Lauch [1]

[236] Lauch, Gattung der Liliazeen, s. Allium. Die Hauszwiebel (Sommerzwiebel, gemeine Zwiebel, Bolle, A. Cepa L.), zweijährig, mit einfacher Zwiebel, dünnhäutigen äußern Hüllen, breitröhrigen, schlauchartigen, blaßgrünen Blättern, blattlosem, wie die Blätter in der Mitte bauchig aufgetriebenem Blütenstiel, sehr großem, kugeligem Blütenstand ohne Brutzwiebeln und grünlichweißen Blüten, ist eine uralte Kulturpflanze, deren Heimat man nicht kennt, und wird in mehreren Varietäten (blaßrote Erfurter Zwiebel und Zittauer Riesenzwiebel, s. Tafel »Gemüsepflanzen IV«, Fig. 4 u. 5, und Tafel »Blattformen II«, Fig. 28) mit runden, plattrunden oder birnförmigen Zwiebeln kultiviert. Die Madeirazwiebel, fast kugelig, rötlich oder plattweiß, von enormer Größe, von mildem, süßem Geschmack, aber im Winter wenig haltbar, erreicht nur in wärmern Gegenden die volle Größe; sie wird als Gemüse, auch gefüllt, gegessen. Die Bellegard, von ovaler Form, oft von 50 cm Umfang und 1,5 kg schwer, hat seines, süßes Fleisch, ist aber nicht haltbar. Sie fordert milden oder sandigen Lehm in sonniger, warmer Lage, gedeiht am besten nach einer gut gedüngten Hackfrucht und verträgt eine Jauchendüngung. In den im Herbst tief gepflügten oder sorgfältig gegrabenen Boden sät man die Zwiebeln im April, walzt oder tritt die Oberfläche mit Tretbrettern fest und stellt die Pflänzchen später 10 cm, bei Steckzwiebelkultur 4–5 cm weit voneinander. Im August oder September wird geerntet; die kleinen Zwiebeln (Steckzwiebeln) legt man im nächsten Frühjahr 4 cm tief und 15 cm weit voneinander, worauf sie sich schnell vergrößern, aber früh geerntet werden müssen, damit sie nicht in Samen schießen. Zur Samenzucht bringt man die Zwiebeln im März in ein ganz flaches, stark gedüngtes Beet und stellt sie 30–45 cm weit voneinander. Der Same bleibt drei Jahre keimfähig. Vgl. Handelspflanzen, S. 737. Die Zwiebeln werden in Süd- und Osteuropa roh oder geröstet wie Obst oder Gemüse gegessen, bei uns fast nur als Küchengewürz benutzt. Sie enthalten ein schwefelhaltiges ätherisches Öl und wirken dadurch reizend auf den Magen, erzeugen aber übelriechenden Atem und ähnliche Ausdünstung. Die Winterzwiebel (Röhrenlauch, Schlottenzwiebel, Schnittzwiebel, ewige Zwiebel, Jakobs-, Johannislauch, Klöwen, A. fistulosum L.), ausdauernd, mit mehreren kleinen, länglichen, nebeneinander stehenden Zwiebeln, sonst der vorigen ähnlich, stammt aus Sibirien, vom Altai bis Daurien und wird bei uns vielfach kultiviert. Sie gedeiht in mürbem Boden von einiger Kraft, wird durch Zwiebelbrut fortgepflanzt und bleibt über Winter stehen. Man benutzt vielfach nur die Blätter als Küchengewürz, auch zum Füttern junger Truthühner und läßt die Zwiebeln dann mehrere Jahre an derselben Stelle. Die Zwiebeln schmecken milder als die Hauszwiebeln. Die Schalotte (Eschlauch, askalonische Zwiebel, A. ascalonicum L.), mit mittelgroßen, schiefeiförmigen, büschelig gehäuften Zwiebeln, pfriemenförmigen, nicht aufgeblasenen Blättern, kugeligem Blütenstand, zuweilen mit Brutzwiebeln, bei uns selten erscheinenden hellvioletten Blüten, ist ausdauernd und wird, da bei uns der Same nie reist, durch Zwiebeln fortgepflanzt. Sie verlangt einen sandigen Boden in geschützter, warmer Lage. Man steckt kleine Zwiebeln im Oktober 15 cm weit voneinander, bedeckt das Beet über Winter mit Pferde- oder Stallmist und hält den Boden im Sommer unkrautrein und locker. Die Zwiebeln mit äußern braungelben und innern violetten Hüllen schmecken milder und seiner als die gewöhnliche Zwiebel und werden als feineres Küchengewürz benutzt. Um sie ein Jahr lang zu erhalten, dörrt man sie über dem Ofen. Sie stammt aus Kleinasien, Syrien, Palästina, kam durch Kreuzfahrer nach Europa und soll nach der Stadt Askalon, wo sie früher gebaut wurde, benannt sein. Der Schnittlauch (Gras-, Hohl-, Suppen-, Jakobs-, Johannis-, Breislauch, A. schoenoprasum L.), mit sehr kleinen, weißen, länglichen, in Büscheln beisammenstehenden Zwiebeln, dünnen, hohlen, nicht aufgeblasenen Blättern, die einen Rasen bilden, und wenig höhern Blütenschäften mit rotvioletten Blümchen in kugeligen Blütenköpfchen, ohne Brutzwiebeln, wächst auf Gebirgswiesen in Europa, Nord- und Mittelasien, Nordamerika und wird vielfach in Gärten kultiviert. Er gedeiht am besten in leichtem, warmem Erdreich und wird durch Zerteilung der Stöcke, die man alle zwei Jahre vornimmt, fortgepflanzt. Nur die Blätter werden benutzt. Der Porree (Borree, Winterporree, Welschzwiebel, gemeiner L., spanischer L., Aschlauch, Fleischlauch, A. Porrum L.), mit weißer, rundlicher Zwiebel, fast ohne Nebenzwiebeln in den Achseln der Zwiebelblätter, mit flachen, gekielten, länglich-lanzettlichen Blättern, vielblätteriger, langgeschnäbelter Hülle, die länger ist als der große, kugelige, vielblütige Blütenstand, hellpurpurnen Blüten und eirunden Kapseln. Man sät ihn im Frühjahr, verpflanzt ihn um Johannis 24 cm weit voneinander und schlägt ihn im Winter im Garten recht tief ein, damit die Blätter bleichen, oder läßt ihn im Lande stehen und bedeckt ihn mit Stroh. Die Samenzucht geschieht wie bei der Hauszwiebel. Man benutzt ihn als Gemüse und Küchengewürz. Der Porree (s. Tafel »Gemüsepflanzen IV«, Fig. 6) ist eine Kulturform des im Mittelmeer heimischen A. ampeloprasum L., welche Art als Sommerporree kultiviert wird. Sie gleicht dem Porree sehr, trägt rote Blüten, hat rot angelaufene Stengel und entwickelt weit stumpfere Kapseln. Sie schmeckt pikanter und ist besonders im Orient geschätzt. Man tut gut, die Zwiebeln im Herbst aus dem Lande zu nehmen. Der Knoblauch (A. sativum L), mit länglich-eiförmigen Nebenzwiebeln (Zehen) an der grundständigen Zwiebel, 60–90 cm hohem, stielrundem Stengel, breitlinealen, flachen, etwas rinnigen Blättern, langgeschnäbelter, in einem Stück abfallender Hülle und einer Blütendolde, in der zwischen zahlreichen Zwiebelchen wenige weißlich rosenrote Blüten stehen, die keinen Samen entwickeln, ist ausdauernd, stammt aus der Dsungarei, kommt bei[236] uns verwildert vor und wird in sandigem Boden von alter Kraft in warmer Lage kultiviert. Man steckt die Zehen im Herbst oder im März 20 cm weit voneinander und erntet sie im August, erhält aber viel größere Zwiebeln, wenn man die Pflanze zweijährig werden läßt. Die Zwiebelchen der Blütendolde brauchen ein Jahr mehr zur Entwickelung. Der Knoblauch wird als Würze zu Saucen und Fleischspeisen besonders von Juden, Russen und Türken benutzt und erzeugt widerwärtige, lange anhaltende Ausdünstung. Man braucht ihn außerdem in Abkochung zu Klistieren, um die Spulwürmer zu vertreiben, früher auch als Arzneimittel und zur Zeitigung von Geschwüren. Das ätherische Öl des Knoblauchs ist im wesentlichen Schwefelallyl. Eine Varietät des Knoblauchs ist der feinere spanische L., mit dickern, stumpfen Zehen, und der Schlangenlauch (A. sativum var. Ophioscorodon Don.), mit rundlich-eiförmigen, bis fast kugeligen Nebenzwiebeln und unter dem Blütenstand meist ringförmig umgebogenem Stengel. Diese Varietät liefert die Perlzwiebeln oder Rockenbollen (Rocambole), die immer nur durch Zwiebelbrut fortgepflanzt werden können; man steckt sie im September und erhält im Frühjahr Blätter und um Johannis die kleinen, weißen, glatten Zwiebeln. A. scorodoprasum L., mit einfacher, braunschaliger Zwiebel, die bei der Entwickelung zum Stengel sein ich eine neue Zwiebel erzeugt, weit kürzern, flachen, am Rande scharfen Blättern, plötzlich kurz geschnäbelter, selten stumpfer Hülle, die kürzer ist als der kugelige Blütenstand, in dem zwischen rotbraunen Zwiebelchen einige tief purpurrote, unfruchtbare Blüten stehen. Er findet sich in Süd- und Mitteleuropa, bei uns überall und wird wie Knoblauch kultiviert und benutzt. Die Zwiebelgewächse enthalten:

Tabelle

Die Laucharten sind wohl meist im innern Asien heimisch, aber als herbe Würzen schon in grauer Vorzeit verbreitet worden. In Ägypten finden wir Zwiebeln und Knoblauch von jeher als Bestandteil der allgemeinen Volksnahrung, und die Juden sehnten sich in der Wüste danach zurück. Sie vor allen blieben dem Knoblauch treu zu allen Zeiten und verdanken ihm wohl einen Teil des bekannten foetor judaicus. Sogar als heilig und geweiht galten die Laucharten den Ägyptern und wurden daher von Priestern und Frommen nicht berührt. Die Zwiebeln von Askalon beschreibt schon Theophrast; Knoblauch und Zwiebeln spielten am persischen Hof eine große Rolle, und auch Homer kennt die Zwiebel und erwähnt sie als Beiessen zum Mischtrank des Nestor. Auch später blieben in Griechenland und Italien die Zwiebelgewächse beliebteste Volksnahrung; aber mit der steigenden Bildung schlug bei den höhern Ständen die Vorliebe in Widerwillen um, und Zwiebel- und Knoblauchgeruch verriet den Mann aus dem niedrigsten Volk. Jemand »Zwiebel anwünschen« bedeutete jetzt nichts Gutes, und Horaz wird nervös, wenn er des Knoblauchs gedenkt. Dem scharfen Geruch und Geschmack verdankten die Laucharten anderseits abergläubische Anwendung gegen Gift und Zauberei, und eine gewisse Art (A. nigrum L.?) galt für die bei Homer »Moly« (s. d.) genannte Pflanze, durch die Odysseus der Kirke widerstand. Zu den Germanen kam die Zwiebel über Italien. Russen und Türken sind noch heute starke Zwiebelesser, und auch weiter nach Asien hinein huldigen Hohe und Niedere dem Zwiebelgenuß, während im europäischen Süden Zwiebeln und Knoblauch auch jetzt noch ebenso gesucht und gemieden werden wie im Altertum. Verhältnismäßig am wenigsten Beifall hat die Zwiebel und vollends der Knoblauch in Norddeutschland gefunden.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 12. Leipzig 1908, S. 236-237.
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