Wachstuch

[727] Wachstuch, gewöhnliche Benennung von Geweben, welche mit Leinölfirniß in verschiedenen Farben u. häufig mit einem Lack überzogen sind. Die Chinesen stellten schon in den ältesten Zeiten groben, mit Ölfirniß überzogenen Taffet dar; in England fand man die Leiche des 1307 verstorbenen Königs Eduard I. in seines W. gewickelt, welches deutlich die Bildung der Hände u. des Gesichtes zeigte. Je nach der Art der Gewebe unterscheidet man Wachsleinwand, Wachskattun, Wachsbarchent, Wachstaffet, außerdem auch Wachspapier (s.u. Papier V. B) m). A) Die leinenen od. baumwollenen Zeuge werden, nur wenn sie sehr weitmaschig sind, vorher auf einer Mange gepreßt, um die Zwischenräume mehr auszufüllen, gewöhnlich aber gleich auf die Rahmen gespannt. Diese sind entweder beweglich, von 10–14 Ellen Länge u. einer dem Zeuge angemessenen Breite u. werden während der Arbeit horizontal od. schräg auf Böcke, während des Trocknens im Zimmer horizontal auf Horden über einander od. im Freien je zwei dachförmig an einander gestellt; od. sie sind fest, von 30–36 Ellen Länge u. etwas abschüssig auf Pfähle im Freien genagelt. Zuerst befestigt man mit kleinen Häkchen das Zeug an die eine lange Seite des Rahmens u. spannt es dann durch Bindfäden straff, welche man abwechselnd über die andere lange Seite des Rahmens schlingt u. durch das Zeug steckt. Grobe Leinwand zu Wachsteppichen ob. Wachstapeten, welche nicht sehr biegsam zu sein brauchen, wird erst mit einem Grund aus Roggenmehlkleister, oft mit etwas Leim, versehen, ehe man die Firnißfarbe aufträgt Letztere wird aus einem gut trocknenden Leinölfirniß erhalten, welchen man mit bis zu 1/4 Thl. Bleiglätte kocht u. mit verschiedenen Farben, wie geschlämmter Kreide, geschlämmtem weißem Thon, Ocher, Umbran, Kölnischer Erde etc., häufig auch Ruß vermischt. Mehlkleister u. Firnißfarbe müssen[727] Syrupsconsistenz besitzen u. werden mit einer etwa 4 Zoll breiten u. 16 Z. langen Eisenklinge (Grundirmesser) aufgetragen, welche man mit der Schneide fast senkrecht auf das Zeug setzt u., die davor angehäufte Farbe fortschiebend, über die Länge des Zeuges hin u. her bewegt. Nachdem der Anstrich im Freien an der Sonne hinreichend getrocknet ist, wird er mit einem größeren Bimssteinstück od. bei feineren Geweben mit Bimssteinpulver u. Filz, welche man kreisförmig auf dem straffen Zeuge bewegt, unter Wasserzufluß abgeschliffen Hierauf erfolgt noch zweimal ein Anstrich nebst Trocknen u. Schleifen oft so, daß man die Firnißfarbe etwas anders zusammensetzt. Die Kehrseite des Zeuges erhält häufig ebenfalls einen Anstrich; die Vorderseite aber wird nun bedruckt u. hierauf lackirt, wobei die Zeuge vom Rahmen abgenommen sind. Die Druckfarben werden mit einem Copal- od. Bernsteinfirniß angemacht, welchen man auch zum Lackiren benutzt u. erhält, indem man bezüglich 8 Thle. geschmolzenen Copal durch Kochen mit 16 Thln. Leinölfirniß od. 1 Thl. Bernsteincolophon mit 2–3 Thln. Leinölfirniß löst u. dann nach einigem Erkalten warmes Terpentinöl od. Petroleum bis zur geeigneten Verdünnung darunter rührt. Das Aufdrucken von farbigen Mustern erfolgt ähnlich wie bei der Kattundruckerei. Die Formen, welche bis H Elle lang u. breit u. aus einer Birnbaumschicht geschnitzt sind, welche auf drei andere, gekreuzt über einander liegende Holzbreter geleimt ist, werden, an Handhaben gehalten, in die Farbe gedrückt, welche von einem Kinde mittelst eines Reibers immer frisch auf dem Farbkissen ausgebreitet wird. Letzteres ist ein Kasten, dessen Boden ein Stück W. ist u. welcher damit auf einer zur Polsterung dienenden dicken Flüssigkeit, wie Gummilösung, aufruht. Bei manchen Mustern werden zugleich verschiedene Farben mit einer Form aufgedruckt, indem man nach einer Vorzeichnung die betreffenden Farben getrennt u. in gehöriger Lage zu einander auf das Kissen vertheilt. Sehr rohe Muster werden mit Schablonen, sehr seine mit Steinformen hergestellt; auch Drahtstifte, Blechstücke etc. sind in den Holzformen häufig verwendet. Das Aufdrücken der Form auf das quer über den langen, mit Tuch u. Leder gepolsterten Drucktisch fortzuschiebende W. geschieht mittelst einer Presse (Bolzenpresse). Diese besteht aus einer senkrechten Schraubenspindel, welche an ihrem unteren Ende auf die Form aufgesetzt u. mittelst eines in Kugeln endenden Schwengels umgedreht werden kann. Da sie nun oben in einer Schraubenmutter läuft, welche in einem gabelförmig ausgeschnittenen Klotze ruht, der sich beim Heben gegen einen längs über die Mitte des Tisches laufenden Balken stemmt, so wird beim Andrehen die Form auf das W. gepreßt. Die Spindel kann auch im Klotze drehbar eingelassen sein, während die Mutter mit dem Schwengel gedreht wird u. mittelst eines Bügels auf die Form drückt. Damit das W. ruhig liegen bleiben kann, ist die Presse mit einer Rolle versehen, mit welcher sie auf der obern Seite des Balkens reitet u. so über den Tisch hin u. her gezogen werden kann. Marmorirung, Holzmaserung u. dgl. wird entweder so dargestellt, daß man in der mittelst einer Schablone aufgestrichenen Farbe, so lange erstere noch daraufliegt, mit einem Besen unregelmäßige Striche macht, wohl auch aus freier Hand malt, bes. aber so, daß man auf das gehörig grundirte W. mit einem Schwamm eine mit Essig u. Wasser angemachte Farbsubstanz, z.B. feingemahlene Rothkohle, gebrannten Zucker etc., aufträgt, die Striche mit einer Bürste möglichst verwischt (vertuscht) u. nun ein Muster mit einem durchsichtigen Lack aufträgt Wird später das W. mit Wasser gewaschen, so tritt der frühere Grund zwischen dem Muster wieder hervor, während in letzterem die Essigfarbe erhalten ist. Dadurch nun, daß man dies mehrfach u. mit anderen Essigfarben wiederholt, od. daß man mit Bürsten od. Blätterbüscheln, z.B. Salatstauden, die mit Essigfarbe gestrichene Fläche streicht od. betupft, od. eine gewellte Scheibe aus Zinkblech unter Drehung auf der nassen Fläche fortschiebt, lassen sich die mannigfachsten holzähnlichen Zeichnungen u. Marmorirungen hervorbringen. Auch bedient man sich hierzu der Figurirwalzen (Marmorirwalzen), d.i. cylindrischer Formen, welche an einem Rähmchen gehalten u. über die mit Essig- od. Lackfarbe überstrichene Fläche fortgewälzt werden; die das Muster bildenden Hervorragungen quetschen dabei die Farbe weg, so daß als Muster der frühere Grund erscheint. Gold u. Silber wird meist in Pulverform auf das mit einer, bezüglich rothen od. weißen Lackfarbe gedruckte Muster, so lange dies noch klebt, aufgepinselt. Das gedruckte W. wird in einem Trockensaale über Stangen gehängt, welche sich an der Decke befinden u. zu denen man auf einer dort angebrachten, die Zimmerbreite einnehmenden Eisenbahn ü. einer an Knotenstricken leicht fortzubewegenden Brücke gelangt. Der Lack, welcher mit Bürsten aufgetragen wird, muß in einer Temperatur von circa 50° R. getrocknet (eingebrannt) werden. Die gröbste, zum Verpacken dienende Wachsleinwand (Packwachstuch), welche bes. wasserdicht u. biegsam sein muß, stellt man dar, indem man folgenden Firniß mit einem Pinsel aufträgt: 96 Pfd. gelber Ocher werden mit Leinölfirniß abgerieben, 16 Pfd. Kienruß u. dann eine heiße Lösung von 1 Pfd. gelber Seife in 7 Pfd. Wasser zugefügt. Nach dem Trocknen wiederholt man den Anstrich, aber ohne od. nur mit wenig Seife, u. streicht zuletzt mit Leinölfirniß u. Ruß. Nach drei Tagen kann das W. zusammengelegt werden. Mit diesen Anstrichen erzeugt man auch aus grobem Packpapier das Wachspapier. Das amerikanische Ledertuch ist auch eine Art von W., dessen Bereitung nur darin abweicht, daß man dem Leinölfirniß mehr od. weniger Lösung von Kautschuk in Terpentinöl beifügt. Das fertige u. trockene W. wird zuletzt zusammengerollt u. geschnürt. B) Der Wachstaffet od. das gefirnißte Seidenzeug (s. Taffet 1) wird entweder auf die angegebene Weise, od. wenn er durchsichtig u. möglichst farblos od. gelblich sein soll, so verfertigt, daß man auf beiden Seiten des gespannten Taffets einen Anstrich von klarem Leinölfirniß mit 1/4 des obigen Copalfirnisses macht u. gewöhnlich schleift, od. indem man den Taffet. in reinen erwärmten Leinölfirniß eintaucht, das Überflüssige durch zwei messerförmige Holzstücke abstreichen läßt u. trocknet.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 18. Altenburg 1864, S. 727-728.
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