Öttingen [3]

[252] Öttingen, 1) Alexander von, Theolog und Statistiker, geb. 24. Dez. 1827 in Livland auf dem elterlichen Rittergut Wissust, gest. 20. Aug. 1905 in Dorpat, studierte 1845–49 in Dorpat Theologie, dann in Berlin, Erlangen, Bonn und Rostock orientalische Sprachen und Philosophie, habilitierte sich 1854 als Privatdozent in Dorpat und wurde 1856 außerordentlicher, 1857 ordentlicher Professor in der theologischen Fakultät; 1891 trat er in den Ruhestand. 1857 begründete er die »Dorpater Zeitschrift für Theologie und Kirche« (bis 1872, 14 Bde.). Öttingens Hauptwerk ist: »Die Moralstatistik in ihrer Bedeutung[252] für eine Sozialethik« (Erlang. 1869–74, 2 Tle.; 3. Aufl. 1882). Ferner schrieb er: »Antiultramontana« (Erlang. 1876); »Wahre und falsche Auktorität mit Beziehung auf die gegenwärtigen Zeitverhältnisse« (Leipz. 1878); »Zur Inspirationsfrage« (Riga 1878); »Obligatorische und fakultative Zivilehe« (Leipz. 1881); »Über akuten und chronischen Selbstmord« (Dorpat 1881); »Christliche Religionslehre auf reichsgeschichtlicher Grundlage« (Erlang. 1886); »Was heißt christlich-sozial?« (Leipz. 1886); »Zur Duellfrage« (Dorpat 1889); »Das göttliche ›Noch nicht‹« (Leipz. 1895); »Lutherische Dogmatik« (Münch. 1897–1902, 2 Bde.) u.a. Außerdem gab er Hippels »Lebensläufe« (Leipz. 1878, 3. Aufl. 1892) und Goethes »Faust« (mit Erläuterungen, Erlang. 1880) heraus.

2) Arthur von, Physiker und Musiktheoretiker, Bruder des vorigen, geb. 28. März 1836 in Dorpat, studierte 1853–58 daselbst sowie 1859–62 in Berlin, habilitierte sich 1863 als Dozent der Physik in Dorpat und wurde 1865 außerordentlicher, 1866 ordentlicher Professor. 1893 ließ er sich in Leipzig als Privatdozent nieder und wurde 1894 zum ordentlichen Honorarprofessor ernannt. Ö. arbeitete über die Korrektion der Thermometer, insbes. über Bessels Kalibriermethode, über elektrische Entladungen und Gasexplosionen und über mechanische Wärmetheorie; auch lieferte er meteorologische Beobachtungen, in Dorpat angestellt, mit kritischen Abhandlungen (Dorpat 1871 bis 1893), gründete dort das meteorologische Observatorium und konstruierte einen Windkomponenten-Integrator. Sein »Harmoniesystem in dualer Entwickelung« (Dorpat 1866) ist von hoher Bedeutung für die Weiterentwickelung der Harmonielehre, da Ö. dem Dualismus der harmonischen Auffassung (Mollkonsonanz und Durkonsonanz, als polare Gegensätze gedacht) eine wissenschaftliche Basis gab und ihn weiter entwickelte. In neuer Fassung gab er seine Theorie in Ostwalds »Annalen der Naturphilosophie« (Leipz. 1901–06). Auch unternahm er mit Feddersen eine Fortsetzung von Poggendorffs »Biographisch-literarischem Handwörterbuch« (Bd. 3, Leipz. 1898), für die er den 4. Band (das. 1904) allein lieferte. Er schrieb noch: »Elemente des geometrisch-perspektivischen Zeichnens« (Leipz. 1901) und »Die perspektivischen Kreisbilder der Kegelschnitte« (das. 1906).

3) Wolfgang von, Kunstgelehrter, Neffe der vorigen, geb. 25. März 1859 in Dorpat, studierte 1878 bis 1885 erst neuere, insbes. deutsche Philologie, dann Kunstgeschichte in Straßburg, Berlin und Leipzig, habilitierte sich 1888 als Privatdozent für neuere Kunstgeschichte an der Universität Marburg und wurde 1892 als ordentlicher Lehrer der Kunst- und Literaturgeschichte an die Kunstakademie in Düsseldorf berufen. 1897–1905 war er erster ständiger Sekretär der königlichen Akademie der Künste in Berlin. Bei seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst wurde er zum Geheimen Regierungsrat ernannt und lebt seitdem als Privatgelehrter in Reichenberg bei St. Goarshausen. Er schrieb: »Georg Greflinger von Regensburg« (Straßb. 1882); »Über das Leben und die Werke des Antonio Averlino, genannt Filarete« (Leipz. 1888); »A. A. Filaretes Traktat über die Baukunst« (Ausgabe, Übersetzung und Kommentar, Wien 1890); »Daniel Chodowiecki, ein Berliner Künstlerleben« (Berl. 1895); »Unter der Sonne Homers« (Leipz. 1897); »Wegweiser durch die königliche Gemäldegalerie zu Kassel« (1902). Für die weimarische Goethe-Ausgabe bearbeitete er Bd. 43 und 44, für die Cottasche Jubiläumsausgabe Bd. 31–35.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908, S. 252-253.
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