Annam [2]

[529] Annam (Gesch.). Das Stammland von A. ist Nord-A. od. Tonkin. Lange war Tonkin eine Provinz von China, nach chinesischen Angaben schon seit 214 v. Chr., wo Thinschi-Hoangti das Land unterwarf u. chinesische Colonisten dahin schickte; chinesische Statthalter regierten dort. Nachher warf sich Shinnong, ein chinesischer Prinz, zum Herrscher von Tonkin auf. Ihm folgten mehrere Könige aus seiner Familie, bis das Land wieder an China kam. Es wurde in 12 Provinzen getheilt, deren Regierung den 12 chinesischen Feldherren gegeben ward, welche es erobert hatten. Eines Schäfers Sohn stürzte die Regierung der Zwölfe u. erhielt selbst den Thron; doch ließ ihn der Kaiser von China nach 10 Jahren ermorden, u. das Land kam wieder unter chinesische Hoheit. Im 10. Jahrh. bekam es wieder eigene Könige; der erste war Ting, dessen Sohn u. Nachfolger Tinglien die Oberhoheit Chinas anerkannte. Seit 1008 saß die Familie Li auf dem Throne; einer derselben, Li-kienté, machte 1076 einen verunglückten Versuch, sich von China unabhängig zu machen. 1164 erhielt Li-tientso von dem Kaiser den Titel König. Da die Dynastie mit Li-hao-tsan im Mannesstamm ausstarb ging die Regierung 1230 auf die Familie Tchin über, aus welcher die Prinzessin Tchao-king den Tchin-ge-king geheirathet hatte. Unter ihm machten 1257 die Mongolen von China aus einen Einfall in A., in dessen Folge er die Regierung niederlegte; sein Nachfolger Tchin-koang-ping (bis 1277) mußte sich verbindlich machen, den Mongolen Tribut zu zahlen; dessen Sohn Tchin-gé-hiven befreite sich durch einen großen Sieg über die Mongolen (1288) von der Oberherrschaft derselben, u. seine Nachfolger Tchin-gé-tsun (seit 1290) u. Tchin-touan-ou (seit 1535) lebten mit Timur in Frieden. Nach dem Sturze der Mongolen erlangte die neue Dynastie in China wieder den alten Einfluß in Tonkin, bis sich ein Tonkiner, Liliki, nachdem er alle Prinzen der Familie Tchin ermordet hatte, 1399 unter dem Namen Houynen zum König machte. Ein großer Kampf entbrannte, der sich 1407 mit der Gefangennehmung Lilikis endigte, u. da sich Niemand mehr von der königlichen Familie vorfand, so ward Tonkin zu einer chinesischen Provinz gemacht u. von einem Statthalter regiert. Nicht lange darauf empörte Lili, ein Mandarin aus Golo, die Annamesen gegen China u. gelangte 1427 zur erblichen Statthalterschaft. Er st. 1433; unter ihm bekam das Land den Namen Tonkin. Sein Sohn Li-lin (1433–1442) nahm den Königstitel an. Unter Li-ning (seit 1521) machte Mouteng-young einen Aufstand, der sich 1540 damit endigte, daß das Land zwischen dem König u. den Rebellen getheilt ward. Die Familien Li u. Mou, Herrscher neben einander, bekämpften sich fortwährend. Die Könige aus der Familie Li (Dowas od. Buas) versanken immer mehr in Weichlichkeit u. ließen die Regierung ihren Kronfeldherren; erst in der Mitte des 18. Jahrh. stellten die Li ihre Macht wieder her; sie eroberten Laos u. die nördlich diesem Lande liegenden Provinzen. Etwas später brach auch ein Krieg zwischen Nord-A. u. dem mächtigen Staat Süd-A. (Cochinchina) aus. Dies hatte früher zu Nord-A. gehört, sich aber im Mittelalter davon losgerissen, jedoch immer noch Tribut gezahlt. Die herrschende Dynastie gab dem Lande gute Regenten, u. diese dehnten ihre Macht immer weiter aus u. unterwarfen fast ganz Cambodscha. Hier regierte 1570–1614 Tien-Wong (Wong heißt nämlich König u. wird jedem Königsnamen angehängt); Sat bis 1635, Thuong bis 1649, Hien bis 1668, Ngai bis 1692, Minh bis 1724, Ninh bis 1737, Vo bis 1765, Hieu bis 1777. Seit 1732 ereigneten sich mehrere Unglücksfälle, welche 1774 den Ausbruch einer Revolution zur Folge hatten, in deren Verlauf 3 Brüder (Tay-son), Handwerker u. Bauern, deren ältester Nhak, der jüngste Longnhung hieß, mit einem großen Anhange den König u. seinen Sohn besiegten u. erschlugen. Nur die Königin rettete sich nebst ihrem Enkel Nguenkhung, der von dem französischen Missionär Pegneaux de Behain erzogen ward. Diesem blieb der[529] südliche Theil des Landes treu, während Nhat den mittleren Theil (außer Hue) u. die Tonkinesen den Norden erobert hatten. 1781 machte Nguen-khung einen Seeangriff, der aber mißlang u. er mußte nun fliehen. Pegneaux ging 1787 mit Nguys ältestem Sohne nach Frankreich u. erlangte hier für die königliche Familie ein Schutz- u. Trutzbündniß, obgleich Frankreich durch die gänzliche Vertreibung seiner Missionäre (1773) aus A. Ursache zu feindseliger Gesinnung hatte. Inzwischen eroberte Longnhung 1788 nicht allein den Norden, sondern auch Tonkin u. vernichtete 1789 eine chinesische Armee von 40,000 Mann. Nun kam 1790 Pegueaux mit französischen Offizieren zurück, u. von Saigon aus wurde zu Wasser u. zu Lande Krieg gegen die Tayson geführt, welche unterlagen. Die Dowas kehrten auf den Thron zurück (1801); das Reich A. entstand durch die Verbindung von Tonkin, Cochinchina u. Laos, wozu 1809 noch Cambodscha erobert ward. Nguen-khung, nun unter dem Namen Gialong (Kialong, d.i. der von Glück Begünstigte), nahm zwar das Reich von China in Lehn, entledigte sich aber der Oberherrlichkeit. Er verlegte seine Residenz von Bak-kingh (Tonkin od. Kescho) in Nord-A. nach Fuxuan (Hue) in Süd-A. u. war einer der mächtigsten asiatischen Fürsten, der 150,000, zur Hälfte nach europäischer Weise geübte Soldaten, darunter 24 Schwadronen Büffelcavallerie (6000 M.) u. 16 Bataillons (8000 M.) mit 2000 Elephanten, unterhielt. Er st. 1820. Sein Sohn u. Nachfolger nannte sich Ming-Menh (d.i. Glänzendes Geschick); er setzte alle Statthalter der Provinzen ab, außer den von Untercochinchina, Ta-kong (Ta-quam), von dem er sich krönen ließ u. den er in sein Interesse zu ziehen suchte. Takong stand bei dem Volke wegen Erleichterung des Handels mit China u. Singapore in größerem Ansehen als der Kaiser u. machte sich nach u. nach so unabhängig, daß er seine Provinz als König beherrschte, doch es nie unterließ, dem Kaiser den Tribut zu zahlen. Als Ta-kong 1831 starb u. sich manche Unordnungen in den Finanzen vorfanden, ließ ihn der Kaiser im Tode schänden u. mehrere Vornehme hinrichten. Ta-kongs Freunde empörten deshalb das Volk in Cambodscha u., Thay (Koi) an der Spitze, stürmten sie 1833 das Fort von Saigon, der Hauptstadt von Untercochinchina, ermordeten den Gouverneur u. zogen die chinesische Bevölkerung u. an 2000 befreite Gefangene auf ihre Seite, so daß sie sich bald auf 10,000 M. gewachsen sahen. Der Kaiser schickte 1834 110,000 M. zu Lande u. eine Flotte nach A., u. bald sah sich Thay auf das Fort von Saigon beschränkt. Von hier aus unternahm er zwar einige glückliche Ausfälle, reizte auch seinen Schwager in Tonkin, das Mittelland u. Cochinchina zum Aufstand; doch wurde der Aufstand endlich 1837 blutig unterdrückt, u. Thay u. der französische Missionär Marchand, dessen sich jener zur Gewinnung der zahlreichen christlichen Partei im Lande bedient hatte, hingerichtet. Ming-Menh gewann auch Laos, indem er die 2 Söhne des letzten Königs, der um 1834 gestorben war, umbringen u. die ganze königliche Familie dort ausrotten ließ. Empörungen in Tonkin u. in Cambodscha, namentlich wegen der Störung ihrer Nationalität u. Aufnöthigung cochinchinesischer Tracht, wurden gewaltsam bis 1842 unterdrückt. Der König Ming-Menh hatte einige Cochinchinesen nach Frankreich reisen lassen, um nach dort gesammelten Erfahrungen Verbesserungen im Lande zu machen; doch er starb 1843 vor der Ausführung dieses Planes. Sein Nachfolger, Thien-Tey, war allen Neuerungen abhold u. überließ die Regierung seinen Ministern; ähnlich war er seinem Vorgänger besonders in dem Haß u. der Verfolgung der Christen, weil er in der Sendung von Missionären nur eine Vorbereitung zur Eroberung A-s durch die Fremden erkannte. Er st. 1847 u. ihm folgte Tuduc, welcher 1849 von chinesischen Commissaren zu Hue mit A. belehnt wurde. Französische römisch-katholische Missionäre sind hier, wie in China, seit Jahrhunderten, manchmal geduldet, oft verfolgt, thätig gewesen. Zu Ende des vorigen Jahrh. waren in Hue ein französischer Bischof, Pegueaux, u. mehrere französische Mandarinen in Gunst bei Hofe; seit 1820 aber haben die Christenverfolgungen in allen drei Landestheilen gleichmäßig fortgedauert, u. die in jenen Gewässern stationirten französischen Kriegsschiffe erhalten nicht selten von ihrer Regierung Befehl, französische Missionäre zu schützen. Nichtsdestoweniger findet das Christenthum hier mehr Anklang als in China; im westlichen Theile von Tonkin allein waren im J. 1850 130,000 Christen. In der Verwaltung u. im Heerwesen ist der Einfluß französischer Mandarine nicht ohne Wirkung geblieben; auch hatte die Regierung die chinesischen Tschonken abgeschafft u. Schiffe nach europäischer Bauart bauen lassen; nachdem aber im Hafen von Turané die französische Flagge 1847 beweigt worden war, ließ die französische Regierung die Schiffe der Annamesischen Regierung vernichten. Die Engländer boten bei dieser Gelegenheit von Hongkong aus ihren Schutz gegen Frankreich an, um auf diesem Wege in A. festen Fuß zu fassen, aber ohne Erfolg; auch die Nordamerikaner sind nicht glücklicher gewesen. Im Septbr. 1855 schickte der Gouverneur von Hongkong, John Bowring, einen englischen Gesandten mit einem Schreiben an den König von A. nach Turané, aber der dortige Mandarin nahm das Schreiben nicht einmal zur Weiterbesorgung an, u. der englische Gesandte mußte unverrichteter Sache wieder abreisen. Die dortigen französischen Missionäre munterten die französische Regierung auf, die Hafenstadt Turané in eine französische Besitzung zu verwandeln.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 1. Altenburg 1857, S. 529-530.
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