Psalm

[659] Psalm (v. gr. Psalmos), 1) Lied, welches mit Saiteninstrumenten begleitet wird; 2) (Psalter, hebr. Thillim, d. i. Loblieder), die Sammlung heiliger Lieder u. Nationalgesänge der Juden, welche im A. T. enthalten sind; sie wurden zum Theil nicht blos bei den Juden in ihrem Tempel, sondern auch von den ersten Christen in ihren gottesdienstlichen Versammlungen gesungen. Ursprünglich heißen sie im Hebräischen Mismor, d. i. ein abgesungenes, mit der Cither begleitetes Lied. Die Überschriften der Psalmen beziehen sich entweder auf den Verfasser[659] u. die historische Veranlassung od. auf den poetischmusikalischen Charakter des P., nämlich zu welcher Dichtungsart er gehöre u. mit welcher Instrumentalbegleitung er gesungen werden solle; od. auf Angabe der Melodie, auf welche u. nach welcher er gesungen werden soll mit Angabe des Stichwortes des Hauptliedes, z.B. Hindin des Morgenroths, Stumme Taube, Lilie etc.; od. auf Angabe der liturgischen Bestimmung der Psalmen. Die öftere Beischrift Sela hat wahrscheinlich einen musikalischen Zweck u. bedeutet vielleicht eine mit Zwischenspiel auszufüllende Pause, nach Andern daß die Melodie nun um einige Töne höher gesungen werden soll, nach And. das Zeichen für da capo od. für Stimmänderung, nach And. bedeutet es Vollspiel. Der über vielen Psalmen Davids befindliche Name Schir bezeichnet jedes Lied überhaupt, hier aber eine Ode. Die Psalmen sind bald freudigen (dazu die Dankpsalmen für erhaltene Wohlthaten), bald traurigen Inhalts (dazu die Bußpsalmen, welche tiefe Reue über begangene Sünden u. Sehnsucht nach der Gnade Gottes ausdrücken, wie 6, 32, 38, 51, 102, 130, 143); Fluchpsalmen heißen die, in welche die Rache Gottes über seine Feinde herabgewünscht wird, z.B. P. 35, 52; unter die messianischen Psalmen (s.d.) sind P. 2, 8, 16, 22, 40, 45, 72 u. 110 zu rechnen. P. 25, 34, 145 sind in alphabetischer Ordnung. Die Psalmen 1–72 heißen Thephilloth (Gebete). Der 7. P. führt die besondere Überschrift: Schiggaion (Klaglied, Elegie). Die Psalmen 120–134 heißen gewöhnlich Stufenpsalmen (fr. Graduelles, nach dem griechischen Ὠδαὶ τῶν ἀνα-βαϑμῶν), nach der traditionellen Ansicht der Juden, weil sie auf den 15 zum Vorhof der Israeliten führenden Stufen gesungen werden, u. von Luther fälschlich als Lieder im höheren Chor übersetzt (weil sie auf einer erhöhten Bühne [diese existirte gar nicht] gesungen worden wären); hebräisch heißen sie Schir Hamaaloth, nach Einigen (Gesenius), weil sie einen stufenartigen Fortschritt im Vers- u. Gedankengang zeigen; nach Anderen (Ewald) Lieder der Hinaufzüge, nämlich auf dem Zuge aus dem Babylonischen Exil in die Heimath; nach And. (Hitzig) Lieder bei dem Hinaufzug nach Jerusalem zu der Festbegehung u. speciell (Thenius) bei verschiedenen Stationen der Festreise, so P. 120 beim Aufbruch, 121 beim ersten Anblick der Berge, 122 beim Eintritt in Palästina, 132 bei der letzten Station vor Jerusalem, 133 beim Einzuge in Jerusalem, 134 beim Eintritt in den Tempel. Eine große Anzahl der Psalmen haben David zum Verfasser, doch sind nicht alle 72, welche seinen Namen führen, von ihm gedichtet. Seine Lieder enthalten viele Beziehungen auf seine Verfolgung, die Vorfälle zu Anfang seiner Regierung, Absalons Empörung, seine Buße vor Nathan etc. Mehre Psalmen gehören Assaph an, u. P. 50, 73, 74, 75, 76, 78, 80, 81, 82, 83 führen seinen Namen. Ferner werden Moses (P. 90), Heman, Ethan, die Kinder Korah (Korahitische Psalmen), Salomo (P. 72 u. 127) als Verfasser der Psalmen genannt. Das Psalmbuch begreift 150 Psalmen, welche indessen in älteren Manuscripten, indem einige zusammengezogen sind, nicht in gleicher Zahl aufgeführt werden; die Septuaginta rechnen P. 109 u. 110, so wie P. 114 u. 115 für Einen P.; auch haben sie einen 151. P., welcher aber hebräisch wohl nicht da war. Als Sammler der Psalmen wird gewöhnlich Esra genannt. Man theilt sie in 5 Bücher: a) Psalm 1–41 mit dem Hauptgedanken Frömmigkeit mit reinem Herzen geübt u. durch Gebet befördert macht Gott angenehm; b) 42–71: Gott muß im Tempel mit Opfern u. Lobliedern gepriesen werden, aber nur wer das mit reinem Herzen thut ist der Gnade Gottes gewiß; c) 73–89: Gott gibt sein verirrtes Volk in die Gewalt der Heiden, daß es wieder umkehre u. Gott wieder so verherrlichen könne, daß Jehovah von allen Nationen als Gott anerkannt werde; d) 90–106: Jehovah ist Herrscher u. König der Welt u. soll als solcher von allen Völkern anerkannt u. angebetet werden; e) 107–150: Lob- u. Danklieder für die Herstellung des neuen Staates u. Bitten, daß Gott sein Reich u. den prächtigen Tempeldienst in früherer Weise schützen u. bestehen lassen möge. Erklärungen: von de Wette, 1811, neueste Ausg. von Baur, 1856; Hitzig, 1835 f.; Ewald, 1835; Tholuck, 1843; Lengerke 1847; Vaihinger, 1845; Hengstenberg, 1842–47, u. A. 1849–52; Olshausen, 1853; Hupfeld, 1855–1860; Delitsch, 1859; 3) ein den Psalmen nachgebildetes, religiöses Lied.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 13. Altenburg 1861, S. 659-660.
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