seinen eignen Sohn schlachtete und als Mahlzeit auftrug. Er war wegen seines feinen Geschmackes bekannt. Nach Guan Dschungs Tode bekam er Einfluß auf die Regierung.


12 Dschau Siang Dsï, Kanzler von Dsin unter dem Fürsten Ai (456-439) ist der Urenkel des in VIII, 9 genannten Dschau Wen Dsï, derselbe, der die in II, 12 genannte Feuerjagd unternahm. Seine Nachkommen haben nach der Auflösung des Staates Dsin ein Drittel davon als Fürsten überkommen. Sein Benehmen nach dem Sieg ist eine direkte Befolgung der im Taoteking No. 31 aufgestellten Grundsätze. In seiner Motivierung zitiert er Taoteking No. 23 in wenig abweichendem Wortlaut.

Die Staaten Tsi, Tschu, Wu, Yüo, die Siege erlangt, ohne sie festhalten zu können, sind alles Militärstaaten aus der Zeit der streitenden Reiche.

Die Erwähnung der Körperkraft des Konfuzius ist wohl durch ein Mißverständnis von seinem Vater auf ihn übertragen. In Dso Dschuan IX, 10, 2 wird erzählt: »Die vereinigten Truppen der Nordstaaten belagerten die Stadt Be Yang, die zu Tschu gehörte.[224]

Die Stadt öffnete zum Schein ein Tor, durch das die Angreifenden eindrangen. Da ließ man die schwere eiserne Gitter-Falltür herunter, um auf diese Weise die Eingedrungenen abzusperren. Konfuzius Vater nun war so stark, daß er allein die Falltür emporheben konnte, so daß die Abgesperrten sich retten konnten«.

Die Geschichte des Mo Di, der die Hauptstadt von Sung gegen Gung Schu Ban (Ban Schu, vgl. V, 14, aus Lu, der damals im Dienste des Staates Tschu stand) erfolgreich verteidigte, enthält eine Anzahl spannender Details von Minen und Gegenminen, die die beiden geschickten Mechaniker gegeneinander ausspielten.


13 Die hier erzählte erbauliche Geschichte, die eben zur Zeit jener Belagerung der Hauptstadt des Landes Sung spielte, könnte mit leichten Namensänderungen in jedes christliche Traktätchen Aufnahme finden.


14 Eine etwas abgemilderte Parallele zu VIII, 7.

Herzog Yüan von Sung regierte von 531-517.


15 Herzog Mu von Tsin regierte von 659-621.


16 Die Geschichte zeigt den genau entgegengesetzten Standpunkt zu der Yang-Dschu Geschichte VII, 13.

König Dschuang von Tschu regierte 613-591.

Dschan Ho ist derselbe Anachoret, der in V, 9 die Prinzipien seiner Angelkunst darlegt.


17 Sun Schu An war Minister in Tschu zur Zeit des Königs Dschuang (613-591).


18 Die Geschichte ist eine pessimistische Ergänzung von VIII, 7. 14.


19 Das erwähnte Spiel scheint ein Zwischending von Schach- und Würfelspiel gewesen zu sein.

Die Art, wie dieser Aufruhr veranlaßt wurde, ist typisch für chinesische Verhältnisse. Eine ganze Reihe von fremdenfeindlichen Unruhen verdanken ähnlichen Anlässen ihre Entstehung.


22 Dieser Abschnitt gehört wohl mit Abschnitt 25 zusammen. In der sarkastischen Art, wie er das Gutestun als unratsam hinstellt, paßt er ganz zum Wesen Yang Dschus.
[225]

23 Über Meng Sun Yang vgl. VII, 10 und 11. Er zeigt sich hier noch nicht so bewandert in der Lehre Yang Dschus wie sein Mitschüler Sin Du Dsï.

Die Geschichte von den drei Brüdern enthält eine Verhöhnung der verschiedenen Schulen, die von Kung ausgingen und sich alle für orthodox hielten, obwohl sie in ihren Konsequenzen einander entgegengesetzt waren.


24 Über Yang Bu, den jüngeren Bruder Yang Dschus, vgl. VI, 8.


25 Siehe Abschnitt 22 dieses Buchs.


26 Gibt ähnlich wie der Abschnitt I, 11 eine dreifache Beurteilung desselben Tatbestands.

Die Namen der drei Philosophen: Tsi (allgemein), Fu (reich), Hu (was?) sind allegorisch zu verstehen.


27 Noch jetzt ist namentlich in der Umgebung von buddhistischen Klöstern die Sitte üblich, als gutes Werk lebende Tiere freizulassen mit demselben praktischen Erfolg wie der, den hier der Gastfreund erwähnt.

Dschau Giän Dsï, der Enkel des VIII, 9 genannten Dschau Wen Dsï war Kanzler unter dem Fürsten Ding von Dsin (511-474). Gan Dan im südlichen Tschili war sein Hausbesitz.


28 Die Familie Tiän war das herrschende Adelsgeschlecht im Staate Tsi, dessen Thron es schließlich usurpierte.

Die Geschichte könnte beinahe bei Mark Twain stehen.


29 Zu der Schätzung, die der Roßarzt im alten China genoß, vgl. II, 6. Er hatte wohl das Geschäft des Schinders mit zu versehen.


30 Geldsummen: wörtlich »er zählte die Kerben«. Der Kontrakt war offenbar auf eine Holztafel eingeritzt.


31 Der genannte Baum, genau »Papiermaulbeerbaum«, gilt als glückliches Vorzeichen. Ihn abgedorrt stehen zu lassen, würde auf Verdorren des Glücks schließen lassen.

Die Geschichte soll das unnötige Mißtrauen des Besitzers charakterisieren.


33 Über den weißen Prinzen (Be Gung) vgl. VIII, 11.[226]

Quelle:
Liä Dsi: Das wahre Buch vom quellenden Urgrund. Stuttgart 1980, S. 221-227.
Lizenz:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Elixiere des Teufels

Die Elixiere des Teufels

Dem Mönch Medardus ist ein Elixier des Teufels als Reliquie anvertraut worden. Als er davon trinkt wird aus dem löblichen Mönch ein leidenschaftlicher Abenteurer, der in verzehrendem Begehren sein Gelübde bricht und schließlich einem wahnsinnigen Mönch begegnet, in dem er seinen Doppelgänger erkennt. E.T.A. Hoffmann hat seinen ersten Roman konzeptionell an den Schauerroman »The Monk« von Matthew Lewis angelehnt, erhebt sich aber mit seiner schwarzen Romantik deutlich über die Niederungen reiner Unterhaltungsliteratur.

248 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon