Religion

1. Die Religion hat den Reichthum geboren, aber das Kind hat die Mutter verschlungen. Simrock, 8429; Eiselein, 527.

»Ist auf die Klöster gemünzt.« (Klosterspiegel, 39, 18.) »Wie man sagt, das Religion geboren hab ein Tochter fron, die Tochter hab ihr Mutter gefressen, bei Reichthum sei der Lehr vergessen.« (Froschm., LVI.) »Die Religion hat Reichthumb gezeugt vnd geboren, nun bringt die Dochter, d.i. der reichthum jhre Mutter, Religion, vmb den Hals.« (Wolfius, Membr., I, 16; Zinkgref, IV, 474.)


2. Die Religion lehrt lieben und hassen.

Die Russen: Die Religion hat zwei Kinder, die Liebe und den Hass. (Altmann VI, 426.)


3. Es gibt zweiundsiebzig Religionen in der Welt und eine halbe, die der Zigeuner.

Die Gleichgültigkeit gegen die Religion ist ein eigenthümlicher, auch durch dies Sprichwort ausgedrückter Charakterzug der Zigeuner, der auch noch in einer Sage seinen Ausdruck findet. Nach derselben besassen die Zigeuner einen aus Steinen gebauten, die Walachen einen aus Schinken und Speckseiten bestehenden Tempel. Sie schlugen den letztern einen Tausch vor, der angenommen wurde, und verzehrten dann die eingetauschte Schinkenkirche. (Vgl. H. Simon, Ueber die Volksdichtung der Zigeuner, im Deutschen Museum, Leipzig 1861, Nr. 5.)

Frz.: Une religion peu à peu emporte une autre. (Leroux, I, 28.)


4. Es streiten viele vor die Religion, aber alle ums Geld.Opel, 383.


5. Ich habe die Religion der Gelehrten, sagte der Schneider, ich glaube, was ich will.


6. Jeder hält seine Religion für die beste.

Die Russen: Die Religion, welche die theuersten Bande zerschneidet, ist nicht die rechte. (Altmann VI, 406.) Papst Alexander VI. behauptete, jede Religion sei gut, aber die dümmste sei die beste.


7. Ohne Religion und Gensdarmen kann ich nicht regieren, sagte der Minister.


8. Ueber Religion ist bös streiten.

Die Araber gehen wol aber zu weit, wenn sie behaupten: Wenn zwei über Religion streiten, ist wenigstens einer ein Narr. (Cahier, 2444.)

9. Viel Religionen, aber wenig Gottesfurcht. Opel, 375.

Wahre Religion, d.i. Religiosität nennt ein talmudisches Sprichwort: ein Heilpflaster. (Kid.) Der französische Gesandte Ludwig's XIV. am englischen Hofe schrieb in seinem ersten Briefe aus London an seine Familie: »Es ist ein verwünschtes Land hier; es gibt hier zwanzigerlei Religionen und nur zweierlei Saucen.« (Witzfunken, Va, 50.)

Lat.: Superstitio religionem imitatur. (Gaal, 800.)


10. Wer nur Eine Religion will haben im Reich, mach' erst Ellen, Münzen und Uhren gleich.Opel, 381.


*11. Der hat Religion.Birlinger, 1076.

Soviel wie: er hat Batzen, Knöpfe, Moos, Weisszeug, d.h. Geld.


[1655]

12. Das ist eine schlechte Religion, sagte der Communist, die nicht in der Woche sieben Feiertage hat.


13. Religion ist die Trösterin der Leidenden.

Lat.: Miseris colendos maxime superos reor. (Philippi, I, 252.)


Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 3. Leipzig 1873.
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