Positivismus

[125] Positivismus (Ausdruck von COMTE) heißt allgemein der »Gegebenheitsstandpunkt«, d.h. diejenige Richtung der Philosophie und Wissenschaft, welche vom Positiven, Gegebenen, Erfaßbaren ausgeht, nur in diesem bezw. dessen exacter »Beschreibung« (s. d.) das Forschungsobject erblickt, jede Metaphysik transcendenter (s. d.) Art perhorresciert und alle Begriffe von Übersinnlichem, von Kräften, Ursachen, ja sogar oft der apriorischen Denkformen (Kategorien, s. d.) aus der Wissenschaft »eliminieren« will. An Stelle der Ursachen der Phänomene (Dinge an sich u. dgl.) sollen nur die Coëxistenzen, das räumlich-zeitliche Zusammen, die »Abhängigkeiten« (s. d.) der Erscheinungen (Erfahrungsinhalte, Erlebnisse, »Elemente«, Empfindungen u. dgl.) begrifflich und (möglichst) mathematisch formuliert werden. Hierbei wird die Notwendigkeit der Ergänzung der äußeren für die Philosophie durch die innere Erfahrung (c. d.) in der Regel nicht berücksichtigt, wie auch dem Kriticismus (s. d.) zuweilen nur geringe Rechnung getragen wird.

Eine Wendung zum Positivismus findet sich schon bei den Kyrenaikern (s. Subjectivismus), Epikureern (s. Sensualismus) und den »Empirikern« (s. d.) des Altertums. Ferner im Empirismus (s. d.) überhaupt, auch (teilweise) im BERKELEYschen Idealismus (s. d.) besonders aber bei HUME (s. Erfahrung, Erkenntnis, Object). Dieser erklärt: »Es gibt ja keine wichtigere Forderung für einen wahrhaften Philosophen als die, daß er das ungezügelte Verlangen, nach Ursachen zu forschen, unterdrückt und, wenn er eine Lehre auf eine genügende Anzahl von Beobachtungen aufgebaut hat, sich damit zufrieden gibt, sobald er sieht, daß eine weitere Untersuchung ihn in dunkle und ungewisse Speculationen führen muß« (Treat. I, sct. 4, S. 24). Nach D'ALEMBERT (Disc. prél.) und TURGOT (vgl. Encyclop., »Existence«) erkennen wir nur die Relationen, nicht die Ursachen der Dinge. – Positivistisch ist die Philosophie L. FEUERBACHS (s. Natur, Wirklichkeit). Der Begründer des Positivismus als System ist AUG. COMTE. »Positiv« ist ihm so viel wie wirklich, gewiß, genau bestimmt, relativ. Die positive Philosophie und Wissenschaft ist das letzte (dritte) Stadium in der Entwicklung der Wissenschaft (s. d.) nach der »loi des trois états«: 1) theologisches Stadium, in welchem man alles aus übernatürlichen, göttlichen[126] Willenskräften ableitet, 2) metaphysisches Stadium, in welchem die Phänomene aus abstracten (Kraft-)Begriffen deduciert werden, 3) positives Stadium, in welchem man die Regelmäßigkeit und Coëxistenz, die festen Gesetze der Phänomene, Tatsachen selbst, rein empirisch, ohne metaphysische Denkzutaten, das Wie statt des Warum erforscht. Die positive Philosophie betrachtet die Theorien »comme ayant pour objet la coordination des faits observés« (Cours de philos, posit. I, leç. I, p. 5). »Tous les bons esprits reconnaissent aujourdhui que nos études réelles sont strictement circonscrites à l'analyse de phénomènes pour découvrir leurs lois effectives, c'est-à-dire leurs relations constantes de succession ou de similitude, et ne peuvent réellement concerner leur nature intime ni leur cause, ou première ou finale, ni leur mode essentiel de production« (l. c. I, leç. 28). Die Wissenschaft (s. d.) muß »voir pour prévoir«, will die Tatsachen beherrschen, verwerten, in den Dienst der socialen Humanität stellen. Die Sociologie (s. d.) ist die höchste in der Hierarchie der Wissenschaften (s. d.). Die Philosophie (s. d.) ist die Systematisation der Einzelwissenschaften. Die Metaphysik (s. d.) ist abzulehnen. Die positivistische Ethik (s. d.) ist altruistisch (s. d.). Die positive Religion (s. d.) treibt den »Cultus der Menschheit«. (Vgl. Discours sur l'esprit positif 1844. Discours sur l'ensemble du positivisme 1848. Système de politique posit. 1851/54. Catéchisme positiviste 1852. Synthèse subjective I: Syst. de Log. posit. 1856. J. RIG, La philos. posit. 1881. G. E. SCHNEIDER, Einl. in d. posit. Philos. 1880. vgl. die Zeitschrift. Philos. posit. 1867/83.) Von Einfluß auf Comte gewesen ist SAINT SIMON, besonders als Sociologe (s. d.). Französische Positivisten sind ferner: P. LAFITTE (Cours de philos. prem. 1889), E. LITTRÉ (Fragm. de philos. pos. 1876), E. DE ROBERTY (L'inconnaissable 1889. vgl. Sociologie), H. TAINE (vgl. Ästhetik. De l'intelligence 1870), E. RENAN (Dial. et fragm. philos. 1876). In England: J. ST. MILL (teilweise). ferner im Sinne Comtes: F. HARRISON, R. CONGREVE, EDW SPENCER BEESLY, J. H. BRIDGES. vgl. auch die Zeitschr. »The Positivist Review« (1893 ff.). dann: HUXLEY (Essays 1892. Collect. Ess. 1893/94. Science and Culture 1881), CLIFFORD (Seeing and Think. 1879. Lectur. and Ess. 1879). teilweise H. SPENCER, ferner LEWES, welcher von der »Elimination of the metempirical elements« spricht (Probl. II, 265). Auch P. CARUS (Primer of Philos. 1896). In Italien: CATTANEO, FERRARI, SICILIANI, VILLARI, ARDIGO, MORSELLI u. a. In Ungarn: (teilweise) K. BÖHM, FR. BARATH. In Böhmen: MASARYK. In Polen: JAN SNIADECKI, DOM. SZULC, J. OCHOROWICZ, F. BOGACKI. In Rußland: P. LAWROW, MICHAJLOWSKIJ, LESSEWICZ, TROIZKIJ. In Rumänien: B. CONTA. – Zu den deutschen Positivsten und Halb-Positivisten gehören: E DÜHRING, als Vertreter einer »Wirklichkeitsphilosophie« (s. d.. vgl. Log. S. 75). E. LAAS: Positivismus ist die Philosophie, die zur Grundlage nur positive Tatsachen (der Wahrnehmung, der Logik) nimmt und über die Correlation von Object (s. d.) und Subject nicht hinausgeht (Ideal. u. Posit. III, 5, 407). die positivistische Ethik ist psychologisch-genetisch (Ideal. u. Pos. II). auch NIETZSCHE (teilweise). Ferner TH. ZIEGLER, W. BENDER, F. TÖNNIES, C. GÖRING, DILTHEY (Einl. in d. Geisteswiss. I, 501, 512), JODL, A. RIEHL teilweise: »In der wissenschaftlichen Forschung ist der Positivismus, der Weg der Erfahrung, an seinem Platte. wo aber die Lebensweisheit, welche nicht Wissenschaft ist, sondern Kunst, dem Willen neue Ziele entdeckt, hat alle bisherige Erfahrung keine entscheidende Stimme« (Zur Einf. in d. Philos. S. 192 f.). Positivisten im erkenntnistheoretischen Sinne des reinen Empirismus (s. d.) sind B. AVENARIUS,[127] E. MACH. – Ale positive Wissenschaft, d.h. als eine von allen religiösen und metaphysischen Voraussetzungen unabhängige Wissenschaft (im Sinne der »Gesellschaft für ethische Cultur«), lehrt die Ethik W. STERN (Krit. Grundleg. d. Eth. als posit. Wissensch. 1897. Allgem. Princip. d. Eth. 1901). Positive Ethik gibt auch RATZENHOFER. sie ist positiv, »indem sie das Sein-sollende der Natur des Menschen und der Socialgebilde, fußend auf den Naturgesetzen, entnimmt« (Posit. Eth. S. 22). Er lehrt überhaupt einen »monistischen Positivismus« (l. c. Vorw.). Vgl. Agnosticismus, Erfahrung, Empfindung, Element (Mach), Relativismus, Sociologie.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 125-128.
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