Kowalewsky

[548] Kowalewsky, 1) Alexander, Embryolog, geb. 7. (19.) Nov. 1840 in Dünaburg, gest. daselbst 22. Nov. 1901, studierte seit 1859 in Heidelberg und Tübingen, bereiste das Mittelmeer, Suez, Algerien etc., wurde Professor an der Universität in Petersburg und Mitglied der Akademie der Wissenschaften daselbst. Er lieferte bedeutungsvolle Arbeiten über die Entwickelung der Aszidien (1866 und 1871) und des Amphioxus (1867) und gab zum erstenmal eine annehmbare Hypothese über den Zusammenhang zwischen Wirbeltieren und Wirbellosen, indem er viele Ähnlichkeiten in der Entstehung des Amphioxus als des niedrigsten Fisches einerseits und der Aszidien als einer Gruppe der Tunikaten anderseits aufdeckte. In ähnlicher Weise war K. für fast alle Stämme des Tierreichs mit Erfolg tätig, und so zählen auch seine Arbeiten über die Anatomie des Balanoglossus (1866), über die Entwickelung der Rippenquallen (1865), über die Embryologie der Würmer und Arthropoden (1871) mit zu den Besten, was seinerzeit geliefert worden ist. Für die letztgenannte Klasse arbeitete er zuerst mit den neuern Methoden und leistete daher wesentlich mehr als seine Vorgänger. Andre Arbeiten betreffen die Exkretionsorgane und Lymphcysten der Evertebraten Auch die (in russischer Sprache veröffentlichten) Untersuchungen über die Entwickelung der Brachiopoden (1874) und Cölenteraten (1874) bieten mancherlei Neues.

2) Woldemar, Paläontolog, Bruder des vorigen, geb. 15. April 1843 in Witebsk in Kurland, gest. 28. April 1883, studierte die Rechte, seit 1867 aber in London unter Darwin und in Heidelberg, Jena und München Anatomie und Paläontologie, nachdem er sich 1868 mit Sonja Corvin-Krukowski (s. unten 4) vermählt hatte. Nach einem Aufenthalt in Paris von 1870–71 und nach mehreren Reisen übersetzte er Lyell's »Principles of geology« und Brehms »Tierleben« ins Russische und veröffentlichte von 1873–1877 mehrere Arbeiten über fossile Huftiere, in denen die Entwickelung der fossilen Lebeformen im Sinne der Darwinschen Theorie geschildert wurde. Später wandte er sich der Übersetzung naturwissenschaftlicher Werke und deutscher Klassiker ins Russische, dann der Journalistik und Buchdruckerei zu und ließ sich schließlich in kostspielige Häuserspekulationen ein. 1880 ging er als Professor der Paläontologie an die Universität Moskau. Dort wurde er Mitteilhaber der Ragosinschen Fabrik, verlor durch den Bankrott dieser Firma sein und seiner Frau Vermögen und endete durch Selbstmord. Die wichtigsten paläontologischen Arbeiten von K. sind die in deutscher Sprache in den »Palaeontographica« (Kassel) erschienenen über die Gattung Anthracotherium (1874), Entelodon (1876) und Gelocus (1877).

3) Wladimir Iwanowitsch, russ. Staatsmann, geb. 1844, trat, seiner Vorbildung nach Landwirt, 1865 in den Dienst des Domänenministeriums, wo er sich als Sachverständiger und Publizist agrarstatistischer Forschungen hervortat. Darauf ging er ins Finanzministerium über, leitete seit 1893 das Departement für Handel und Manufakturen und wurde Gehilfe des Finanzministers, mußte aber 1902 zurücktreten, weil die von ihm einberufenen landwirtschaftlichen Komitees zu freie Ansichten äußerten. Im März 1905 wurde K. Direktor des Polizeidepartements im Ministerium des Innern. K. war Redaktor des großen Sammelwerkes »Die Produktivkräfte Rußlands« (1896) und veröffentlichte zahlreiche Aufsätze in Zeitschriften.

4) Sophie (Sonja), Mathematikerin, geb. 15. Jan. 1850 in Moskau als Tochter des Artilleriegenerals Corvin-Krukowski, gest. 10. Febr. 1891 in Stockholm, verlebte ihre Jugend in einer kleinen Garnisonstadt Westrußlands und auf einem Gut ihres Vaters, von dem sie auch den ersten Unterricht empfing. Um studieren zu können, heiratete sie 1868 den Paläontologen Woldemar K. (s. oben 2), ging dann nach Heidelberg und studierte 1871–74 als Privatschülerin von Weierstraß in Berlin. Auf Grund ihrer Dissertation »Zur Theorie der partiellen Differentialgleichungen« (abgedruckt im »Journal für die reine und an gewandte Mathematik«, Bd. 80, 1874) wurde sie 1874 in Göttingen promoviert. Neben der Dissertation hatte sie zwei kaum minder bedeutende Schriften eingereicht: »Über die Reduktion einer Klasse Abelscher Integrale dritten Grades in elliptische Integrale« und »Zusätze und Bemerkungen zu Laplaces Untersuchungen über die Gestalt des Saturnringes« (beide in den »Acta mathematica«, Bd. 4, 1884). Sie ging nun nach Rußland zurück, 1878 aber nach Paris und, nachdem sie durch den Selbstmord ihres Mannes Witwe geworden, 1883 nach Berlin. 1884 erhielt sie eine Professur der höhern Analysis in Stockholm. Sie schrieb noch: »Über die Brechung des Lichtes in kristallinischen Mitteln« (in den »Acta mathematica«, Bd. 6, 1885); »Über einen besondern Fall des Problems der Rotation eines schweren Körpers um einen festen Punkt« (ebenda, Bd. 12, 1889), welch letzterer Arbeit von der Pariser Akademie der Baudinsche Preis zuerkannt wurde, den man wegen der außerordentlichen Leistung von 3000 auf 5000 Frank erhöhte. Auch auf dem Gebiete der schönen Literatur war Frau K. tätig; so in den Romanen »Der Privatdozent«, einer Schilderung des deutschen Universitätslebens; »Die Schwestern Rajevski«, einer Schilderung ihrer eignen Kindheit; »Die Nihilistin« (deutsch, Wien 1896) u. a. Ihre »Skizzen aus dem russischen Leben« erschienen gesammelt in den »Literaturnyja sočinenija« (Petersb. 1893). Vgl. ihre »Jugenderinnerungen« (deutsch von Flachs, Berl. 1896), dazu Anna Leffler, Sonja Kovalevsky (Stockh. 1892; deutsch in Reclams Universal-Bibliothek, 1894) und den Nekrolog von Mittag-Leffler in den »Acta mathematica«, Bd. 16.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 11. Leipzig 1907, S. 548.
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