Naphthălin

[667] Naphthălin (Steinkohlenkampher) = C20H8, ein zuerst im Steinkohlentheer entdeckter Kohlenwasserstoff, welcher sich auch aus dem Theer von vegetabilischen Stoffen in höherer Temperatur, sowie durch theilweise Oxydation bildet, es findet sich daher im Ruß, Ofenrauch u. namentlich in dem bei der Bereitung des Leuchtgases gewonnenen Steinkohlentheer; es entsteht ferner neben Benzon bei der trockenen Destillation des benzoësauren Kalks, sowie des Camphers u. mehrer anderer Körper immer dann, wenn die Temperatur sehr hoch u. die Hitze lange anhaltend ist. Man erhält es rein durch Rectification des Steinkohlentheers, Waschen des ausgeschiedenen N-s u. Umkrystallisiren desselben aus heißem Alkohol. Es bildet weiße, silberglänzende Blättchen od. Nadeln, welche bei 79° schmelzen, bei 212° kochen, u. unverändert überdestilliren, mit heller Flamme brennen, scharf aromatisch schmecken, sich wenig in kochendem Wasser, leicht in Alkohol, Äther u. Ölen lösen. Essigsäure u. einige andere Säuren lösen es mit röthlicher Farbe auf; spec. GEw.; 1,048; geht mit mehreren Säuren u. mit Chlor eigenthümliche Verbindungen ein.

A) Mit Schwefelsäure. Wenn man eine gesättigte, syrupdicke Auflösung von N. in Schwefelsäurehydrat aus der Luft Wasser anziehen läßt, od. ein wenig Wasser zusetzt, so erstarrt dieselbe zu einer festen, schmutzig-violetten Masse, welche, unter einer Glocke auf einem Ziegelstein getrocknet, grauweiß, blätterig krystallinisch wird, u. aus einem Gemenge von zwei wasserfreien Säuren: Naphthalinunterschwefelsäure u. Naphthinunterschwefelsäure besteht. Naphthalinunterschwefelsäure, C20H8, S2O5, aus dem Bleisalze dieser Säuren dargestellt, u. im leeren Raume über Schwefelsäure getrocknet, bildet eine farblose, harte krystallinische Masse, enthält 3 Atome Wasser, schmilzt bei 100°, erstarrt nach dem Erkalten wieder krystallinisch, wird bei höherer Temperatur zersetzt, ist in Wasser leicht löslich, an der Luft zerfließlich. Ihre Salze sind in Wasser, zum Theil auch in Alkohol löslich. Naphthalinunterschwefelsaures Bleioxyd krystallisirt in schuppig verwebten Blättchen od. sich glimmerartig spaltenden Krystallen. Naphthalinunterschwefelsaurer Baryt krystallisirt aus Wasser in kleinen Schuppen, aus Alkohol in größeren, durchsichtigen, glänzenden, an der Luft verwitternden Blättern. Naphthinunterschwefelsäure = C11H9O, S2O5, eine krystallinische, an der Luft dunkler werdende, nicht zerfließende, in Alkohol lösliche Masse. Ihre Salze lösen sich leicht in Wasser, schwer in Alkohol. Läßt man zu schmelzenden N. Dämpfe von wasserfreier Schwefelsäure treten, so bildet sich eine syrupdicke, schöne rothe Flüssigkeit, welche bei unvollständiger Sättigung, außer etwas freien N, Sulphonaphthalin u. Sulphonaphthalid enthält, welche sich beim Sieden der Masse mit Wasser, bis zur Verflüchtigung des freien N-s, als ein talgartiger Körper abscheiden u. durch wasserhaltigen Alkohol getrennt werden. Sulphonaphthalin = C20H8, SO2, löst sich in Weingeist, krystallisirt warzenförmig, ist geruch- u. geschmacklos, schmilzt bei 70°, erstarrt zu einer durchsichtigen Masse. Das Sulphonaphthalid = C24H10, SO2, löst sich sehr wenig in Weingeist, ist geruch- u. geschmacklos, schmilzt nicht bei 100°.

B) Durch Einwirkung siedender Salpetersäure auf N. entstehen mehre, je nach der Dauer der Einwirkung verschiedene, von Laurent entdeckte Producte. Nitronaphthalase (Nitrouaphthalid, salpetrigsaures Ikodekatesseryloxyd) = C20H7, NO4, bildet vierseitige, zugespitzte, gelbe Prismen, schmilzt bei 43°, gesteht bei 54°, sublimirt in gelinder Wärme, verbrennt u. delonirt schwach in höherer Temperatur, löslich in Alkohol, nicht in Wasser, wirkt nicht auf Pflanzenfarben, wird von Chlor zersetzt, löst sich in concentrirter Schwefelsäure, auch mit rother Farbe in weingeistiger Lösung von Kalihydrat. Nitronaphthalese = C20H6, 2 NO4 (Nitronaphtehyd, Dinitronaphthalid, salpeterigsaures Dekahexyloxyd), durch weitere Behandlung des vorigen mit Salpetersäure gebildet, krystallinisches farbloses Pulver, ohne Wirkung auf Pflanzenfarben, schmilzt u. sublimirt bei 185°, detouiri bei stärkerer u. schneller Erhitzung, löst sich nicht in Wasser, wenig in Alkohol, leichter in Äther, auch in Schwefelsäure, nicht in Salz- od. Salpetersäure. Mit Kalilauge gekocht entwickelt es Ammoniak. Schwefelwasserstoff gibt damit Naphthalidin (s.d.). Nitronaphthaleïse = C40H11, 5 NO4, krystallisirt in gelblichen, federartig vereinigten Nadeln, löst sich nicht in Wasser, wenig in Alkohol, schmilzt in kochendem Alkohol zu Öltropfen, wird durch weingeistige Lösung von Ätzkali aufgelöst u. beim Kochen zersetzt, in Salpetersäure löslich u. daraus krystallisirbar. Nitronaphthalise (Trinitronaphthalid,) = C20H5, 3 NO4, entsteht durch mehrtägiges Sieden des N-s mit Salpetersäure, stellt Nadeln od. verlängerte gezähnte Lamellen dar, ist schwach gelblich, geruchlos, unlöslich in Wasser, wenig löslich in Alkohol u. Äther, schmilzt nach Laurent bei 210°, auf einem Blech erhitzt, flüchtig, in verschlossenem Gefäße beim Verbrennen Kohle zurücklassend, in Salpetersäure u. Schwefelsäure löslich; wird durch weingeistige Kalilösung zersetzt. Wenn Nitronaphthalin eine Stunde lang auf 100° erhitzt, dann mit Wasser u. Salzsäure ausgezogen u. der ungelöste Rückstand mit Wasser destillirt wird, so erhält man das Nitronaphthin = C16H7, NO4, es bildet strohgelbe Krystalle welche, bei 48° schmelzen, bei[667] 290° sieden u. sich in Äther leicht, in Wasser nur wenig lösen. Kali bildet damit die Nitronaphthinsäure = C32H12N2O8 + 2 HO, sie bildet goldgelbe Krystalle von stechendem Geschmack, mit den meisten Basen verbindet sie sich zu gelben Salzen, ihre Lösung gibt mit Silber-Baryt u. Kalksalzen gelbe Niederschläge. Eine andere bei der Behandlung von N. mit Salpetersäure sich bildende Säure ist die Nitronaphthalinsäure, C16H3NO6 + 2 HO, welche in schönen rhombischen Tafeln krystallisirt. Wird Nitronaphthalin mit schwefeligsaurem Ammoniak u. Weingeist behandelt, so bilden sich zwei isomere Säuren Naphthionsäure u. Thionaphthamsäure (C20H8NS2O5 + HO). Die Salze der Thionaphthamsäure sind röthlich u. verändern sich schnell an der Luft, die Säure selbst läßt sich nicht isolirt darstellen, Säuren zerlegen die Salze in Naphthylamin u. in schwefelsaures Salz. Die Naphthionsäure krystallisirt in seidenglänzenden Nadeln, ist in kaltem Wasser u. Alkohol fast unlöslich, concentrirte Kalilauge u. Salzsäure verändern sie auch beim Kochen nicht; ihre Salze sind nicht löslich u. krystallisirbar.

C) Bei Einwirkung des Chlors in gewöhnlicher Temperatur bildet sich zuerst salzsaure Chlornaphthalase = C20H7Cl + HCl (Naphthalinchlorür), öliger, gelber, in Alkohol u. Äther, nicht aber in Wasser löslicher Körper, von dem sich durch Destillation für sich od. mit Kalilauge die Elemente von 1 Atom Salzsäure trennen, u. Chlornaphthalase = C20H7Cl (Chlornaphthalin), ölartig, farblos, flüchtig, destillirbar, dargestellt wird. Neben dem vorigen bildet sich u. bleibt nach Behandlung mit kaltem Äther salzsaure Chlornaphthalese (Naphthalinchlorid) = C20H6Cl2 + 2HCl, weißes, krystallinisches, in Wasser nicht, wenig in Alkohol, in 30 Theilen siedendem Äther lösliches Pulver, aus letzterem krystallisirt es in farblosen rhombischen Tafeln, schmilzt bei 160°, verliert in höherer Temperatur Salzsäure u. geht in Chlornaphthalese = C20H6Cl2 (Dekahexylchlorür) über, krystallisirt in langen rhombischen Prismen, ist geschmacklos, geruchlos, leicht in Alkohol u. Äther löslich, bei 44° schmelzend, destillirbar; verwandelt sich durch Behandlung mit Chlor in Perchlornaphthalese = C20H6Cl6, krystallisirt in kleinen, sehr glänzenden, schiefen, rhombischen Prismen, löst sich in warmem Äther, ist geruch- u. geschmacklos, in kaltem Alkohol wenig löslich, schmilzt bei 141°. Parachlornaphthalese hat gleiche Zusammensetzung u. ähnliche Eigenschaften wie Chlornaphthalese, bildet sich beim Kochen des Letzteren in Kalilauge neben einem, eben so zusammengesetzten ölartigen Körper, krystallisirt in kleinen, spitzen Lamellen, schmilzt bei 28°. Chlornaphthalase (Dekapentylchlorid) = C20H5Cl3, entsteht bei Einwirkung von Chlor auf Nitronaphthalase, auch bei Sättigung des N-s mit Chlor, ist farb- u. geruchlos, nicht in Wasser, wenig in Alkohol, leicht in Äther löslich, krystallisirt in federartig vereinigten Nadeln, od. unregelmäßig sechsseitigen Prismen, welche sich wie Wachs kneten lassen, schmilzt bei 75°. Chlornaphthalose (Dekatetrylchlorid) = C20H7Cl4, entsteht aus der beschriebenen Chlorverbindung aus dem Nitronaphthalase, bei Behandlung derselben mit Chlor in der Wärme, als das letzte Product dieser Einwirkungen, ist farb- u. geruchlos, krystallisirt in langen, bei 120° schmelzenden Nadeln, läßt sich destilliren. Alle diese Chlorverbindungen können noch 1 od. mehre Atome Chlor aufnehmen. Die Monochloroxynaphthalinsäure = C20H4ClO5 + HO, u. die Perchloroxynaphthalinsäure = C20Cl5O5 + HO, lassen sich als die Chlorsubstitute der Oxynaphthalinsäure = C20H5O5 + HO, ansehen, welche jedoch noch nicht dargestellt worden ist. Die Monochloroxynaphthalinsäure erhält man, indem man Chlornaphthalinbichlorür (C20H7Cl + Cl2) mit Salpetersäure kocht, Äther zugießt, das sich abscheidende Chloroxynaphthylchlorür mit alkoholischer Kalilösung kocht u. die mit Wasser verdünnte Flüssigkeit durch Schwefelsäure zersetzt. Diese Säure krystallisirt in farblosen Nadeln, welche unlöslich in Wasser sind, bei 200° schmelzen u. ohne Zersetzung flüchtig sind; mit Alkalien färbt sie sich roth, die Perchloroxynaphthalinsäure bildet mit Alkalien carminrothe Salze. Brom bildet mehre ähnliche Naphthalin-, auch Chlor-Bromnaphthalinverbindungen. Wird N. od. besser Naphthalinchlorid mit Salpetersäure gekocht, so bildet sich Phthalsäure, Phthalinsäure, Dekatetrylsäure, früher Alizarinsäure = C16H4O6 + 2HO, welche mit Ammoniak das Phthalimid (Dekatyloxydamidür) = C14H4O5, H2N, einen in Nadeln krystallisirenden Körper, gibt. Paranaphthalin (Anthracen), C30H12, findet sich neben Naphthalin in manchem Theer u. läßt sich vom Naphthalin durch kochenden Alkohol trennen, in welchem es fast unlöslich ist, es ist weiß, blätterig krystallinisch, nicht in Wasser, wenig Äther, leichter in Terpentinöl löslich, schmilzt bei 180°, destillirt bei 300°, geht mit Salpetersäure u. Chlor Verbindungen ein. Metanaphthalin, ist ebenfalls ein fester Kohlenwasserstoff, welcher bei 70° schmilzt u. bei 325° siedet; er findet sich in den bei der Leuchtgasbereitung aus Harz zuletzt übergehenden Destillat, soll isomer mit N. sein.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 11. Altenburg 1860, S. 667-668.
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