Fes [3]

[460] Fes (Fez, arab. Fâs), eine der bei den Haupt- und Residenzstädte des Sultanats in Marokko unter 34°6' nördl. Br. und 4°52' westl. L., 195 km südöstlich von Tanger, 350 m ü. M., am wasserreichen Ued Fes, auf einer Hochebene zwischen den nördlichen Ausläufern des Atlas und einem die weite, fruchtbare Ebene el Gharb im O. begrenzenden Gebirgszug, zerfällt in das größere Alt-F. (F. el Bâli) und Neu-F. (F. el Dschedid), beide von einer doppelten, 10 m hohen Mauer mit viereckigen Türmen umgeben und in ihrem nördlichen Teil durch die gewaltige, aber teilweise in Ruinen liegende Kasbah, mit dem Palast des Sultans verbunden. Neu-F. enthält das Quartier der Juden, das Mellah. Die Plätze sind zahlreich, aber klein, die Straßen eng, krumm, schmutzig. Der Ued Fes wird in zahlreichen Kanälen durch die Häuser und Gärten geführt. An letztern sind alle höher gelegenen Teile reich, während sich außerhalb der Mauern viele ausgedehnte Oliven- und Orangenhaine finden. Die Stadt, die im Mittelalter 400,000 Einw. gehabt haben soll, zählt gegenwärtig 150,000, nach andern nur 40,000 (Mauren, Araber, Berber, Neger), wovon 10,000 Juden sein sollen. Eine Garnison von 5000 Mann steht unter dem Gouverneur der Stadt. Von ihrem Verfall zeugt, daß von 785 Moscheen der Blütezeit nur noch 130 vorhanden sind, darunter die des Mula Edris, die Dschama Karubin (»Moschee der Cherubim«), die größte und berühmteste Moschee in ganz Nordafrika. Mit dieser ist eine an Handschriften reiche Bibliothek und eine einst berühmte, heute ganz gesunkene Hochschule verbunden, an die sich eine Anzahl ebenso verkommener Elementarschulen anschließt. Die Industrie, die hier ihren Hauptsitz in Marokko hat, erzeugt wollene Decken und Beduinenmäntel, Saffian, Sättel, Kissen und seidene Tücher, ferner Teppiche, Schießpulver, schlechte Fayence, rote Kappen (daher Fes genannt, jetzt im Verfall), grobes Geschmeide (in den Händen der Juden). Noch immer ist F. die bedeutendste Handelsstadt Nordwestafrikas. Aus Europa kommen Seide, Baumwollenstoffe, Tuch, Papier, Waffen, Pulver, Tee, Drogen, Zucker und Gewürze, die von hier über ganz Nordwestafrika bis Timbuktu gehen. F. ist Sitz eines deutschen Konsuls. Daß an Stelle des heutigen F. schon eine römische Stadt gestanden hat, als die Landschaft Mauretania Tingitana einen Teil der römischen Provinz Hispania bildete, ist aus Ruinen in der Umgebung zu schließen. Wahrscheinlich wurde die römische Stadt von den Vandalen zerstört, als sie sich Nordafrikas bemächtigten (429ff.), und während der darauf folgenden 200jährigen Herrschaft des oströmischen Reichs nicht wieder aufgebaut. Als die Araber auf ihrem Eroberungszug im 7. Jahrh. auch hierher kamen und Nordwestafrika unter dem Namen Magreb el Aksa oder Sus beherrschten, gründete Edris, der flüchtige Enkel Hassans, des Sohnes Alis, 788 die Stadt Walyly als Residenz, an deren Stelle sein Sohn Edris II. 793 das von ihm erbaute F. setzte. Nach wechselvollen Schicksalen, in denen Stadt und Land einige Zeit von den Kalifen Spaniens abhängig waren, stiftete nach der Gründung von Marokko (1062) durch den Almoraviden Abu Bekr sein Nachfolger Jusuf ibn Taschfin 1086 das Reich F. und Marokko. 1202 machte sich die Landschaft F. unabhängig und gelangte danach schnell zu so hoher Blüte, daß die Stadt F. 785 Moscheen und Kapellen, 93 öffentliche Bäder und allein innerhalb der Ringmauern 472 Mühlen zählte. Um die Mitte des 16. Jahrh. wurde das Reich F. abermals mit Marokko vereinigt, bei dem es seitdem verblieb; die Stadt F. aber teilte fortan den Rang einer Haupt- und Residenzstadt mit Marokko,[460] dem F. jedoch durch den Ruf großer Heiligkeit (in Westafrika gleich hinter Mekka) weit voransteht. Seit dieser Zeit datiert aber auch der Verfall von F. Vgl. Rohlfs, Mein erster Aufenthalt in Marokko (Brem. 1873); Moulieras, Fez (Par. 1902) und die unter »Marokko« angegebene Literatur.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 6. Leipzig 1906, S. 460-461.
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