Schopenhauer

[388] Schopenhauer, 1) Johanna, geb. im Juli 1766 zu Danzig, Tochter des Senators Trosina, heirathete den dortigen Kaufmann Heinrich Floris S., bereiste mit demselben einen großen Theil von Europa u. lebte seit 1793 in Hamburg; nach dem Tode ihres Gatten ging sie 1806 nach Weimar u. lebte dort als Mittelpunkt eines belletristischen Kreises, 1832–37 in Bonn, dann in Jena den Künsten, bes. dem Zeichnen, u.st. 18. April 1838 in Jena; sie schr.: Fernows Leben, Tüb. 1810; Erinnerungen von einer Reise durch England u. Schottland, Rudolst. 1813, 3. Aufl. 1826; Novellen, ebd. 1816; Reise durch das südliche Frankreich, Lpz. 1817, 2 Bde., 2. A. 1824; Ausflucht an den Rhein, ebd. 1818; Jan van Eyck u. seine Nachfolger, Frankf. a. M. 1821, 2 Bde.: die Romane: Gabriele, Lpz. 1819 f., 3 Thle., 2. Aufl. 1826; Die Tante, ebd. 1823, 2 Bde.; Sidonia, ebd. 1828, 3 Thle., u.a.; Erzählungen u. Novellen, gesammelt Frankf. 1825–28, 8 Bde., u. 1832, 3 Bde.; Ausflug an den Niederrhein u. Belgien, Lpz. 1831; Sämmtliche Schriften, ebd. 1830 f., 24 Bde.; Literarischer Nachlaß mit ihrer Selbstbiographie, Braunschw. 1839, 2 Bde. 2) Arthur, Sohn der Vor., geb. den 22. Febr. 1788 in Danzig, machte mit seinen Eltern 1803 f. eine Reise durch England u. Frankreich, studirte dann 1809–1813 in Göttingen u. Berlin Naturwissenschaften, Geschichte u. Philosophie u. lebte im Winter 1813–14 in Weimar, wo er Goethes persönlichen Umgang genoß; 1814 bis 1818 privatisirte er in Dresden, bereiste 1818 u. 1819 Italien, habilitirte sich 1820 als Privatdocent der Philosophie in Berlin, hielt aber nur[388] kurze Zeit Vorlesungen, bereiste 1822–25 nochmals Italien, die Schweiz u. Deutschland, lebte dann wieder in Berlin u. seit 1831 in Frankfurt a. M., wo er 21. Septbr. 1860 starb. Die Philosophie S-s, welche erst in dem letzten Jahrzehnt eine allgemeinere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, beruht ihren Grundlagen nach auf einer Benutzung u. Umbildung Kantischer u. Fichtescher Lehren, während deren Ausführung u. Anwendung in hohem Grade eigenthümlich ist. Sie betont den Satz, daß die Gesammtheit der Dinge, die Welt, Object nur in Beziehung auf ein Subject, also bloße Vorstellung sei, noch schärfer als Kant selbst. Das nächste u. unmittelbar Vorgestellte des Subjects ist der eigene Leib; aber die Bewegungen des Leibes sind eben so unmittelbar identisch mit Actionen des Willens. Diese Erkenntniß nun, daß das Wesen u. Wirken unseres eigenen Leibes der objectivirte, in Anschauung gesetzte Act des Willens sei, soll den Schlüssel zum Wesen jeder Erscheinung der Natur darbieten; diese Analogie lehre, daß das wabre Ding an sich, das Innerste, der Kern jedes einzelnen Dinges u. eben so des Ganzen, in der leblosen wie in der belebten Natur, dasselbe sei, was wir in Beziehung auf die Actionen unseres eigenen Leibes Willen nennen. Dieser zunächst grund- u. bewußtlose Wille ist an sich unerkennbar, erkennbar nur in seinen Beziehungen zu den Erscheinungen, in denen er sich darstellt. Er objectivirt sich in verschiedenen Formen u. Stufen, für deren Bezeichnung, da die Zahl der Individuen u. ihre Aufeinanderfolge in der Zeit dem Willen gleich gültig ist, sich S. auf die platonischen Ideen beruft. So wie z.B. Zähne, Schlund u. Darmkanal der objectivirte Hunger, die Genitalien der objectivirte Geschlechtstrieb etc. sind, so ist die Erkenntniß u. ihr Sudstrat, der Intellect od. die Vernunft, ein blos secundäres, nur die höheren Stufen der Objectivation des Willens begleitendes Phänomen. Indem nun der Wille in die Erscheinung tritt, in welche er als frei (im Sinne der transscendentalen Freiheit Kants) nie treten kann, verwickelt er die Erscheinung dadurch in neuen Widerspruch, daß die Freiheit das innere Wesen der Erscheinung aufhebt, während diese selbst in der Zeit noch fortdauert; dieser Widerspruch soll sich, wenigstens für erkennende Wesen, lösen durch die Verneinung des Willens zum (individuellen) Leben, deren Möglichkeit auf der Einsicht beruht, daß alle Verschiedenheit der Individuen nur Erscheinung ist, jenseits deren die Einheit liege. Darauf beruht Mitleid, Selbstverleugnung u. Aufopferungsfähigkeit; das Mitleid, aus welchem Gerechtigkeit u. Menschenliebe hervorgehen, wurzelt in der Einsicht in die Nichtigkeit der erscheinenden Vielheit. So ist die Verneinung des Willens zum Leben der erlösende Rückgang in das Eine, während die Beziehung des Willens zum Leben, das Festhalten an der Individualität, sich in dem Egoismus u. der Bosheit als den allgemeinsten Eigenschaften, dem innersten Kern des natürlichen Menschen darstellt. Überhaupt ist die Ansicht der wirklichen Welt bei S. eine trübe u. melancholische, fast pessimistische; es gibt in der Welt als Ganzes betrachtet keinen Zweck; der Schein der Zweckmäßigkeit der Natur entsteht lediglich dadurch, daß die Natur Erscheinung des mit sich selbst überall übereinstimmenden Willens ist; die Zwecke aber, welche das einzelne lebendige Wesen, in welchem ein Intellect ist, verfolgt, sind vermöge der darin liegenden Bejahung des Willens zum Leben egoistische u. boshafte, so lange nicht die Erkenntniß der Nichtigkeit alles Individuellen das Mitleid hervortreten läßt. S-s Schriften sind: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, Rudolst. 1813, 2. Aufl. 1847: Die Welt als Wille u. Vorstellung, Lpz. 1819, 2 A. 1844, 2 Bde., 3. A. 1862; Über das Sehen u. die Farben, 1816 (lateinisch im 3. Bd. von Radius Scriptores opththalmologici min., 1830); Über den Willen in der Natur, Frankf. 1836; Die beiden Grundprobleme der Ethik (die Freiheit des menschlichen Willens [von der Kopenhagner Societät der Wissenschaft gekrönte Preisschrift u. das Fundament der Moral), Lpz. 1841, 2. A. 1869; Parerga u. Paralipomena (kleine Philosophische Schriften), 1851, 2 Bde.; u. übersetzte Juan de Lastanosa's Auszug aus Balthazar Graeian's Handorakel u. Kunst der Weltklugheit aus dem Spanischen, ebd. 1862. Vgl. F. Dorguth, S. in seiner Wahrheit, 1845; Derselbe, Die Welt als Einheit, Lpz. 1848; Frauenstädt, Briefe über die S-sche Philosophie, ebd. 1854; Cornill, Arthur S. als Übergangsformation von einer idealistischen in eine realistische Weltanschauung dargestellt, Heidelb. 1856; Bähr, Die S-sche Philosophie, Dresd. 1857; Seydel, S.-s philosophisches System (Preisschrift), Lpz 1857. W. Gwinner, A. S. aus persönlichem Umgange dargestellt, ebd. 1862; I. Frauenstädt, A. S-, Lichtstrahlen aus seinen Werken, ebd. 1862; Derselbe, Briefe über die S-sche Philosophie, ebd. 1862. 3) Adele, Schwester des Vor., geb. 1802 in Hamburg, siedelte mit ihrer Mutter 1806 nach Weimar, wo sie auch nach deren Tode noch blieb, dann aber sich nach Bonn wendete, von wo aus sie Italien besuchte; 1848 kehrte sie nach Deutschland zurück u. starb am 25. Aug. 1849 in Bonn. Sie schr.: Haus-, Wald- u. Feenmärchen, Lpz. 1844, 2 Bde.; Anna (Roman), ebd. 1846, 2 Bde.: Eine dänische Geschichte (Erzählung); auch hatte sie Theil an mehren Schriften ihrer Mutter.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 15. Altenburg 1862, S. 388-389.
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