Wachsthum

[633] Wachsthum heißt die an lebenden organischen Körpern von dem Augenblicke ihres Entstehens bis zu einem gewissen Zeitpunkte ihres Lebens vorkommende, allmälige Zunahme an Masse und Umfang, wobei sie eine größere Menge zur Ernährung tauglicher Stoffe in sich aufnehmen, als sie dazu unbrauchbar gewordene wieder ausscheiden. Die Zeit, während welcher das Wachsthum statt hat, ist nach der Art der betreffenden Körper, sowie nach andern Umständen verschieden, für alle Classen und Arten lebender Organismen aber im voraus ziemlich genau bestimmt. So wächst der Mensch im Allgemeinen bis in sein 25. Lebensjahr, bleibt dann ebenso lange oder auch länger auf der erlangten Ausbildungsstufe stehen und beginnt erst mit dem Eintritte des höhern Alters sowol an Masse als an Umfang wieder zu verlieren. Für den lebenden organischen Körper ist das Wachsthum eine Nothwendigkeit, indem er dadurch die Kräfte, Eigenschaften, kurz diejenige Beschaffenheit erlangt, welche er besitzen muß, wenn er seiner Bestimmung genügen soll, für die unorganischen dagegen nicht, indem diese, welche Ausdehnung sie auch durch das Wachsthum erreichen mögen, hinsichtlich der ihnen zukommenden Kräfte und Eigenschaften doch wesentlich dieselben bleiben. Indem deren Umfang oder Masse durch zufällige Umstände zunimmt, verdanken sie diese Zunahme der einfachen Anhäufung gleichartiger Materie, die sich in Gestalt von übereinander liegenden Schichten oder mehr oder weniger regelmäßigen Krystallen auf sie ablagert, wachsen also stets nur von außen nach innen. Die lebenden Körper dagegen wachsen, indem sie die Substanzen, die zu ihrer Vergrößerung geeignet sind, in sich aufnehmen (die Pflanzen durch Einsaugung, die Thiere und der Mensch durch Genuß von Nahrung und Getränken), in ihrer innern Zusammensetzung verändern und erst, nachdem sie dieselben ihrer eignen Natur verähnlicht haben, zur Vermehrung ihrer eignen Masse verwenden; sie wachsen also von innen nach außen. Das Wachsthum der unorganischen Körper ist unbeschränkt, vom bloßen Zufalle abhängig, seine Dauer unbestimmbar. Anders verhält sich dies mit den lebenden organischen Körpern, bei denen es für jede Art seine bestimmten Grenzen, sowol der Dauer als der Ausdehnung hat. Der Mensch, die Thiere und Pflanzen überschreiten nur ausnahmsweise ihre von der Natur gezogenen Grenzen der Entwickelung. Lebende organische Körper entwickeln sich in der doppelten Richtung der Länge und Dicke, wobei jedoch erstere vorherrscht, unorganische Körper dagegen vergrößern sich nach keiner bestimmten Richtung. Aber auch zwischen Thieren und Pflanzen finden Unterschiede im Wachsthume [633] statt. Erstere sind in dieser Beziehung unabhängiger von äußern Einflüssen als letztere, deren Gedeihen Wärme, Feuchtigkeit, Beschaffenheit des Bodens und Mischung der Luft wesentlich befördern oder benachtheiligen können. Nach vollendetem Wachsthume erleidet das Thier während der übrigen Zeit seines Lebens keine Veränderung der Gestalt und Ausdehnung mehr, während bei der Pflanze beinahe bis zum Tode neue Triebe periodisch die Gestalt und Anzahl ihrer Theile verändern. Selten wächst der Mensch gleichmäßig in die Länge (Höhe) und in die Dicke; eine der beiden Richtungen behält in der Regel das Übergewicht. Lange Menschen sind gewöhnlich schmächtig, kleine oder mittelgroße dick und untersetzt. Daher sind die zwischen den Menschen bestehenden Wachsthumsunterschiede mehr scheinbar als wirklich; was der eine in die Länge wächst, wächst der andere in die Dicke, und am Ende besitzen beide bei einer ungleichen Natur doch die gleiche Masse, dasselbe Gewicht. Die Grenzen des Wachsthums in die Höhe sind übrigens weit fester bestimmt als die des Wachsthums in die Dicke, auf welche letztere das Geschlecht, Temperament, die Lebensweise einen Einfluß äußern, der bei dem Wachsthume in die Länge nicht zu bemerken ist. Im Allgemeinen zeigen sich im menschlichen Leben hinsichtlich des Wachsthums drei Zeiträume, von der Empfängniß bis zur vollendeten Mannbarkeit, das Kindes- und Jünglingsalter, dann eine Zeit des Stillstandes, das Mannesalter; in dem dritten, dem Greisenalter, verkümmert der Organismus gewissermaßen, indem die immer mangelhafter werdende Ernährung den täglichen Verlust an Kraft und Masse nicht mehr zu ersetzen vermag, die ausscheidende Thätigkeit gewinnt die Oberhand, das Wachsthum wird rückgängig, der Körper schrumpft zusammen. Die besondere Organisation der lebenden Wesen hat großen Einfluß auf die Geschwindigkeit ihres Wachsthums. So ist bei den Pflanzen der außerordentliche Unterschied, welcher in dieser Beziehung zwischen den weichen und harten Hölzern stattfindet, eine allgemein bekannte Sache. Die Beobachtungen an Thieren und Menschen bestätigen diesen Satz ebenfalls. Die Frauen, ferner Personen von lymphatischer Constitution, die Bewohner feuchter und heißer Länder entwickeln sich früher. Selbst manche Krankheiten scheinen das Wachsthum zu beschleunigen. Die Dauer des Wachsthums oder die Zeit, während welcher es vollendet wird, entspricht im Allgemeinen bei jeder Art lebender Wesen der Dauer ihres Lebens. Dieser Satz findet auf alle Pflanzen ohne Ausnahme Anwendung und gilt auch für die Classe der Säugthiere und insbesondere auch für das Menschengeschlecht. Im Allgemeinen erreicht der Mensch in den gemäßigten Klimaten seine höchstmögliche Entwickelung. Temperament, Thätigkeit und Bewegung, Ruhe und Unthätigkeit üben einen nicht unbedeutenden Einfluß auf das Wachsthum aus, das Temperament hauptsächlich auf das Wachsthum in die Dicke, Thätigkeit und Bewegung im Allgemeinen fördernd, vorausgesetzt, daß sie dem natürlichen Maße der Kräfte angepaßt werden, Ruhe und Unthätigkeit beschränkend und hemmend.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 633-634.
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