Sophist

[299] Sophist (v. gr.), bedeutet eigentlich denjenigen, welcher im Stande ist Andere klug, einsichtig u. weise zu machen. Protagoras (s.d.) soll der erste gewesen[299] sein, welcher sich diesen Namen ausdrücklich beilegte; im 5. Jahrh. v. Chr. wurde er auf die ganze Klasse von Lehrern der Beredtsamkeit, der Politik u. sonstiger gemeinnütziger Kenntnisse übertragen u. erhielt schon frühzeitig die üble Nebenbedeutung, welche er jetzt im gewöhnlichen Leben ebenso wie im wissenschaftlichen Sprachgebrauch hat. Unter den griechischen S-en, welche aber nicht alle gleiche Bedeutung haben, werden namentlich genannt Protagoras aus Abdera, Gorgias aus Leontium, Prodikos von Keos, Hppias aus Elis, Thrasymachos aus Chalcedon, Polos aus Agrigent, Euenos von Paros, Lykophron, Euthydemos, Dionysiodoros, Kritias, Kallikles aus Athen u.a. Der große Beifall, welchen namentlich die zuerst genannten S-en vor Allem bei der griechischen Jugend fanden, erklärt sich aus den allgemeinen Bildungsbedürfnissen der damaligen Zeit. In den griechischen Gemeinwesen mit ihrer demokratischen Verfassung, namentlich in Athen, war die Beredtsamkeit, die Fertigkeit eines raschen u. gewandten Denkens u. die Kunst einer glänzenden u. hinreißenden Darstellung, welche die S-en lehrten, eines der wirksamsten Mittel des politischen Einflusses; daher auch die Anfänge der Sophistik mit der Rednerschule des Korax in Sicilien in Verbindung gesetzt u. die ältere Sophistik eine Art Rhetorik genannt wurde. Damit verband sich das allgemeine Bedürfniß einer vielseitigen Bildung u. der Aneignung solcher Kenntnisse, welche für das praktische Leben nützlich sind. Die damalige Philosophie konnte dieses Bedürfniß nicht befriedigen; zugleich hatte sie das Ansehen der althergebrachten Sittenvorschriften u. der volksthümlichen religiösen Vorstellungen selbst mit untergraben helfen, u. in diese zersetzende u. auflösende Richtung griffen die S-en, denen es nicht um die Sache selbst, sondern um den, durch eine geschickte Behandlung derselben zu erreichenden Erfolg zu thun war, durch die Übung einer reflectirenden Thätigkeit, welche jeden Gegenstand nach den besonderen Zwecken des reflectirenden Subjectes zu wenden lehrt, fördernd u. entwickelnd ein. Auf theoretischem Gebiete leugneten sie die Möglichkeit eines objectiven Wissens, indem sie entweder, wie Protagoras, den Menschen für das Maß der Dinge, d.h. die jedesmalige Empfindung u. Ansicht für das über Wahrheit u. Falschheit Entscheidende erklärten, od., wie Gorgias, dialektisch die Unmöglichkeit eines Wissens über die Natur der Dinge zu erweisen suchten; in sittlicher u. praktischer Beziehung leugneten sie die Allgemeingültigkeit von dem subjectiven Verlangen u. Belieben unabhängiger sittlicher u. bürgerlicher Gesetze u. erklärten eine bloße Klugheits- u. Lustlehre für die einzige Regel u. Norm des menschlichen Handelns, eine Lebensansicht, welche Plato einzelne von ihnen, wie z.B. den Kallikles, in seinem Gespräche Gorgias bis zu den äußersten Consequenzen entwickeln läßt. Obwohl die S-en sich vorzüglich in Athen, dem damaligen Mittelpunkte des geistigen Lebens in Griechenland, aufhielten, so durchzogen sie doch lehrend u. Reden haltend auch die griechischen Städte, u. die hohen Preise, welche sie für ihren Unterricht erhielten (Protagoras soll für die Ausbildung eines Zöglinges 100 Minen = 2290 Thlr. erhalten u. Gorglas große Reichthümer erworben haben), beweisen, welchen Werth die vornehme Jugend auf ihre Unterweisung legte. Inhalt u. Form ihrer Lehren riefen von Seiten des Sokrates (s.d.) u. seiner Schüler, namentlich des Plato den entschiedensten u. ernstesten Widerspruch hervor; nicht blos ihre eigennützige Betriebsamkeit, ihre anmaßende Selbstgefälligkeit u. Prunksucht, sondern auch vorzugsweise ihre, der wahren wissenschaftlichen Forschung u. sittlichen Überzeugung abgewendete, auf den bloßen Schein gerichtete Denkweise u. die Haltlosigkeit der dialektischen Künste u. logischen Klopffechtereien, deren sich vorzüglich die späteren S-en schuldig gemacht zu haben scheinen, werden in den platonischen Dialogen vielfach bekämpft u. verspottet. Hierdurch hat das Wort S. später ganz allgemein die Bedeutung eines Menschen bekommen, welcher durch leere Scheingründe, blendende Spitzfindigkeiten u. Trugschlüsse Andere in ihrem Urtheile zu verwirren, Irrthum in Wahrheit, Unrecht in Recht zu verkehren u. zu verdrehen sucht u. versteht. Zu Anfang des 4. Jahrh. v. Chr. hatten die S-en ihren socialen Einfluß verloren; später nannte man in Alexandrien u. an den öffentlichen Schulen die Lehrer der Beredtsamkeit u. überhaupt diejenigen so, welche gegen Bezahlung Unterricht ertheilten, Vgl. Cresollius, Theatrum Sophistarum, Par. 1620; Jac. Geel, Historia crit. Sophist. (in Nova acta Societatis Rhen. – Traj. 1823); Roller, Die griechischen S-en, Stuttg. 1832; W. Roscher, De histor. doctrinae ap. Soph. maj. vestigiis, Götting. 1838; Baumhauer, Quam vim Sophistae habuerint ad aetatis suae disciplinam, mores ac studia innovanda, Utr. 1844.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 16. Altenburg 1863, S. 299-300.
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