Rothschild

[750] Rothschild ist der Name einer jüdischen Familie, die einem Wechsel- und Handelshause vorsteht, welches für das reichste in Europa gilt und in den europ. Geld-und Finanzoperationen die erste Stelle einnimmt. Der Begründer desselben und Vater der jetzigen Handlungschefs, Mayer Anselm R., war der Sohn gewöhnlicher Handelsleute und 1743 zu Frankfurt am Main geboren, verlor seine Ältern aber frühzeitig und besuchte einige Zeit die jüd. Schule zu Fürth bei Nürnberg, um sich für das Lehrfach auszubilden. In seine Vaterstadt zurückgekehrt, widmete er sich jedoch dem kaufmännischen Geschäftsleben, arbeitete einige Jahre auf einem Comptoir und ward dann bei einem angesehenen Wechselhause zu Hanover angestellt. Auch aus diesem Verhältniß kam er später nach Frankfurt zurück, begann mit einem kleinen ersparten Capital Geschäfte für eigne Rechnung, verheirathete sich und brachte in kurzer Zeit durch unermüdliche Thätigkeit und ebenso umsichtige als Vertrauen erweckende Geschäftsführung seinen Credit und sein Vermögen empor. Beide würden aber schwerlich die außerordentliche Bedeutung erhalten haben, zu der sie in verhältnißmäßig kurzer Zeit gelangten, hätte sich R. nicht das besondere Vertrauen des damaligen Landgrafen und nachherigen Kurfürsten von Hessen erworben, von dem er 1801 zum Hofagenten ernannt und 1806, als der Kurfürst vor den Franzosen aus seinen Staaten flüchten mußte, mit der Verwahrung mehrer Mill. Gldn. von dessen Privatvermögen betraut wurde. Nicht ohne Gefahr rettete R. jene Summen, obgleich seine eigne Habe ein Raub der Franzosen ward, verwaltete [750] dieselben gewissenhaft und fing damit nach Herstellung der Ordnung und des Friedens wieder Geschäfte in Frankfurt an, wo inzwischen die Juden volle bürgerliche und politische Rechte durch den damaligen Großherzog und Fürst Primas (s. Dalberg) erhalten hatten, der insbesondere den um seine Mitbürger vielfach verdienten R. in das dortige Wahlcollegium berief. Die Herstellung des Kurfürsten erlebte jedoch R. nicht, sondern starb 1812 mit Hinterlassung von zehn Kindern, von denen die fünf Söhne nun gemeinschaftlich die Leitung des blühenden väterlichen Wechselgeschäfts übernahmen und es durch Umsicht und Begünstigung der Verhältnisse zu seiner jetzigen Bedeutung erhoben. Vom wesentlichsten Einflusse war darauf das Verhältniß des Hauses R. zum Kurfürsten von Hessen, welcher das dem verstorbenen Mayer Anselm R. anvertraute Vermögen schon verloren gegeben und sich nicht einmal weiter danach erkundigt zu haben scheint, daher 1813 bei seiner Rückkehr mit Erstaunen das Anerbieten der Brüder R. vernahm, daß sie bereit wären, ihm seine Capitalien mit üblichen Zinsen sofort zurückzuzahlen. Auf die letztern leistete der Kurfürst aber für immer Verzicht, und bezog erst von der Zeit seiner Rückkehr an Zinsen, indem er die ganze Summe noch mehre Jahre bei dem Hause R. stehen ließ. Dieser Beweis von Rechtlichkeit, verbunden mit des Kurfürsten Fürsprache während des Congresses zu Wien, der Klugheit und Umsicht neben nicht überspannten Bedingungen in den Plänen und in der Ausführung von Finanzgeschäften, deren Gelingen auch die Umstände meist begünstigten, förderten den Aufschwung des Hauses R., welchen es unter der Leitung der fünf Brüder genommen hat, das durch den von ihm beherrschten Geldmarkt auch einen umfänglichen politischen Einfluß ausübt. Jede größere Unternehmung ward fortwährend als gemeinsame von ihnen behandelt, obgleich sie nach und nach an mehren zum Theil weit voneinander entfernten Haupthandelsplätzen Europas ihre Wohnsitze nahmen, dadurch aber auch um so mehr in den Stand kamen, von den Vorgängen in der kaufmännischen und politischen Welt auf verschiedenen wichtigen Punkten vollkommen unterrichtet sein zu können, ohne daß darum das Etablissement in Frankfurt am Main aufgehört hätte, der Mittelpunkt des ganzen ungeheuern Geschäfts zu sein. Von den Höfen und Fürsten wurden ihnen dabei wiederholt ehrenvolle Auszeichnungen zu Theil und 1815 schon erhielten sie vom Kaiser von Östreich die erbländ. Adelswürde, 1822 aber wurden sie zu östr. Freiherren gemacht. Ebenso erhielten sie 1815 die Titel kurhess. Finanzräthe, später als geheime Finanzräthe und 1818 von Preußen als geheime Commerzräthe sowie zahlreiche hohe Orden. Oestr. Generalconsuln wurden die in Paris und London (1822) wohnenden Brüder, sowie in Frankfurt am Main (1836) Anselm von R., geb. um 1806. Chef des Stammhauses in Frankfurt ist Anselm v. R., geb. 1773; hauptsächlich in Wien lebt seit 1816 Salomon v. R., geb. 1774. In England verweilte seit 1800, wo er zuerst als Agent seines Vaters zum Einkauf von Fabrikwaaren dahin kam, Nathan Meyer von R., geb. 1777, der nach einigen Jahren in London seinen festen Wohnsitz nahm und von hier aus mittels ihm von seinem Vater angewiesener großer Summen ein höchst umfängliches Finanzgeschäft mit ganz besonderer Umsicht betrieb, die ihm neben wichtigen Diensten das Vertrauen der vornehmsten brit. Staatsmänner erwarb und seiner Meinung auch im Rathe seiner Brüder das Übergewicht sicherte, und durch ihn wurde gewissermaßen zuerst die Theilnahme für auswärtige Anleihen in England und die daselbst erfolgende Auszahlung der Zinsen davon eingeführt. Seit 1806 mit Hannah Cohen, Tochter eines jüd. Kaufmannes in London, verheirathet, gab er auch in seinen einflußreichen Verhältnissen nie seine anspruchlose und bescheidene Haltung auf, und bediente sich nie des Barons- und anderer Titel oder Orden. Die älteste seiner drei Töchter wurde mit dem Sohne von Anselm v. R. in Frankfurt vermählt und um mit einer Tochter des letztern, Lionel R., den ältesten seiner vier Söhne zu verehelichen, war N. v. R. im Aug. 1836 nach Frankfurt gekommen, wo er plötzlich mit Tode abging und von wo seine Leiche nach London abgeführt wurde. Karl v. R., geb. 1788, lebt seit 1821 hauptsächlich in Neapel, und Jakoba. R., geb. 1792, mit einer Tochter seines Bruders Salomon verheirathet, steht seit 1812 an der Spitze eines Geschäfts in Paris. Im Apr. 1839 fand die Vermählung einer Tochter des verstorbenen Nathan Meyer v. R. in London mit Henry Fitzroy, einem Parlamentsmitgliede, statt, wodurch der Übertritt der Braut zur christlichen Kirche bedingt war, die das erste Mitglied der Familie R. ist, welches dem jüd. Glauben entsagt hat. Unter die der Familie R. nachgerühmten Vorzüge gehört auch eine seltene und zugleich prunklose Wohlthätigkeit, die keinen Unterschied unter den Hülfeansprechenden macht. Die »Lebensgeschichte der vorzüglichen Glieder der Familie R.« hat (Lpz. 1837) unlängst im Verein mit der der Fugger einen Bearbeiter gefunden.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1839., S. 750-751.
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