Vierwaldstätter See

[155] Vierwaldstätter See, der von den »vier Waldstätten« Uri, Schwyz, Unterwalden und Luzern eingerahmte, berühmte schweizer. See (s. Karte »Schweiz«), hat eine eigentümlich zerrissene Gestalt, indem sein Kartenbild einem Kreuz mit geknicktem Stamm ähnelt. So besteht er eigentlich aus sechs Becken. Urner, Gersauer, Weggiser, Luzerner, Alpnacher und Küßnachter See, von denen die vier ersten den Stamm, die beiden letzten die Arme des Kreuzes bilden. Das wie abgeknickte Stammstück, als oberster Teil, der Urner See, ganz im Gebiete des Kantons Uri, ist von hohen, schroff in den See abfallenden[155] Felswänden, die am Axenberg merkwürdige Schichtenbeugungen zeigen und wenig Landungsplätze offen lassen, umgeben. Hier drohen plötzliche und heftige Stürme. Der Urner See verengert sich im N. bis auf 900 m und geht hier in den Gersauer See über, zwischen den Kantonen Schwyz und Unterwalden. Zwei Felszungen, die »Nasen«, trennen ihn vom Weggiser See, der mit dem Kreuztrichter in die drei letzten Golfe überleitet. Nach NO. geht der Küßnachter See, am Fuß des Rigi, nach SW. der durch einen bloß 300 m breiten Hals fast ganz abgeschlossene Alpnacher See und nach NW. der Luzerner See, der mit dem Ausfluß der Reuß endet. Von den beiden »Nasen« an wird das nördliche Ufer anmutiger, das südliche dagegen in dem steil abgerissenen Bürgenstock rauher. Einen malerischen Hintergrund bilden die zackigen Felsenhörner des Pilatus, die Pyramiden des Stanser und Buochser Horns, der Bauenstöcke und der Rigi. Gegen Luzern hin verflachen sich die Ufer zu Hügeln, die mit Landhäusern, Dörfern und Obstbäumen besetzt sind. Die größte Tiefe des Sees (im Urner See) beträgt 214 m, der mittlere Wasserspiegel liegt 437 m ü. M. Die Länge beträgt 37,2 km, das Areal 115,48 qkm. Tiefentemperatur 4–6°; Oberflächentemperatur im Sommer 17–25°. Größere Zuflüsse sind: die Reuß, Muota, Engelberger Aa und Sarner Aa. Die einzige Insel, die im See liegt, ist Altstad, zwischen dem Luzerner und Küßnachter See. Von Fischen finden sich im V. namentlich Lachse, Forellen, Weise, Ballen und Röteln. Da der See ein Stück der Gotthardroute bildet, so ist der Verkehr auf demselben sehr belebt. Außer gewöhnlichen Segel- und Ruderschiffen (»Nauen«) wird derselbe von vielen Personendampfern befahren. Die Gotthardbahn erreicht den See bei Brunnen und begleitet das Ostufer des Urner Sees bis Flüelen. Besonders interessant ist der V. durch seine sagenhaften Erinnerungen (Grütli, Tellsplatte, Tellskapelle, Küßnacht), die Schiller in seinem »Tell« verewigt hat. Unweit des Grütli ragt aus dem V. der Mythenstein mit dem 1860 errichteten Schillerdenkmal hervor (s. Grütli). Vgl. Hardmeyer, Der V. (Zürich 1884); Türler, Die Berge am V. (Luzern 1888); Eichhorn, Der V. (das. 1907); Heer, Der V. und die Urkantone (Prachtalbum, Zürich 1898) und Führer für Luzern, V. und Umgebung (16. Aufl., Luzern 1907); Winiker, Die Fischereirechte am V. (Bern 1908).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 155-156.
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