Khuen-Héderváry

[877] Khuen-Héderváry, Karl, Graf, ungar. Staatsmann, geb. 23. Mai 1849 in Freiwaldau (Oberschlesien), war kurze Zeit beim Agramer Gericht tätig, begann in den 1870er Jahren seine öffentliche Laufbahn im Veröczer Komitat und wurde früh in den Agramer Landtag gewählt, von wo er als kroatischer Abgeordneter in den ungarischen Reichstag gelangte. 1879 wurde er zum Obergespan des Raaber Komitats ernannt, wo er zur Zeit der Überschwemmungen administrative Talente bewies. 1883 wurde er zum Bau von Kroatien, Slawonien und Dalmatien erhoben, ein Amt, das er fast 20 Jahre bekleidete. Als Bau schuf er sich eine verläßliche Regierungspartei und suchte dem ungarischen Staatsgedanken Kraft und Ansehen zu verleihen. Bemerkenswert sind seine Reformen auf dem Gebiete der Verwaltung und des Unterrichts. Die mit starker Hand gefaßte Opposition dagegen klagte insbesondere über strenge Zensur der Presse, Beeinflussung der Wahlen und Verletzung des Versammlungsrechtes. In neuester Zeit beteiligte er sich auch an den ungarischen Bewegungen. Im Mai 1892 sprach er im Oberhaus gemäßigt, aber nachdrucksvoll für die kirchenpolitischen Entwürfe des Ministeriums. Als ihm im Juni 1894 von der Krone der Auftrag zur Neubildung des Ministeriums ward, lehnte ihn die liberale Partei ab. Ein gleiches Schicksal widerfuhr ihm Anfang 1895, als er, nach Entlassung Wekerles, von der Krone wieder zur Bildung eines Ministeriums berufen wurde. In den letzten Jahren seiner Banustätigkeit wurde die Stimmung in Kroatien erregter; das Nichtzustandekommen des ungarischen Ausgleichs hatte auch finanzielle Übelstände zur Folge und die Verarmung des Landes griff um sich. Als dann 1903 infolge des Ex-lex-Zustandes sich die parlamentarische Lage auch in Ungarn verwirrte, übertrug die Krone Ende Juni 1903 dem Grafen zum drittenmal die Ministerpräsidentschaft; er behielt das Kabinett seines Vorgängers Széll bei. Sein Abgang von Kroatien gestaltete sich stürmisch: wegen offenen Aufstandes mußte der Belagerungszustand verkündigt werden. Doch in Ungarn zeigte sich Graf K. entgegenkommend und gelobte, die Verfassung und Hausordnung des Parlaments zu respektieren. Mit vieler Mühe gelang es ihm denn auch, Franz Kossuth zum Aufgeben der Obstruktion zu bewegen. Aber die Radikalen der 1848 er Partei widersetzten sich dem und ließen Kossuth samt dem Kompromiß im Stich. Der Sturz Khuen-Hédervárys gestaltete sich infolge der Aufdeckung einer Bestechung, die sein Freund Graf Lad. Szapáry auf eigne Faust ungeschickt versucht hatte, in öffentlicher Sitzung höchst dramatisch; die Abdankung erfolgte 10. Aug. Die sofort eingesetzte Untersuchungskommission sprach indes den Grafen frei. Er war mittlerweile (im Juli) in Temesvár zum Deputierten gewählt worden und nahm an den Sitzungen des Hauses auch weiterhin teil. Als die Kabinettsbildung des Grafen Tisza mißlungen war, betraute ihn die Krone abermals mit der Regierung (22. Sept.), diesmal unter noch schwierigern Verhältnissen. Die Obstruktion ließ ihn kaum zum Wort gelangen. Als er 29. Sept. eine in die Rechte Ungarns eingreifende Rede des österreichischen Ministerpräsidenten v. Koerber bloß akademisch zurückwies, ward er von seiner eignen Partei im Stich gelassen und erhielt 8. Nov. den erbetenen Abschied. Am 3. März 1904 wurde er im Kabinett seines Nachfolgers Tisza zum Minister a latere und bald darauf zum Kanzler des Stephansordens ernannt. Er beteiligte sich abermals an der parlamentarischen Obstruktion mit, dankte aber 1. Febr. 1905 samt dem Kabinett infolge des Ausganges der Neuwahlen ab. (Vgl. Ungarn.) Sein Wirken in Kroatien schildert: »Graf K.-H. und seine Zeit« (1903).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 877.
Lizenz:
Faksimiles:
Kategorien:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika